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26. Jahrestagung der deutschsprachigen Arbeitsgemeinschaft für Verbrennungsbehandlung (DAV 2008)

06.01. bis 09.01.2008, Engelberg

Stefan Jellinek (1871–1968) – Pionier der Erforschung von Stromverletzungen und seine einzigartige "Elektropathologische Sammlung"

Meeting Abstract

  • Andreas Gohritz - Klinik für Plastische, Hand und Wiederherstellungschirurgie, Medizinische Hochschule, Hannover
  • Nicolas Stütz - Klinikum Nürnberg Süd, Nürnberg
  • Matthias Aust - Klinik für Plastische, Hand und Wiederherstellungschirurgie, Medizinische Hochschule, Hannover
  • Peter M. Vogt - Klinik für Plastische, Hand und Wiederherstellungschirurgie, Medizinische Hochschule, Hannover
  • Merlin Guggenheim - Klinik für Wiederherstellungschirurgie, Verbrennungszentrum, Universitätsspital, Zürich

DAV 2008. 26. Jahrestagung der deutschsprachigen Arbeitsgemeinschaft für Verbrennungsbehandlung. Engelberg, 06.-09.01.2008. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2008. Doc08dav11

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dav2008/08dav11.shtml

Veröffentlicht: 30. Juni 2008

© 2008 Gohritz et al.
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Gliederung

Text

Einleitung: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Elektrizitäts-Verletzungen nahezu unerforscht. Die Behandlung von Stromverunfallten, infolge fehlender Schutzmaßnahmen und Leichtsinn wesentlich häufiger als heute, wurde nicht durch wissenschaftliche Untersuchungen, sondern irrige Dogmen bestimmt.

Ziel der Studie: Dieser Vortrag erinnert an den in Vergessenheit geratenen Arzt und Elektropathologen Prof. Stefan Jellinek (1871–1968), der sich früh systematisch mit den Auswirkungen des Stromes auf den menschlichen Körper befasste und dem wir zahlreiche wichtige Erkenntnisse zur Pathologie, Therapie und Prävention von Elektroverletzungen verdanken.

Ergebnisse: Jellinek begann 1899 in Wien seine unermüdlichen obwohl unbezahlten elektropathologischen Studien, meist direkt am Unfallort nach Elektrotrauma und bei vom Blitz getroffenen Menschen. Durch seine „Beobachtungen an Elektrizitätsarbeitern“, so der Titel einer berühmten Arbeit, widerlegte er Lehrmeinungen seiner Zeit und begründete wissenschaftlich fundierte Therapie dieser noch unerforschten Verletzungen: Stromschläge ab einer gewisser Stärke galten als absolut tödlich und Therapieversuche als sinnlos. Jellinek erkannte, dass oft nur ein „Scheintod durch Elektrizität“ vorlag und zeigte, dass sofortige Reanimation viele Stromverunglückte rettete. Ein weiteres Dogma betraf Elektroverbrennungen an Armen und Beinen, die aus Angst vor Sepsis sofort amputiert wurden. Gemeinsam mit dem Chirurgen von Eiselsberg bewies Jellinek gegen den Widerstand fast aller Autoritäten, dass auch bei ausgedehnten Elektroverletzungen eine „Selbstheilung“ möglich war und die Extremität erhalten werden konnte. Systematisch sammelte er Dokumente und Gegenstände zu Gefahren der Elektrizität, Strom- und Blitzschutz, elektrischer Spurenkunde, Rettungswesen und entwickelte Schutzvorrichtungen und Informationskampagnen zur Unfallverhütung. Seine berühmte „Elektropathologischen Sammlung“ mit Tausenden oft kuriosen Objekten aus den Gebieten der Pathologie, Gerichtsmedizin, Biologie und Kriminaltechnik, einmaligen anatomischen Präparaten, Wachsmoulagen, Fotographien, Presseberichten, Grafiken, Bildern und Aquarellen berühmter Künstler, ist heute noch partiell in Wien erhalten und zugänglich. 1938 verlor Jellinek als Jude den weltweit einzigen Lehrstuhl für Elektropathologie in Wien, wurde enteignet und musste 1939 nach Oxford emigrieren, wo er bis zu seinem Tod mit 97 Jahren weiterarbeitete.

Schlussfolgerung: Jellinek erforschte mit der Elektropathologie die medizinische Auswirkungen einer zur damaligen Zeit neuen Technologie und erkannte, dass der „elektrische Unfall eine Klasse für sich ist“. Sein Leben und Werk bleibt durch Einsatzwillen, Wissensstreben, Genauigkeit und seine Unbeirrbarkeit durch dogmatische Widerstände bis heute vorbildlich.