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28. Jahrestagung der Deutschsprachigen Arbeitsgemeinschaft für Verbrennungsbehandlung (DAV 2010)

13.01. bis 16.01.2010, Schladming, Österreich

Joseph Beuys – Verbrennungstrauma und Katharsis

Meeting Abstract

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  • corresponding author Christian Ottomann - Martin-Luther-Krankenhaus Berlin, Abteilung für Plastische Chirurgie, Berlin, Deutschland

DAV 2010. 28. Jahrestagung der Deutschsprachigen Arbeitsgemeinschaft für Verbrennungsbehandlung. Schladming, Österreich, 13.-16.01.2010. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2010. Doc10dav06

DOI: 10.3205/10dav06, URN: urn:nbn:de:0183-10dav061

Veröffentlicht: 30. Juni 2010

© 2010 Ottomann.
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Gliederung

Text

„Ein Mensch, der nie krank war, ist wie einer, der nie gereist ist, er bleibt immer irgendwie beschränkt“. Diese Worte stehen als Leitmotiv über dem Leben und dem Werk Joseph Beuys. Im Mittelpunkt seines umfangreichen und ungeheuer komplexen Arbeiten befindet sich immer wieder der Mensch in seiner Verwundbarkeit und Sterblichkeit. Seine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Menschen als einem „kranken Wesen“ hat ihren Ausgangspunkt in jenem Schlüsselerlebnis, das seine Kunst grundlegend beeinflusste. Bei dem Absturz der JU 87 auf der Krim im Winter 1943 wird Beuys unter dem Flugzeugheck eingeklemmt. Der Pilot kam ums Leben, er selbst lag schwerverletzt mit Verbrennungen in eisiger Kälte im Schnee. Dass Beuys überlebt ist ein Wunder, und nur nomadisierenden Tataren zu verdanken, die auf ihren Wanderzügen über die Krim das Flugzeugrack und den bewusstlosen Beuys entdecken. Sie brachten ihn in ihr Lager und pflegten ihn, indem sie seine Verbrennungswunden mit tierischem Fett salbten und den Körper in Filz einwickelten. Über die Art der Rettung gehen seit einiger Zeit die Meinungen auseinander. Je nachdem, ob man Beuys Darstellung nach neuen Recherchen vor Ort als reine Fiktion sieht, oder ob man in ihr eine tiefere Wahrheit des Künstlers erkennt, geht die Geschichte als „Tatarenlegende“ in die europäischen Kunstgeschichtsschreibung ein. Sie dient als Interpretationsgrundlage für die Verwendung von Fett und Filz als künstlerische Ausdrucksmittel. Das Erlebnis bietet der Beuys Forschung Anlass zu zahlreichen Diskussionen. Einmal ist es von besonderer Bedeutung in einem bewusst als Mythos gestalteten Lebenslauf über die traumatischen Erfahrungen des Krieges, andererseits wird konstatiert, Beuys sei hier erstmals mit dem Schamanismus in Berührung gekommen, der seine Kunst wesentlich prägte. Was die Wende im Zustand des zu Tode verwundeten und halb erfrorenen Beuys herbeiführt, sind einfache, archaische Stoffe. Mit Filz wird die überlebensnotwendige Wärme zugeführt, gerade der Filz – bestehend aus Tierhaaren – besitzt daher für ihn eine wichtige symbolische Funktion. Wärme ist einer der am stärksten positiv besetzten Begriffe im Beuysschen Denken. In ähnlicher Weise übt auch Fett eine Faszination auf ihn aus: „Fett. Ein bisschen Fett. Mit ein bisschen Fett geht alles“. Die Rückkehr zum Leben, die „Wiedergeburt“ ereignet sich nicht über Medikamente und medizinische Apparate, sie vollzieht sich in einem Umfeld archaischer Einfachheit. Die Gemeinschaft der Tartaren mildert die in der Isolation empfundene Angst. Es sind rituelle Handlungen, von denen laut Beuys eine geheimnisvolle Kraft und eine magische Wirkung ausging. Laut Beuys gehört zur „Neubewertung des bisherigen Lebens“ eine Abkehr von der einseitigen Vorherrschaft des rationalen Denkens. Ein weiteres Prinzip, das für Beuys als Künstler bestimmend ist, „und das für alle Menschen richtungweisend sein muss“ ist die „ständige Bewegung“. Nomadische Existenz bedeutet Veränderung, Verwandlung, Entgrenzung und Aufbrechen von Erstarrtem. Durch den Absturz aus dem Flugzeug, das schwere Verbrennungstrauma, die Nahtoderfahrung und eine als „Wiedergeburt“ empfundene Rettung sensibilisiert, konnte Beuys sich, den Menschen und die Gesellschaft nicht mehr so sehen wie bisher. Er hat mit dem neuen Bewusstsein Schranken ignoriert und Visionen entworfen, auf denen alle Menschen gleich ihm Heilung erfahren sollten. Heute geht es darum, an Hand der verbliebenen Requisiten die Erinnerung wach zu halten an den Künstler als eine Dokumentation von außergewöhnlicher Kraft, erwachsen aus Trauma und schwerer Verbrennung und getragen von einem leidenschaftlichen Bekenntnis zum Menschen und zum Leben.