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GMDS 2012: 57. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e. V. (GMDS)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie

16. - 20.09.2012, Braunschweig

Regionale Heterogenität der Prävalenz von Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)-Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland

Meeting Abstract

  • Ingo Langner - BIPS – Institut für Epidemiologie und Präventionsforschung, Bremen, Deutschland
  • Christina Lindemann - BIPS – Institut für Epidemiologie und Präventionsforschung, Bremen, Deutschland
  • Astrid Angela Kraut - BIPS – Institut für Epidemiologie und Präventionsforschung, Bremen, Deutschland
  • Edeltraut Garbe - BIPS – Institut für Epidemiologie und Präventionsforschung, Bremen, Deutschland
  • Rafael Mikolajczyk - BIPS – Institut für Epidemiologie und Präventionsforschung, Bremen, Deutschland

GMDS 2012. 57. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e.V. (GMDS). Braunschweig, 16.-20.09.2012. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2012. Doc12gmds184

DOI: 10.3205/12gmds184, URN: urn:nbn:de:0183-12gmds1841

Published: September 13, 2012

© 2012 Langner et al.
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Text

Einleitung: Die Ätiologie von ADHS ist durch genetische Faktoren und Umwelteinflüsse determiniert. Bei der Prävalenz von ADHS-Diagnosen spielen zusätzlich Aspekte der Diagnosestellung eine Rolle. Es gibt Hinweise auf regionale Unterschiede in der Prävalenz von ADHS-Diagnosen in Deutschland, eine systematische Untersuchung dieser Heterogenität fand jedoch bisher nicht statt. Unsere Studie hatte zum Ziel, regionale Unterschiede in der ADHS-Prävalenz innerhalb von Deutschland darzustellen und mögliche Gründe hierfür zu untersuchen.

Methoden: Im Rahmen der Pilotstudie zum German Population Based Long Term Follow-Up of ADHD (GEPOLO-ADHD) wurden pseudonymisierte Krankenkassenabrechnungsdaten, die ca. 17% der deutschen Bevölkerung einschließen, für das Jahr 2005 ausgewertet. ADHS-Fälle im Alter von 3–17 Jahren wurden anhand von stationären und ambulanten ICD-10-GM Diagnosen (F90.0, F90.1, F90.9) und Verschreibungen von Atomoxetin oder Methylphenidat identifiziert. Prävalenzen wurden als Quotient aus der Anzahl ADHS-Fälle und der Anzahl Versicherter am 31.12.2005 berechnet. Altersstandardisierte Prävalenzen wurden geschlechtsspezifisch auf Bundesland- und Kreisebene bestimmt. Die Unterschiede der regionalen geschlechtsspezifischen Prävalenzen wurden mittels linearer Regression und Korrelationsanalyse untersucht. In einem multivariablen Poisson-Regressionsmodell wurden ADHS-Prävalenzratios (PR) für Urbanität (7 differenzierte Regionstypen, Referenz=‘Hochverdichtete Agglomerationsräume‘), Facharztdichte (3 Kategorien: <100 =Referenz, 100-<200 und >=200 Fachärzte pro 100.000 Einwohner), Kinderarztdichte (3 Kategorien: <=5, >5–10 =Referenz und >10 Kinderärzte pro 100.000 Einwohner) und Wohnregion (Bundesland, Referenz=Nordrhein-Westfalen) adjustiert für Geschlecht (Referenz=Mädchen), Alter (1-jahresstrata, Referenz=Alter 15) und Krankenkasse bestimmt. Die Informationen zu Urbanität und Arztdichte stammen vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und wurden den Individualdaten der Studienpopulation über deren Wohnregion auf Kreisebene zugeordnet.

Ergebnisse: Die regionale Heterogenität der ADHS-Prävalenz auf Bundeslandebene (bis Faktor 2,9 bei Mädchen, bis 2,6 bei Jungen) wies keine klare räumliche Verteilung auf. Dagegen zeigten sich vereinzelt räumliche Cluster auf Kreisebene (innerhalb eines Bundeslandes Unterschiede bis Faktor 18,9 bei Mädchen, bis 7,7 bei Jungen). Auf Bundeslandebene zeigten die regionalen Prävalenzen für beide Geschlechter eine Korrelation von rho=0,89, aber mit steigender Gesamtprävalenz nahm die Prävalenzratio von Jungen zu Mädchen ab (rho=-0,66). In der Poissonregression wiesen 'Hochverdichtete Agglomerationsräume' (=Referenz) und 'Verstädterte Räume geringerer Dichte mit großen Oberzentren' (PR=1,04 95% KI 1,00–1,09) die höchsten und 'Ländliche Räume höherer Dichte' (PR=0,74 95%KI 0,70-0,78) die niedrigsten ADHS-Prävalenzen auf. Mit steigender Facharztdichte nahm die ADHS-Prävalenz geringfügig ab (für die 3 Kategorien: Referenz mit PR=1,00; PR=0.94 95%KI 0,92-0,97; PR=0,92 95%KI 0,87–0,97), mit steigender Kinderarztdichte etwas zu (für die 3 Kategorien: PR=0,90 95%KI 0,87–0,92; Referenz mit PR=1,00; PR=1,11 95%KI 1,06-1,16). Von den regionalen Faktoren zeigten die Parameter für die einzelnen Bundesländer die größte Variation (PR=0,81 95%KI 0,72–0,91 bis PR=1,75 95%KI 1,64–1,87 im Vergleich zu Nordrhein-Westfalen).

Diskussion: Wir zeigten ausgeprägte regionale Unterschiede der Prävalenz von ADHS Diagnosen in Deutschland, wobei die Aspekte der Urbanität und Facharztdichte nur geringe Auswirkungen zeigten. Allerdings konnte die Facharztdichte nur allgemein und ohne Angabe zur Facharztdisziplin (z.B. Psychiater oder Kinder-und Jugendpsychiater) evaluiert werden, was den geringen Effekt mit erklären könnte. Neben kleinräumiger Heterogenität zeigten sich ausgeprägte Unterschiede zwischen den Bundesländern, die auf Unterschiede in der Vergabe von Diagnosen zwischen den KV-Regionen hinweisen können.