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20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

12. bis 14.09.2003, Rostock

Stimmstörungsindex

Vortrag

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  • corresponding author Tadeus Nawka - Univ.-HNO-Klinik, Phoniatrie und Pädaudiologie, Walther-Rathenau-Str. 43-45, 17487 Greifswald
  • Ute Gonnermann
  • Ulrich Wiesmann

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP. Rostock, 12.-14.09.2003. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2003. DocV25

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2003/03dgpp034.shtml

Veröffentlicht: 12. September 2003

© 2003 Nawka et al.
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Zusammenfassung

Zur multidimensionalen Beurteilung der Stimmleistungen gehört die subjektive Bewertung der Beeinträchtigung des Patienten durch die Stimme. Aus dem für den deutschsprachigen Raum validierten Voice Handicap Index (VHI) wurden durch Faktorenanalyse vier Faktoren extrahiert, die zur Erklärung der Gesamtvarianz dienen: Negative Stimmerfahrung, Selbstunsicherheit, Mangelnde Tragfähigkeit der Stimme und Negative Emotionalität. Von 30 Items des VHI wurden die drei am stärksten ladenden Items jedes dieser vier Faktoren zu einem gekürzten Bogen zusammengestellt, der die Bezeichnung Stimmstörungsindex (SSI) erhielt. In einer multizentrischen Studie unter Beteiligung von sieben phoniatrischen Einrichtungen wurde für den SSI eine sehr hohe Reliabilität gefunden (Cronbach's alpha = 0,91). Die Test-Retest-Stabilität des SSI ist mit einer Korrelation von 0,83 (p<0,001) hoch. Das 95% Konfidenzintervall der kritischen Differenz liegt bei 2,44. Eine Differenz des SSI von 3 Punkten oder mehr weist auf eine Veränderung der Stimmbeeinträchtigung hin, die nicht aus der inhärenten Variabilität des Fragebogens resultiert. Der SSI als gekürzte Form des deutschen VHI ist für die Diagnostik von Stimmstörungen geeignet.


Text

Einleitung

Zur multidimensionalen Beurteilung der Stimmleistungen gehört die subjektive Bewertung der Beeinträchtigung des Patienten durch die Stimme. Aus dem für den deutschsprachigen Raum validierten Voice Handicap Index (VHI) wurden durch Faktorenanalyse vier Faktoren extrahiert, die zur Erklärung der Gesamtvarianz dienen: Negative Stimmerfahrung, Selbstunsicherheit, Mangelnde Tragfähigkeit der Stimme und Negative Emotionalität [1]. Von 30 Items des VHI wurden die drei am stärksten ladenden Items jedes dieser vier Faktoren zu einem auf 12 Items reduzierten Bogen zusammengestellt, der vorläufig die Bezeichnung Stimmstörungsindex (SSI) erhielt. Die ausgewählten Items sind im VHI fortlaufend nummeriert und mit der Zuordnung zu den physischen (P), funktionellen (F) und emotionalen (E) Subskalen versehen: P17, P21, P14, E24, F8, F19, F3, F5 F1, E28, E27, E30.

Material und Methoden

Es wurden insgesamt 255 Patienten befragt. Vollständige deskriptive Angaben zur Population lagen für 175 Bögen vor. In der Tabelle 1[Abb. 1] ist die Stichprobenverteilung nach Alter und Diagnosegruppe aufgeführt.

In 65 Fällen wurde von den Patienten der SSI zweimal im Abstand von 7 bis 10 Tagen beantwortet. Zwischen den Antworten lag keine Therapie.

Ergebnisse

Für den SSI wurde aus 247 kompletten und berechenbaren Fällen eine interne Reliabilität von Cronbach's α = .91 gefunden. Eine Hauptkomponentenanalyse mit Varimax-Rotation dient der Aufdeckung der Dimensionalität des Messinstrumentes. In den vorliegenden 247 Bögen finden sich Items aus den früher ermittelten Faktoren gruppiert wieder (Ladungen siehe Tabelle 2 [Abb. 2]):

- Faktor 1 „Emotionales Stimmerleben" (52.04 % erklärte Varianz)

Selbstunsicherheit (Items 4-6)

Negative Emotionalität (Items 10-12):

- Faktor 2 „Körperliches Stimmerleben" (11,24 % erklärte Varianz)

Negative Stimmerfahrung (Items 1-3)

Mangelnde Tragfähigkeit der Stimme (Items 7-9)

Die Test-Retest-Stabilität des SSI beträgt r = .83 (p < .001, n = 65). In Abbildung 1[Abb. 3] ist der Scatterplot dargestellt. Das 95% Konfidenzintervall der kritischen Differenz liegt bei 2,44. Eine Differenz des SSI von >2 Punkten weist auf eine Veränderung der Stimmbeeinträchtigung hin, die nicht aus der inhärenten Variabilität des Fragebogens resultiert.

Die Selbsteinschätzung des Patienten korreliert mit dem Heiserkeitsgrad (0.586) und mit dem SSI (0.585) hochsignifikant. Der vom Untersucher eingeschätzte Heiserkeitsgrad der Stimme korreliert mit dem SSI (0.433) ebenfalls hochsignifikant. Die Gruppe von nicht heiseren Stimmen liegt mit einem mittleren SSI von 7,86 ±7,581 signifikant niedriger als die Gruppen mit heiseren Stimmen (H1: 13,52 ±9,125; H2: 18,14 ±9,234; H3: 21,53 ±10,056). Signifikant verschiedene SSI Mittelwerte in benachbarten Gruppen mit unterschiedlichem Heiserkeitsgrad lassen sich durch die ANOVA statistisch nicht nachweisen.[Abb. 4]

Diskussion

Die interne Konsistenz des SSI-Fragebogens ist durch ein sehr hohes Cronbach's Alpha von .91 nachgewiesen und berechtigt zur Bildung eines Summenscores oder Indexes. Die Retest-Reliabilität ist mit .83 als gut zu bezeichnen.

Die relativ schwache Korrelation des SSI mit dem Heiserkeitsgrad weist darauf hin, dass das subjektive Erleben der Stimme von objektiven oder extern erhobenen Daten zum Teil erheblich abweichen kann. Das weist darauf hin, dass die eigene Auskunft des Patienten nicht allein zur Bewertung seiner Stimmstörung dienen kann. Die Aussagen des Patienten haben aber denselben Trend wie die Ergebnisse von anderen Stimmuntersuchungen.

Die Hauptkomponentenanalyse wies zwei Dimensionen auf, die als „Emotionales Stimmerleben" und „Körperliches Stimmerleben" interpretiert werden können und durch jeweils sechs Items repräsentiert werden. Eine ähnliche Teilung findet sich im V-RQOL von Hogikyan, der ohne vorausgehende statistische Analyse eine Zweiteilung der Items in den Bereich „Körperliche Funktion" und den „Sozial-Emotionalen" Bereich vornimmt. In zukünftigen Untersuchungen kann eruiert werden, ob die Differenzierung nach den beiden aufgewiesenen Dimensionen auch klinisch bedeutsam ist. Die Wertigkeit für Therapieverläufe wird sich nach weiteren Tests beurteilen lassen.

Die Praxis der Befragung zeigt, dass die Verkürzung des VHI auf 12 Items den Untersuchungsablauf deutlich vereinfacht. Der SSI als auf 12 Items gekürzte Form des deutschen VHI ist für die Diagnostik von Stimmstörungen geeignet.


Notes

An der Studie beteiligten sich sechs weitere universitäre phoniatrische Einrichtungen: Berlin (FU), Mainz, Marburg, Regensburg, Rostock. Die 80 SSI Bögen der teilnehmenden Einrichtungen wurden in die Prüfung der Reliabilität und die Faktorenanalyse einbezogen.


Literatur

1.
Nawka T, Wiesmann U, Gonnermann U (2003) Validierung des Voice Handicap Index (VHI) in der deutschen Fassung. HNO (im Druck)
2.
Hogikyan ND, Sethuraman G (1999) Validation of an instrument to measure voice-related quality of life (V-RQOL), Journal of Voice 13 (4): 557-569