gms | German Medical Science

MAINZ//2011: 56. GMDS-Jahrestagung und 6. DGEpi-Jahrestagung

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e. V.
Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie e. V.

26. - 29.09.2011 in Mainz

Prävalenz und leitlinienbasierte Therapie der Spastizität nach Schlaganfall im ambulanten und stationären Versorgungsgeschehen: Analyse von GKV-Daten

Meeting Abstract

Search Medline for

  • Veronika Lappe - PMV forschungsgruppe, Universität zu Köln, Köln
  • Ingrid Köster - PMV forschungsgruppe, Universität zu Köln, Köln
  • Ingrid Schubert - PMV forschungsgruppe, Universität zu Köln, Köln

Mainz//2011. 56. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 6. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi). Mainz, 26.-29.09.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11gmds270

DOI: 10.3205/11gmds270, URN: urn:nbn:de:0183-11gmds2702

Published: September 20, 2011

© 2011 Lappe et al.
This is an Open Access article distributed under the terms of the Creative Commons Attribution License (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.en). You are free: to Share – to copy, distribute and transmit the work, provided the original author and source are credited.


Outline

Text

Einleitung/Hintergrund: Die Entwicklung einer Spastizität in Folge eines Schlaganfalls führt bei den Betroffenen zu erheblichen Beeinträchtigungen. Je nach Schweregrad leiden sie an Bewegungseinschränkungen, Kontrakturen und Schmerzen, wodurch die Bewältigung von Alltagsaktivitäten, selbständige Körperhygiene und pflegerische Maßnahmen behindert werden. Klinische Studien fanden im ersten Jahr nach Schlaganfall gemessen mit der modifizierten Ashworth-Skala (MAS) eine Punktprävalenz der Spastik von 18 und 27 %1-4. Ziel unserer Studie war die Prävalenz der Spastik nach Schlaganfall und ihre Therapie vor dem Hintergrund von Leitlinien im ambulanten und stationären Versorgungsgeschehen zu untersuchen.

Material und Methoden: Datenbasis: 246.926 Personen der Versichertenstichprobe der AOK Hessen/KV Hessen. Falldefinitionen: Akuter Schlaganfall (Krankenhausentlassungsdiagnose im Jahr 2007 ICD-10 I60-I64), spastische oder schlaffe Lähmung (innerhalb eines halben Jahres nach Schlaganfall ambulant oder stationär ICD-10: G81-G83 ohne G82.6/G83.4/G83.8). Therapie der Spastik: stationäre (auch im Rahmen einer neurologischen Komplexbehandlung, (Früh-)Rehablilitation), und ambulante Physiotherapie, orale Muskelrelaxantien (ATC: M03B, M03CA01, N03AE01, N05BA01), intrathekales Baclofen (ATC: M03BX01; OPS-Code: 8011), Botulinum-Neurotoxin (ATC: M03AX; OPS-Code 8020.9, ab 2008 6003.8).

Ergebnisse: Im Jahr 2007 lag die Prävalenz des akuten Schlaganfalls bei 3,7/1000 (standardisiert auf die Wohnbevölkerung in Deutschland). Innerhalb eines halben Jahres wurde bei 10,1 % der überlebenden Schlaganfallpatienten eine Spastik diagnostiziert. Bei über 90 % wurde die Diagnose innerhalb von zwei Wochen gestellt. In der logistischen Regression zeigte sich kein signifikanter Einfluss von Alter, Geschlecht oder Art des Schlaganfalls auf die Entwicklung einer Spastik. Fast 90 % der Überlebenden erhielten im ersten Jahr nach Diagnose der Spastik Physiotherapie (stationär 76 %, ambulant 58 %). Orale Muskelrelaxantien wurden 17 % der spastischen Patienten verordnet. Intrathekales Baclofen oder Botulinumtoxin-Injektion wurde nicht eingesetzt.

Diskussion/Schlussfolgerungen: Die in unserer Versichertenstichprobe dokumentierte Prävalenz von Spastik nach Schlaganfall lag niedriger als die in klinischen Studien gemessene. Möglicherweise werden Erkrankungszustände, die niedrigen MAS-Scores entsprechen, im Versorgungsalltag nicht dokumentiert oder Patienten mit spastischen Lähmungen erhalten die Diagnose „Lähmung nicht näher bezeichnet“ und können deshalb nicht zugeordnet werden. Unsere Studie gibt erstmals Einblick in die Behandlung von Spastik nach Schlaganfall in der Routineversorgung. Die von der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie1 als Basistherapie für alle Patienten empfohlene Physiotherapie wird generell häufig durchgeführt, jedoch im ambulanten Sektor nur bei gut der Hälfte der Patienten. Die seit 2002 in Deutschland zugelassene, lokale Botulinum-Toxin Therapie ist als evidenzbasierte Therapie bei fokaler und regionaler Spastik anerkannt 5,6, aber noch nicht in die Praxis implementiert.


Literatur

1.
Watkins C, Leathley M, Gregson J, Moore A, Smith T, Sharma A. Prevalence of spasticity post stroke. Clinical Rehabilitation. 2002;16: 515-522.
2.
Welmer A, von Arbin M, Widén Holmqvist L, Sommerfeld D. Spasticity and its association with functioning and health-related quality of life 18 months after stroke. Cerebrovascular Diseases. 2006;21:247-253.
3.
Lundström E, Terént A, Borg J: Prevanlence of disabling spasticity 1 year after first-ever Stroke. European Journal of Neurology. 2008;15:533-539.
4.
Wissel J, Schelosky L, Scott J, Christe W, Faiss J, Mueller J. Early development of spasticity following stroke: a prospective, observational trial. Journal of Neurology. 2010;257:1067-1072.
5.
Diener HC. Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Stuttgart: Georg Thieme; 2008. p. 654 ff.
6.
Wissel J, auf dem Brinke M, Hecht M, et al. Botulinum-Neurotoxin in der Behandlung der Spastizität im Erwachsenenalter. Ein interdisziplinärer deutscher 10-Punkte-Konsensus 2010. Der Nervenarzt. 2010; Epub ahead of print. DOI: 10.1007/s00115-010-3172-8. External link