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Forum Medizin 21, 45. Kongress für Allgemeinmedizin und Familienmedizin

Paracelsus Medizinische Privatuniversität in Zusammenarbeit mit der Deutschen, Österreichischen und Südtiroler Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin

22.09. - 24.09.2011, Salzburg, Österreich

Polypharmkotherapie – das Dilemma der Leitlinien

Meeting Abstract

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  • Markus Gosch - Hochzirl, Österreich

45. Kongress für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, Forum Medizin 21. Salzburg, 22.-24.09.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11fom002

DOI: 10.3205/11fom002, URN: urn:nbn:de:0183-11fom0026

Published: September 14, 2011

© 2011 Gosch.
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Die Multimorbidität ist eines der wichtigsten Merkmale älterer Patienten. Als unmittelbare Folge findet sich eine hohe Prävalenz der Polypharmazie. Laut einer deutschen Untersuchung nehmen ältere Patienten (>75 Jahre) durchschnittlich acht verschiedene Substanzen ein, ergänzt wird die ärztlich verordnete Medikation durch weitere drei bis vier „over the counter“-Medikamente. Die Zahl „drug-drug-interactions“ steigt exponentiell mit der Zahl der verordneten Substanzen. Dies bestätigt auch eine Studie aus Frankreich. Erhoben wurden unerwünschte Wirkungen einer Pharmakotherapie bei älteren Patienten. Dabei zeigte sich, wenig überraschend, aber sehr eindrucksvoll, dass die Polypharmazie der entscheidende Risikofaktor für das Auftreten von unerwünschten Ereignissen war, noch vor der Verordnung von inadäquaten Substanzen.

Guidelines bzw. Leitlinien stellen eine wesentliche Hilfe und Qualitätsverbesserung in der Behandlung für den Arzt und den Patienten dar. Vielfach werden sie jedoch auch von den Ärzten als Begründung für eine notwendige, nicht abwendbare Polypharmazie bei einer bestehenden Multimorbidität herangezogen. Guidelines beziehen ihre Informationen im Sinne einer Evidenz-basierten Medizin überwiegend aus randomisierten kontrollierten Studien. Dies hat zur Konsequenz, dass der „normale, alltägliche“ Patient, sprich alt, weiblich und multimorbid, in den Guidelines kaum oder nur als „Randgruppe“ erfasst ist. Zwar wird dies in den Guidelines diskutiert, diese wesentliche Information geht jedoch vielfach auf dem Weg zum klinisch tätigen Arzt verloren.

Nur in 25 % der deutschen Leitlinien werden Aussagen zu älteren Patienten getroffen. Der Aspekt der Multimorbidität war im Jahr 2008/2009 nur in 5 Leitlinien der AWMF Gegenstand einer therapeutischen Empfehlung. Im Kontext der Multimorbidität muss zwingend in jedem Fall geprüft werden, ob die aktuelle Leitlinien auf den zu behandelnden Patienten anzuwenden sind. In vielen Fällen wird man die Guidelines nur als Unterstützung im Entscheidungsprozess heranziehen können. Unrealistisch ist die Erwartung, dass Leitlinien alle Fragen beantworten, realistisch ist, dass Behandlungsziele formuliert, potentiell wirksame Therapien spezifiziert und die Variabilität der medizinischen Betreuung reduziert wird.

Neben einer kritischen Bewertung von Leitlinien stellt die Priorisierung der Multimorbidität ein wichtiges Instrumentarium zur Vermeidung einer problematischen Polypharmazie dar. Nicht alles, was behandelbar ist, muss behandelt werden. Die Indikation zur Behandlung orientiert sich streng an den Bedürfnissen des Patienten. Keine Therapie ohne Behandlungsziel und Erfolgskontrolle.