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12th Graz Conference – Quality of Teaching

18.09. - 20.09.2008 in Graz, Österreich

Faktoren des Studienerfolgs im Medizinstudium der Medizinischen Universität Wien mit besonderer Berücksichtung geschlechtspezifischer Unterschiede

Lecture/Vortrag

  • corresponding author Lukas Mitterauer - Universität Wien, Besondere Einrichtung für Qualitätssicherung, Wien, Austria
  • author Oskar Frischenschlager - Medizinische Universität Wien, Institut für Medizinische Psychologie, Wien, Austria
  • author Gerald Haidinger - Medizinische Universität Wien, Abteilung für Epidemiologie, Wien, Austria

12. Grazer Konferenz - Qualität der Lehre: Skills and Attitudes. Graz, Österreich, 18.-20.09.2008. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2009. Doc08grako18

DOI: 10.3205/08grako18, URN: urn:nbn:de:0183-08grako185

Received: January 15, 2009
Revised: February 5, 2009
Accepted: February 18, 2009
Published: April 6, 2009

© 2009 Mitterauer et al.
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Lecture/Vortrag

Ausgangslage: Das neue Medizincurriculum (MCW) der (Medizinischen) Universität Wien, das erstmals im Studienjahr 02/03 vollständig umgesetzt wurde, bietet durch seinen starken Strukturierungsgrad gute Voraussetzungen, um den Studienerfolg laufend zu erfassen. Gleichzeitig bot das österreichische Hochschulsystem bis zum Studienjahr 05/06 aufgrund des “offenen Hochschulzugangs” die Möglichkeit, die Faktoren an einem unselektierten Sample zu erforschen, da es noch keine Zugangsbeschränkungen zum Medizinstudium gab.

Methode: Zu Beginn des Studiums wurde in einer der ersten Vorlesungen ein Fragebogen verteilt, der folgende Bereiche umfasste:

  • Soziodemographische
  • Daten
  • familiärer Hintergrund
  • Schulleistungen
  • ökonomische Situation
  • Lebensumstände
  • soziale Integration und Gesundheit
  • Lernkapazität
  • Lernstil
  • Studienmotivation
  • Umgang mit Stress.

In weiteren Untersuchungen kamen noch folgende Erhebungsinstrumente zum Einsatz das Inventar zur Erfassung von Lernstrategien im Studium (LIST) die Skala Prüfungsangst des Lernstrategieinventars (WLI) die Skalen “subjektive Lernkompeten” und “Erfolgserwartung” sowie selbstkonstruierte Items zum “strategischen Lernen”. Als Kriterium für den Studienerfolg wurde der Umstand, ob einE StudentIn im 3. Semester (bzw. 5. und 7. Semester) in der Kleingruppeneinteilung der prüfungsimmanenten Lehrveranstaltungen aufschien, herangezogen. Voraussetzung des Aufscheinens in der Kleingruppeneinteilung ist die positive Absolvierung einer summativen integrativen (Jahres-)Prüfung (SIP1 bzw. SIP2, SIP3). Von den 1327 StudienanfängerInnen des Studienjahres 02/03 wurden 674 (50,8%) befragt. In der Replikation im Studienjahr 03/04 füllten von den 1201 StudienanfängerInnen 839 Personen (69,9%) den Fragebogen aus. Bei der Erhebung zu den Lernstrategien im Studienjahr 04/05 beteiligten sich 500 Studierende. In der Folgestudie im Studienjahr 05/06 zum strategischen Lernen wurden 726 Fragebögen ausgefüllt.

Ergebnisse: In der ersten Befragungswelle des STJ0203 konnten vier prädiktive Faktoren gefunden werden und zwar männliches Geschlecht, deutsche Muttersprache, gute Schulnoten und hohe Lernkapazität [1]. Dieses Ergebnis wurde im Folgejahr repliziert [3]. Vor allem der Befund, dass weibliche Studierende (trotz besserer Schulnoten) bei der SIP1 schlechter abschneiden wurde zum Anlass genommen, an der Universität Graz und der Veterinärmedizinischen Universität Wien ebenfalls Studien durchzuführen. In Graz, wo anstelle der einen großen SIP kleinere Teilprüfungen zu leisten sind, tritt der Geschlechtseffekt nicht auf, die anderen Faktoren bleiben jedoch bestehen (unpublished). An der Veterinärmedizinischen Universität [5] mit einer großen Prüfung hingegen zeigten sich nahezu idente Resultate, wie an der MUW. Die weitere Analyse des Studienverlaufs an der MUW zeigte, dass weibliche Studierende mit ein bis zwei Jahren Verzögerung wieder in das Studium kommen [6]]. Der “Geschlechtseffekt” muss somit mit dem Lernen zusammen hängen. Es wurden daher in einer weiteren Befragung die Lernstrategien (Wie eigne ich mir selbst das Wissen an, um es wiedergeben zu können?) erhoben [2]. Es konnten zwar einige Aspekte gefunden werden, die erfolgsrelevant sind und einige, in denen sich die Geschlechter unterschieden. Unterschiede zwischen den Geschlechtern und den Erfolgreichen bzw. Erfolglosen traten nur bei der subjektiven Erfolgserwatung auf. Dieser Umstand allein kann den Geschlechtseffekt jedoch nicht aufklären. Es wurde daher ein neues Instrument entwickelt, das auf das strategische Lernen (also nicht verstehensorientiertes Lernen, sondern prüfungsorientiertes) abzielt [4]. Männliche Studierende zeigen eine deutlich strategischere Ausrichtung ihres Lernverhaltens. Interessant erscheint darüber hinaus, dass ein auf Verstehen ausgerichtetes Lernen für den Prüfungserfolg nicht relevant ist. Im Studienjahr 2006/07 wurde an den medizinischen Universitäten Wien und Innsbruck der Eignungstest Medizin-Studium (EMS) als Aufnahmeverfahren eingeführt. Da der EMS sich ebenfalls als signifikant geschlechtsspezifisch erwies, wurde der Frage nachgegangen, inwieweit die SIP-1 (am Ende des ersten Studienjahres dieses ersten vorselektierten Jahrganges) weiterhin geschlechtsselektiv ist [7]. Wir fanden die Geschlechtsselektivität in nahezu demselben Ausmaß erhalten. EMS und SIP sind somit zwei voneinander weitgehend unabhängige, additiv wirksame, zu Ungunsten von Frauen geschlechtsselektive Faktoren (OR=2,14; 95%CI 1,68-2,72).


Literatur

1.
Frischenschlager O, Haidinger G, Mitterauer L. Factors associated with academic success at Vienna Medical School: Prospective survey. Croat Med J. 2005:46(1):58-65.
2.
Frischenschlager O, Mitterauer L, Scharinger I, Haidinger G. Einfluss von Lernverhalten und Lernstrategien auf die paradoxen Geschlechtsunterschiede in den Erfolgsraten im Wiener Medizinstudium. Hochschulwesen. 2007:55(6):175-179.
3.
Haidinger G, Frischenschlager O, Mitterauer L. Reliability of predictors of study success in medicine. Wien Med Wochenschr. 2006:156(13-14):416-420. DOI: 10.1007/s10354-006-0275-8. External link
4.
Haidinger G, Mitterauer L, Rimroth E, Frischenschlager O. Lernstrategien oder strategisches Lernen? Gender-abhängige Erfolgsstrategien im Medizinstudium an der Medizinischen Universität Wien. Wien Klin Wochenschr. 2008:120(1-2):337-345. DOI: 10.1007/s00508-007-0923-z. External link
5.
Mitterauer L, Frischenschlager O Künzel W, Haidinger G. Prognose des Studienerfolgs an der Veterinärmedizinischen Universität Wien: eine prospektive Studie. Wien Tierarzt Monatsschr. 2007;3/4:58-63.
6.
Mitterauer L, Frischenschlager O, Haidinger G. Sex differences in study progress at Medical University of Vienna. GMS Z Med Ausbild. 2007;24(2):Doc111. Zugänglich unter: http://www.egms.de/en/journals/zma/2007-24/zma000405.shtml. External link
7.
Mitterauer L, Haidinger G, Frischenschlager O. An accumulation of two independent selection factors decreases the success rate of female students at the MUV (Medical University of Vienna). Wien Med Wochenschr. in print.