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MAINZ//2011: 56. GMDS-Jahrestagung und 6. DGEpi-Jahrestagung

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e. V.
Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie e. V.

26. - 29.09.2011 in Mainz

Medizinischer Fortschritt und demografischer Wandel bei den Arzneimittelausgaben im Vertragsärztlichen Bereich

Meeting Abstract

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  • Reinhard Schuster - MDK Nord, Medizinischer Dienst der Krankenversicherung; Universität zu Lübeck, Lübeck
  • Eva v.Arnstedt - MDK Nord, Medizinischer Dienst der Krankenversicherung; BKK-Landesverband Nord, Hamburg

Mainz//2011. 56. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 6. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi). Mainz, 26.-29.09.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11gmds007

DOI: 10.3205/11gmds007, URN: urn:nbn:de:0183-11gmds0071

Published: September 20, 2011

© 2011 Schuster et al.
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Einleitung/Hintergrund: Die Arzneimittelkosten bilden den zweitgrößten Kostenblock im GKV-System. Um unter Modellannahmen Prognosen zu Alters- und Kostenstruktur im Gesundheitswesen zu erstellen, werden in der Literatur die Kompressions- und die Medikalisierungsthese diskutiert. Wir wollen auf Grund von Arzneimittel-Bruttoausgaben eine Prognose ohne Einflüsse derartiger Modellierungsthesen erstellen. Weiterhin soll neben der Veränderung altersspezifischer Durchschnittskosten auch die unterschiedliche Kostenverteilung in den Altersgruppen betrachtet werden. Im Gegensatz zu vielen Angaben in der Literatur erfolgt die Auflösung in einzelnen Jahresschritten, um eine ausreichende Sensibilität des Berechnungsmodells zu erhalten.

Material und Methoden: Für einen regional repräsentativen Anteil an GKV-Versicherten wurden die altersspezifischen Ausgaben der Jahre 2006 bis 2010 analysiert, und damit eine Prognose bis 2014 erstellt. Für die Altersgruppe jeweils eines Geburtsjahres wurden jährliche Übergangskoeffizienten für die Anzahl der Arzneimittelpatienten und für die Durchschnittskosten ermittelt. Auf dieser Basis wurde eine altersspezifische lineare Regression ermittelt. Zusammen mit den vorliegenden Kohortenzahlen der Geburtsjahrgänge kann eine Prognose erstellt werden. Dieses Markov-Modell unterstellt für den relativ kleinen Zeitraum einen im Wesentlichen stabilen Trend im altersspezifischen Gesundheitszustand. Zur Untersuchung der Ungleichmäßigkeit der Kosten in den Geburtsjahrgängen und um deren zeitliche Entwicklung zu erfassen, wurden Lorenzkurven und Ginikoeffizienten berechnet. Weiterhin wurden altersspezifische Ausgabensteigerungen betrachtet.

Ergebnisse: Um die Auswirkung demografischer Veränderungen zu bewerten, wurden die Anteile der verschiedenen Jahrgänge an den Rezeptpatienten als auch an den Kosten betrachtet. Sowohl in den vorliegenden Daten als auch im Prognosemodell nahm der Patientenanteil der ab 65-jährigen moderat zu, der Kostenanteil dagegen ab. Die größte Kostensteigerung liegt bei den 40 bis 50jährigen und nimmt in der Gruppe der über 50jährigen ab. Aus dieser Sicht liegt ausgabenseitig kein demografisches Problem vor. Die Kostensteigerungen durch medizinisch-technischen Fortschritt haben einen Gipfel in den mittleren Jahren. Die höchsten Ginikoeffizienten liegen in den Altersgruppen der 25 bis 35jährigen, dort gibt es also die größten Kostenunterschiede, die im zunehmenden Alter abnehmen. Auch innerhalb der Geburtsjahrgänge nehmen die Ginikoeffizienten im Beobachtungszeitraum zu, während die Medianwerte der Kosten relativ konstant bleiben.

Diskussion/Schlussfolgerungen: Wir haben mit datenbasierten Übergangskoeffizienten und einem Markov-Modell die Dynamik der Alters- und Kostenstruktur analysiert. Dazu mussten wir keine Annahmen wie in der Kompressions- oder Medikalisierungsthese machen. Die Ergebnisse liegen näher an denen im Rahmen der Kompressionsthese diskutierten Veränderungen. Die Kostensteigerung geht einher mit einer höheren Ungleichmäßigkeit der Kostenverteilung innerhalb der Jahrgänge, eine indikationsspezifische Betrachtung im Rahmen der ATC-Klassifikation der Arzneimittel wäre daher hinsichtlich der Analyse medizinisch-technischer Innovationen, kostensteigernder Pseudoinnovationen oder Reserven durch Prozessinovationen von Interesse.


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