gms | German Medical Science

GMDS 2012: 57. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e. V. (GMDS)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie

16. - 20.09.2012, Braunschweig

Diagnostische Testung von Substitutionsklienten auf HBV-, HCV- und HIV-Infektionen: Einflussfaktoren für die Umsetzung der Leitlinien in der Substitutionsbehandlung

Meeting Abstract

  • Anja vor der Brügge-Schütte - AG 2 Bevölkerungsmedizin, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld, Deutschland
  • Heiko Jürgen Jahn - AG 2 Bevölkerungsmedizin, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld, Deutschland
  • Alexander Krämer - AG 2 Bevölkerungsmedizin, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld, Deutschland
  • Tanja Wörmann - AG 2 Bevölkerungsmedizin, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld, Deutschland

GMDS 2012. 57. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e.V. (GMDS). Braunschweig, 16.-20.09.2012. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2012. Doc12gmds205

DOI: 10.3205/12gmds205, URN: urn:nbn:de:0183-12gmds2056

Published: September 13, 2012

© 2012 vor der Brügge-Schütte et al.
This is an Open Access article distributed under the terms of the Creative Commons Attribution License (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.en). You are free: to Share – to copy, distribute and transmit the work, provided the original author and source are credited.


Outline

Text

Hintergrund: Im Jahr 2010 befanden sich in Deutschland 77.400 Drogenkonsumenten in einer Substitutionsbehandlung (SB) [1]. Drogeninjizierende Opiatkonsumenten haben im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ein deutlich erhöhtes Infektionsrisiko für Hepatitis B (HBV) und C (HCV) und HIV [2], [3], [4]. Daher sollten, gemäß den bestehenden Richt- und Leitlinien, SB-Klienten zu Beginn der SB und danach in regelmäßigen Abständen auf drogenassoziierte Infektionen untersucht werden [5], [6]. Nationale sowie internationale Empfehlungen zur Testung werden oft nicht hinreichend beachtet und das Potenzial des Settings SB wird nicht ausreichend genutzt, um mögliche Infektionen abzuklären [7], [8]. Ziel der vorliegenden Untersuchung war es herauszufinden, welche Faktoren die leitlinienkonforme Testung auf drogenassoziierte Infektionskrankheiten beeinflussen.

Methoden: Deutschlandweit wurden SB-Klienten mittels standardisiertem Fragebogen befragt. Für die Auswertung wurden die erhobenen Daten mit denen aus einer vorhergehenden Ärztebefragung verknüpft. Mögliche Faktoren, die Einfluss auf die Testung drogenassoziierter Infektionskrankheiten haben können, wurden mittels multivariabler logistischer Regressionsanalyse untersucht.

Ergebnisse: Fragebögen von 1.186 SB-Klienten (Frauen: 30,3%) aus 40 verschiedenen Substitutionspraxen/-ambulanzen wurden analysiert. Die Klienten waren im Durchschnitt 37,3 Jahre alt und seit 4,9 Jahren in SB. Der geringste Anteil leitlinienkonformer Testungen konnte bei dem Test auf HBV-Infektionen beobachtet werden (84,7%). Am höchsten war dieser Anteil bei HCV (92,5%) und bei HIV-Testungen lag der Anteil mit 86% etwas höher als bei HBV-Testungen. Als Einflussfaktoren für die leitlinienkonforme Testung konnte konsistent für alle Infektionen der Erwerbsstatus und die Stadtgröße identifiziert werden. Erwerbstätige hatten eine geringere Chance getestet zu werden, verglichen mit SB Klienten, die keiner Erwerbstätigkeit nachgingen (HBV: OR=0,62; HCV: OR=0,52; HIV: OR=0,64). SB-Klienten, die Angebote in kleineren Kommunen in Anspruch nahmen, hatten eine geringere Chance leitlinienkonform getestet zu werden als diejenigen in SB in großen Städten (HBV: OR=0,6; HCV: OR=0,44; HIV: OR=0,52). Differenziert nach Infektionen fiel auf, dass die leitlinienkonforme HBV-Testung bei den Klienten weniger wahrscheinlich war, die ihren HCV-Status (OR=0,16) oder ihren HIV-Status (OR=0,06) nicht kannten. Bei den Testungen auf HCV zeigte sich, dass Klienten, die von Ärzten behandelt wurden, deren Wissen über die HIV-Therapie bei SB-Klienten nur als ausreichend oder mangelhaft beurteilt wurde, eine geringere Chance hatten, leitlinienkonform getestet zu werden (OR=0,38). Dies galt ebenso für die Testung auf HIV (OR=0,38). Ähnlich wie bei der Testung auf HBV war die Chance leitlinienkonform auf HIV getestet zu werden, bei den SB-Klienten geringer, die ihren HCV-Infektionsstatus nicht kannten (OR=0,22). Alle hier berichteten ORs waren statistisch signifikant (p<0,05).

Diskussion: Hinsichtlich der Abklärung von HBV-, HCV- und HIV-Infektionen bei SB-Klienten besteht Verbesserungsbedarf. Gemäß geltenden SB-Richt- und Leitlinien sollten drogenassoziierte Erkrankungen vor Beginn und im weiteren Verlauf der SB abgeklärt werden, um eine adäquate medizinische Versorgung gewährleisten und weitere Übertragungen verhindern zu können. Die Richtlinien sollten weiter spezifiziert werden, damit Ärzte, die in der SB tätig sind, möglichst konkreten Handlungsempfehlungen folgen können. So können Zweifel bei der exakten Umsetzung verhindert und die Krankheitslast durch drogenassoziierte Infektionen gemindert werden.


Literatur

1.
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Bericht zum Substitutionsregister. 2011. Available from: http://www.bfarm.de/DE/Bundesopiumstelle/BtM/substitReg/substitreg-node.html External link
2.
European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction. Statistical bulletin 2011: Table INF-115 Prevalence of antibodies against hepatitis B virus among injecting drug users (%), 1991 to 2009. EU countries, Croatia, Turkey and Norway. 2011. Available from: http://www.emcdda.europa.eu/stats11/inftab115 External link
3.
European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction. Statistical bulletin 2011: Table INF-104. HIV infections newly diagnosed and AIDS incidence among injecting drug users, by country and year of diagnosis. Part (i) HIV infection in the EU countries, Croatia, Turkey and Norway: (a) cases per million population, (b) number of cases and (c) population sizes, 1993 to 2009. 2011. Available from: http://www.emcdda.europa.eu/stats11/inftab104a External link
4.
European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction. Statistical bulletin 2011: Table INF-111. Prevalence of hepatitis C infection among injecting drug users (%), 1991 to 2009. EU countries, Croatia, Turkey and Norway. 2011. Availablle from: http://www.emcdda.europa.eu/stats11/inftab111 External link
5.
Gemeinsamer Bundesausschuss. Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses zu Untersuchungs- und Behandlungsmethoden der vertragsärztlichen Versorgung. 2011.
6.
Blystad H, Wiessing L. Guidance on Provider-initiated Voluntary Medical Examination, Testing and Counselling for Infectious Diseases in Injecting Drug Users. Pre-final unedited version 5.5. Lisabon, EMCDDA. 2009. Available from: http://www.emcdda. Europa.eu/attachements.cfm/att_87147_EN_EMCDDA_GuidelinesIDUexamination_ver5-5_220709_finalpreedit.pdf External link
7.
Schäffer D. HIV/HCV (k)ein Thema für die Substitution? Erhebung von DAH und dem JES-Netzwerk zeigt alarmierende Daten. In: HIV and More (3). 2009. p. 34-7. Available from: http://www.hivandmore.de/archiv/2009-3/HIVm3_09MittDAHi.pdf External link
8.
Wörmann T, Jahn, HJ, Prüfer-Krämer L, Krämer A. Versorgung von Substitutionsklienten in Deutschland: HIV-Diagnostik und-Therapie. Suchttherapie. 2010;11(2):89-99.