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122. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie

Deutsche Gesellschaft für Chirurgie

05. bis 08.04.2005, München

Die Artefaktkrankheit in der Chirurgie

Meeting Abstract

  • corresponding author J. Kammler - Berufsgenossenschaftliche Kliniken Bergmannsheil - Chirurgische Universitätsklinik mit Poliklinik, Bochum
  • S. A. Esenwein - Berufsgenossenschaftliche Kliniken Bergmannsheil - Chirurgische Universitätsklinik mit Poliklinik, Bochum
  • H.-H. Homann - Berufsgenossenschaftliche Kliniken Bergmannsheil - Universitätsklinik für Plastische Chirurgie und Schwerbrandverletzte, Bochum
  • H.-U. Steinau - Berufsgenossenschaftliche Kliniken Bergmannsheil - Universitätsklinik für Plastische Chirurgie und Schwerbrandverletzte, Bochum
  • J. Hauser - Berufsgenossenschaftliche Kliniken Bergmannsheil - Chirurgische Universitätsklinik mit Poliklinik, Bochum
  • G. Muhr - Berufsgenossenschaftliche Kliniken Bergmannsheil - Chirurgische Universitätsklinik mit Poliklinik, Bochum

Deutsche Gesellschaft für Chirurgie. 122. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. München, 05.-08.04.2005. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2005. Doc05dgch2439

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgch2005/05dgch377.shtml

Veröffentlicht: 15. Juni 2005

© 2005 Kammler et al.
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Gliederung

Text

Einleitung

Bei der Artefaktkrankheit (Synonym: Münchhausen- oder Asher-Chapman-Syndrom) werden durch die Betroffenen autoaggressive Körpermanipulationen ausgeführt und der dann aufgesuchte Arzt über die Ursachen der körperlichen Störung getäuscht. Die Diagnosestellung ist für den primär behandelnden Arzt schwierig, die Dunkelziffer der Erkrankungen dieses Formenkreises als hoch einzuschätzen. Die epidemiologischen Angaben sind aufgrund der spezifischen Problematik noch nicht empirisch durch Studien an größeren Patientenkollektiven gesichert, wobei die Angaben in der Literatur zwischen 0,05% und 2,0% schwanken. Durch die in den letzten Jahren zunehmende Zahl der erkannten Fälle hat die Problematik der Artefaktkrankheit zunehmend das Interesse der verschiedenen Fachgebiete gefunden. Die von den Betroffenen präsentierte Symptomatik ist sehr vielfältig und umfasst in wechselnder Häufigkeit alle chirurgischen Teilgebiete. Typischerweise wenden sich die Patienten primär an Chirurgen, Hautärzte und Allgemeinmediziner, eine psychiatrisch-psychoanalytische Komponente wird von den Patienten zumeist negiert.

Material und Methoden

Im Rahmen dieser Studie soll an einem allgemein-, unfallchirurgischen- und plastischchirurgischen Patientenkollektiv von insgesamt 27 Patienten mit klaren Hinweisen auf Selbstmanipulation eine Übersicht über mögliche Formen der Artefaktkrankheit gegeben werden. Die Auswertung erfolgte retrospektiv anhand der vorliegenden Behandlungsberichte, der Patientenakten, der klinischen Verläufe und der anamnestisch erhobenen Angaben der Patienten.

Ergebnisse

Die fortwährende Simulation echter Krankheiten führt zu einem bunten Bild verschiedenster, therapieresistenter oder -refraktärer Läsionen mit hieraus resultierenden Verlusten der Funktion oder der Organtätigkeit. Allen Fällen gemeinsam ist die langwierige Behandlungsdauer mit zahlreichen Krankenhausaufenthalten und vielen vorangegangenen Operationen. Die von den Patienten gewählte Selbstschädigungsform zeigt meist einen chronischen Verlauf, der ohne gezieltes therapeutisches Intervenieren keine Veränderung zeigt. Typischerweise liegen zahlreiche Läsionen an von der dominanten Hand erreichbaren Körperteilen. Die Manipulationen werden meist zielgerichtet, bewusst und steuerbar eingesetzt und entstehen aufgrund einer zugrundeliegenden Beziehungsstörung zum eigenen Körper. In den meisten Fällen findet sich ein häufiger Wechsel der behandelnden Ärzte und eine auffallende Bereitschaft zu eingreifenden diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen (selbst für schwerwiegende operative Eingriffe). Charakteristisch ist außerdem das Hervorbringen von bedrohlichen Krankheitszeichen nach zwischenzeitlicher Beschwerdebesserung im Rahmen der engmaschig kontrollierten stationären Behandlung. Ein meist anamnestisch zu erhebendes ungewöhnliches Lebensschicksal oder eine mitleidserregende Leidensgeschichte begleitet häufig die Beschwerdesymptomatik. In über 50% der Fälle handelt es sich um das weibliche Geschlecht. Auffällig ist weiterhin, dass ein Großteil der Betroffenen zu einer medizinischen oder paramedizinischen Berufsgruppe zählt.

Schlussfolgerung

Die Therapie der Artefaktkrankheit ist schwierig und stellt eine Herausforderung für den behandelnden Chirurgen dar. Dies liegt zum Teil an der typischerweise verminderten Compliance der Patienten, aber auch an der Vielfältigkeit der präsentierten körperlichen Störungen. Oftmals erlebt der behandelnde Arzt einen frustrierenden Krankheitsverlauf. Der beträchtliche diagnostische und therapeutische Aufwand, den die betroffenen Patienten für sich beanspruchen, zwingt den behandelnden Arzt aber nach Ausschluss anderer Ursachen das Münchhausen-Syndrom in die Differentialdiagnose miteinzubeziehen. Nur ein Verständnis der zugrundeliegenden Faktoren und eine gute Arzt-Patienten-Beziehung ermöglichen einen Therapieerfolg. Entscheidend sind die frühzeitige Diagnose und die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Psychiatern und Psychosomatikern.