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GMDS 2012: 57. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e. V. (GMDS)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie

16. - 20.09.2012, Braunschweig

Systematischer Überblick und konzeptionelles Modell zu Praxis und Determinanten der Lebensstilberatung in der primärärztlichen Versorgung

Meeting Abstract

  • Christina Bock - Universität Heidelberg, Mannheim, Deutschland
  • Katharina Diehl - Universität Heidelberg, Mannheim, Deutschland
  • Sven Schneider - Universität Heidelberg, Mannheim, Deutschland
  • David Litaker - Case Western Reserve University, Cleveland, Ohio, USA

GMDS 2012. 57. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e.V. (GMDS). Braunschweig, 16.-20.09.2012. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2012. Doc12gmds173

DOI: 10.3205/12gmds173, URN: urn:nbn:de:0183-12gmds1739

Published: September 13, 2012

© 2012 Bock et al.
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Einleitung und Fragestellung: Angesichts der hohen kardiovaskulären Morbidität und Mortalität besteht weltweit ein erheblicher Präventionsbedarf. Ein Großteil der kardiovaskulären Krankheitslast kann durch Lebensstilfaktoren wie Übergewicht, Tabakkonsum, körperliche Inaktivität und einen ungesunden Ernährungsstil erklärt werden [1]. Umgekehrt können Lebensstilinterventionen zur Reduzierung des individuellen Erkrankungsrisikos beitragen [2]. Dabei nehmen Ärzte in der Durchführung individualpräventiver Maßnahmen eine Schlüsselrolle ein [3]. Trotz des vorhandenen Potenzials wurden Praxis und Determinanten der Lebensstilberatung in der primärärztlichen Versorgung bislang jedoch nicht systematisch untersucht. Ziele der vorliegenden systematischen Übersichtsarbeit waren daher die Beschreibung von Lebensstilberatungen im Praxisalltag sowie die Identifikation von Determinanten, die mit dem Angebot an Lebensstilberatung assoziiert sind.

Material und Methoden: Es wurde eine systematische Literaturrecherche in PubMed/Medline und anderen wissenschaftlichen Datenbanken durchgeführt. Dabei wurden Studien berücksichtigt, die in den Jahren 1990 bis 2009 publiziert wurden und folgende Einschlusskriterien erfüllten: 1) Studienpopulation: primärversorgende Ärzte; 2) Studiendesign: Querschnitt mit fragebogenbasierter Datenerhebung oder direkter Beobachtung; 3) Outcomes: Wissen, Einstellung und/oder Umsetzung von Lebensstilberatung im Praxisalltag. Durch zwei voneinander unabhängige Reviewer wurde die Treffermenge von 436 Abstracts auf 54 Volltexte und schließlich auf 18 passende Studien reduziert (Cohen‘s kappa=0,72). Auf Basis der extrahierten Informationen wurde ein konzeptionelles Modell entwickelt, welches das Konzept der „5 As“ (assess, advise, agree, assist, arrange) [4] sowie mögliche Determinanten der Lebensstilberatung berücksichtigt.

Ergebnisse: Insgesamt lagen Daten von 6.338 Ärzten vor, die an Studien in Nordamerika (n=9), Großbritannien (n=8) und Neuseeland (n=1) teilgenommen hatten. Die Häufigkeit des Angebots an Lebensstilberatung war in Bezug auf die Tabakentwöhnung am höchsten und hing generell mit Patientencharakteristika zusammen. Patienten mit Risikofaktoren (z.B. Hypertonie) oder manifesten chronischen Erkrankungen wurden eher zur Tabakentwöhnung (Anteil der Ärzte in den jeweiligen Studien: 88%–98%), Ernährung (72%–96%) und körperlichen Aktivität (41%–77%) beraten im Vergleich zu Patienten ohne ausgeprägtes Risikoprofil (49%, 20%–31% bzw. 8%–16%). Nur wenige Studien untersuchten unterstützende Maßnahmen wie das Bereitstellen von Informationsmaterialien oder die Weitervermittlung an Lebensstilexperten. Grundsätzlich waren die Ärzte positiv gegenüber Gesundheitsförderung und Prävention eingestellt. Die Selbstwirksamkeitserwartung der Ärzte war jedoch niedrig: 4%–29% schätzten sich als erfolgreich in der Motivation ihrer Patienten zur Lebensstilmodifikation ein. Es zeigten sich einige Assoziationen zwischen der Lebensstilberatung und arzt-, patienten- sowie systembezogenen Faktoren. So erhöhte beispielsweise eine positive Einstellung bzw. eine größere Selbstwirksamkeitserwartung der Ärzte die Wahrscheinlichkeit von Lebensstilberatungen.

Diskussion: Aus internationaler Perspektive erscheinen die Beratungshäufigkeiten im Praxisalltag eher niedrig, insbesondere für die Aspekte Ernährung und körperliche Aktivität. Daher sollte das Angebot an Lebensstilberatung in der primärärztlichen Versorgung erhöht werden. Das gilt vor allem für Patienten, bei denen (noch) kein ausgeprägtes Risikoprofil vorliegt. Dabei sind folgende Ansätze denkbar: flächendeckende Verbreitung konkreter Anleitungen zur Durchführung ärztlicher Lebensstilberatungen, Verbesserung nationaler Gegebenheiten im Gesundheitssystem (z.B. Vergütung), entsprechende Aus- und Weiterbildung der Ärzte inkl. Förderung ihrer Selbstwirksamkeitserwartungen sowie Unterstützung der Ärzte durch interdisziplinäre Teams. Es ist zu vermuten, dass die beschriebenen Ergebnisse „best case“ Szenarios darstellen, da der Großteil der Studien auf Selbstangaben der teilnehmenden Ärzte basiert und nicht ausgeschlossen werden kann, dass Ärzte mit höherer Affinität zu Gesundheitsförderung und Prävention eher an entsprechenden Studien teilgenommen haben, was den Interventionsbedarf weiter unterstreicht.


Literatur

1.
Ezzati M, Hoorn SV, Rodgers A, Lopez AD, Mathers CD, Murray CJ. Estimates of global and regional potential health gains from reducing multiple major risk factors. Lancet. 2003;362:271-80.
2.
Haskell WL. Cardiovascular disease prevention and lifestyle interventions: effectiveness and efficacy. J Cardiovasc Nursing. 2003;18:245-55.
3.
Smith SC, Benjamin EJ, Bonow RO, Braun LT, Creager MA, Franklin BA, et al. AHA/ACCF Secondary prevention and risk reduction therapy for patients with coronary and other atherosclerotic vascular disease: 2011 update. Circulation. 2011;124:2458-73.
4.
Whitlock EP, Orleans CT, Pender N, Allan J. Evaluating primary care behavioral counseling interventions: an evidence-based approach. Am J Prev Med. 2002;22:267-84.