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60. Jahrestagung der Norddeutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (NDGKJ)

Norddeutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V.

13.05. - 15.05.2011, Braunschweig

Maligne infantile Osteopetrose bei einem zweijährigen Jungen – eine Kasuistik

Meeting Abstract

  • J. Scheer - Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Städt. Klinikum Braunschweig
  • A. Mudler - Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Städt. Klinikum Braunschweig
  • S. Müller - Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Städt. Klinikum Braunschweig
  • W. Eberl - Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Städt. Klinikum Braunschweig
  • H. G. Koch - Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Städt. Klinikum Braunschweig

Norddeutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. 60. Jahrestagung der Norddeutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Braunschweig, 13.-15.05.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11ndgkjPO-6

DOI: 10.3205/11ndgkj08, URN: urn:nbn:de:0183-11ndgkj088

Published: May 2, 2011

© 2011 Scheer et al.
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Hintergrund: Als Osteopetrose (auch Marmorknochenkrankheit) wird eine Gruppe seltener vererbbarer Erkrankungen des Skeletts bezeichnet, die sich durch eine vermehrte Knochendichte im Röntgenbild auszeichnen. Der Erkrankung liegt eine Fehlfunktion der Osteoklasten zugrunde. Bisher konnten Mutationen in mehr als 10 verschiedenen Genen als ursächlich für die Erkrankung nachgewiesen werden. Bei der bei Kindern vorkommenden malignen infantilen Osteopetrose (autosomal-rezessiv vererbt, Inzidenz 1:250.000) steht als lebensbedrohliche Komplikation die Bi- bzw. Panzytopenie im Vordergrund.

Fallbericht: Wir berichten von einem knapp 3 Jahre alten afghanischen Jungen, der von seinen in Deutschland Asyl suchenden Eltern mit der Bitte um eine Transfusion in der Notfallsprechstunde vorgestellt wurde. Die Eltern gaben an, dass das Kind in seiner Heimat ab einem Alter von 3 Monaten in vierwöchigen Abständen Erythrozytentransfusionen erhalten habe. Eltern und Geschwister des Jungen seien gesund. Befunde o.ä. aus der Heimat des Jungen lagen nicht vor. Bei Aufnahme sahen wir einen global entwicklungsretardierten, blinden Jungen mit Makrozephalus, Dentitionsstörung, kurzen Extremitäten, Hepatosplenomegalie und reduziertem Muskeltonus. Im Blutbild fielen eine Anämie (Hb 4,5 g/l) und Thrombopenie (Thrombozyten 44/nl) bei einer Leukozytenzahl von 6,5/nl auf, mittels Hb-Elektrophorese wurde eine Hämoglobinopathie ausgeschlossen. Die bildgebende Diagnostik zeigte im konventionellen Röntgen auffällig dichte Knochenstrukturen insbesondere im Bereich der Orbitabögen und der Schädelkalotte sowie der Wirbelkörper bei gleichzeitig massiv retardiertem Knochenalter. Das cMRT zeigte neben einer beidseitigen Atrophie des Tractus opticus eine Arnold-Chiari-Malformation Typ 1 mit begleitender Prominenz der äußeren Liquorräume. Aufgrund dieser Befunde ergab sich die Verdachtsdiagnose maligne infantile Osteopetrose mit autosomal-rezessivem Vererbungsmodus, welche durch eine genetische Diagnostik bestätigt werden konnte (homozygote Mutation im OC116-Gen (TCIRG1-Defekt)). Die Therapie beschränkte sich zunächst auf die Fortsetzung der regelmäßigen Tranfusion von Erythrozytenkonzentraten.

Schlussfolgerung: Die maligne infantile Osteopetrose ist eine seltene Ursache einer Bi- bzw. Panzytopenie im Kindesalter. Die Patienten zeigen neben charakteristischen Skelettveränderungen häufig auch neurologische Ausfälle. Betroffene Kinder haben eine deutlich verkürzte Lebenserwartung. Die Therapie ist in der Regel auf symptomatische Maßnahmen wie die Transfusion von Blutbestandteilen begrenzt. Einziger kurativer Therapieansatz ist aktuell die allogene Stammzelltransplantation.