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Forum Medizin 21, 45. Kongress für Allgemeinmedizin und Familienmedizin

Paracelsus Medizinische Privatuniversität in Zusammenarbeit mit der Deutschen, Österreichischen und Südtiroler Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin

22.09. - 24.09.2011, Salzburg, Österreich

Assoziationen von Hausärztinnen und Hausärzten zu "muslimischen Patientinnen und Patienten"

Meeting Abstract

  • corresponding author Andrea Kronenthaler - Universitätsklinikum Tübingen, LB Allgemeinmedizin, Tübingen, Deutschland
  • author Manfred Eissler - Universitätsklinikum Tübingen, LB Allgemeinmedizin, Tübingen, Deutschland
  • author Christoph Meisner - Universitätsklinikum Tübingen, Abt. Medizinische Biometrie, Tübingen, Deutschland
  • author Katja Weimer - Universitätsklinikum Tübingen, Innere Medizin VI , Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Tübingen, Deutschland
  • author presenting/speaker Elisabeth Simoes - Universitätsklinikum Tübingen, Institut für Arbeits- und Sozialmedizin, Tübingen, Deutschland

45. Kongress für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, Forum Medizin 21. Salzburg, 22.-24.09.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11fom131

DOI: 10.3205/11fom131, URN: urn:nbn:de:0183-11fom1315

Published: September 14, 2011

© 2011 Kronenthaler et al.
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Text

Hintergrund: In Deutschland leben ca. 4,5 Millionen Muslime. Insgesamt ist die Gruppe nicht homogen [1]. Immer häufiger haben Ärzte/-innen mit Patienten/-innen dieses Kultur- bzw. Religionskreises zu tun. Deshalb wollten wir einen Eindruck über die Vorstellungen erhalten, die deutsche Hausärzte/-innen zu muslimischen Patientinnen und Patienten haben.

Ziel war die Gewinnung eines ersten Eindruckes zu Erfahrungen, Haltungen und möglicher Stereotypenbildung. So soll eine Basis für weitere Evaluation, auch quantitativer Art geschaffen werden, um darauf aufbauend Zusammenhänge transparent zu machen und gegebenenfalls Handlungsbedarfe arzt- und patientenseitig aufzuzeigen.

Material und Methoden: Am Tübinger Tag der Allgemeinmedizin wurde mit 65 Hausärzten und 25 Hausärztinnen (N=90), die alle auch Lehrärzte/-innen sind, ein Brainwriting durchgeführt. Die Anwesenden erhielten ein vorbereitetes Papier mit der Überschrift „Stichwort- und Gedankensammlung: Muslimischer Patient/muslimische Patientin – was fällt Ihnen dazu ein?“ und wurden aufgefordert, ihre Gedanken und Erfahrungen zu dieser Patient/-innen-Gruppe zu notieren. Die notierten Stichworte wurden transkribiert und mit MaxQda ausgewertet.

Ergebnisse: Die Antworten (n=90) reichten von einem Stichwort (3) bis hin zu ausführlichen Beschreibungen. Die Hälfte (48) gab an „häufigen“ Kontakt mit muslimischen Patienten/-innen zu haben (selten=42, nie=0). Ärzte äußerten sich doppelt so häufig wie Ärztinnen zu den Begleitpersonen und 3mal häufiger zum Kopftuch, zur Untersuchungssituation und zur „mangelnden Autonomie“ der Patientinnen. Nur Ärztinnen äußerten sich über eigene Unsicherheiten und ein Empfinden von Missachtung gegenüber ihrer eigenen Person beim Umgang mit männlichen Patienten. Mangelnde Deutschkenntnisse, vor allem bei Patientinnen, wurden von allen genannt. Ca. 20mal wurde unabhängig vom Geschlecht des Arztes bei männlichen Patienten eine „starke Dominanz“ attestiert. Ärzte erwähnten meist zusätzlich noch eine Suchtproblematik. Ein andersartiges Krankheitserleben/-verständnis wurde meist im Zusammenhang mit psychosomatischen Erkrankungen erwähnt. Die Compliance beschrieben 15 Ärzte/-innen beispielsweise mit folgenden Begriffen: „fast unterwürfig“, „teils zwanghaft“, „schwankend“, „schlecht“, „wenig“, „nicht vorhanden“.

Schlussfolgerung/Implikation: Eigene kulturell geprägte Wertvorstellungen aufseiten der Ärzt/-innen beeinflussen die Einschätzung des Gegenübers sowie das eigene Empfinden in der Arzt-Patienten-Situation. Unterschiedlichkeiten prägen sowohl die Untersuchungssituation, -kommunikation als auch Erwartungshaltungen an Behandlungsinhalte und Medikation (psychosomatische Erkrankungen, eng verbunden mit einer patientseitigen „Pharmagläubigkeit“). Dies kann bei der Compliance, vor dem Hintergrund eines anderen Gesundheits- und Krankheitsverständnisses, zu Reibungspunkten führen.

Weitere Klärung sollen Interviews zur Situation von Hausärzte/-innen mit muslimischen Patienten bringen.


Literatur

1.
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Muslimisches Leben in Deutschland. Juni 2009.