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EbM & Individualisierte Medizin
12. Jahrestagung des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin

Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e. V.

24.03. - 26.03.2011, Berlin

Die Weiterentwicklung und Anwendung der Forschungspyramide in der Physiotherapie

Meeting Abstract

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  • Bernhard Borgetto - HAWK Hildesheim
  • Andreas Pfingsten - HAWK Hildesheim

EbM & Individualisierte Medizin. 12. Jahrestagung des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin. Berlin, 24.-26.03.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11ebm89

DOI: 10.3205/11ebm89, URN: urn:nbn:de:0183-11ebm890

Published: March 23, 2011

© 2011 Borgetto et al.
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Die Forschungspyramide ist ein Modell als Basis für Clinical Reasoning und Clinical Decision Making in der Physiotherapie. Es basiert auf einer Dekonstruktion der klassischen Hierarchie der externen Evidenz und einer Rekonstruktion der Evidenzhierarchie nach den Kriterien interne und externe Validität (experimentelle und beobachtende Studien) sowie nach den Kriterien Abstraktion und Konkretion (quantitative und qualitative Studien). Dabei bestehen zwischen den Seiten teilweise fließende Übergängen.

Experimentelle Studien werden in der Forschungspyramide als Studien definiert, in denen die Intervention (die unabhängige Variable) zum Zwecke der Studie manipuliert wird. Beobachtende Studien hingegen sind darauf angelegt, den Untersuchungsgegenstand einschl. der unabhängigen Variablen durch die Studie zwar zu erfassen, aber möglichst wenig zu beeinflussen. Beide Varianten quantitativer Studien untersuchen unmittelbar quantifizierbare Merkmale, qualitative Studien hingegen arbeiten mit akustischem (verbalem) und optischem (Beobachtungen) Material, welches zunächst einem Interpretationsprozess durch die Forscher unterzogen werden muss. Qualitative Untersuchungsergebnisse sind prinzipiell quantifizierbar, umgekehrt sind quantitativ erhobene Daten einer qualitativen Interpretation nicht zugänglich.

Somit ergeben sich vier Hierarchien bezogen auf die interne Validität der Studiendesigns, welche jeweils unterschiedlich abstrakte bzw. konkrete Aussagen sowie intern bzw. extern valide Studienergebnisse ermöglichen: experimentelle und beobachtende quantitative bzw. qualitative Studien. Diese bilden – in der neuen Fassung – vier Seiten der Forschungspyramide. Die höchste Stufe der externen Evidenz ist so nur zu erreichen, wenn Studien mit höchstmöglicher interner Validität von allen vier Seiten vorliegen und in einem systematischen Review (quantitativ-qualitative Meta-Analyse) integriert wurden.

Systematische Reviews, die auf der Grundlage der Forschungspyramide durchgeführt werden, bilden den zum jeweiligen Zeitpunkt der Recherche höchsten Grad an externer Evidenz ab. Sie bieten aktuelle Informationen zu dem Wirkungspotenzial einer Intervention unter idealen Rahmenbedingungen und zu den bislang erzielten Wirkungen unter alltäglichen (ggf. auch unterschiedlichen) Rahmenbedingungen. Sie stellen gleichzeitig abstrakte, statistisch abgesicherte Informationen zur Verfügung, die den Grad der Sicherheit bzw. Unsicherheit beim Transfer der auf ihrer Grundlage gewonnenen Handlungsempfehlungen auf einen einzelnen Patienten quantifizieren, sowie konkrete, interpretativ abgesicherte Informationen, die helfen, die auf der Erfahrung beruhenden Handlungsintentionen zu systematisieren und mögliche Handlungsoptionen aufzeigen. Durch solchermaßen ausgearbeitet systematische Reviews erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, im Einzelfall mit dem Patienten gemeinsam eine adäquate Behandlungsentscheidung zu treffen.

Diese grundsätzlichen Überlegungen sollen an einem Beispiel exemplifiziert werden. Um den potenziellen und tatsächlichen Einfluss von Physiotherapie oder interdisziplinären Konzepten, die Physiotherapie als Schwerpunkt beinhalten, auf die Rückkehr an den Arbeitsplatz bei Patienten mit Beschwerden des unteren Rückens zu evaluieren, wurde ein Review durchgeführt, der die beiden quantitativen Seiten der Forschungspyramide zusammenführt. Die systematische Suche in den Datenbanken CINAHL und PubMed zeigte mit 44 experimentellen und 15 beobachtenden Arbeiten, von denen zudem sieben einarmig durchgeführt waren, ein erhebliches Ungleichgewicht, sodass nur für zwei Interventionen Studien aus beiden Forschungsansätzen berücksichtigt werden konnten. Für beide ergaben sich Hinweise auf Variationen der Effektgröße und -richtung bei Gegenüberstellung experimentell und beobachtend gewonnener Daten. Sollten sich solche Variationen bei einer größeren Anzahl von Studien systematisch zwischen beiden Studientypen unterscheiden, so müssten die Ursachen der Diskrepanz zwischen der Wirksamkeit unter Idealbedingungen und der Wirkung unter realen Bedingungen zu analysieren in einem nächsten Schritt experimentelle und beobachtende qualitative Studien durchgeführt und in die Ergebnisse integriert werden. Auf diesem Weg könnten die Einflussfaktoren auf die Umsetzbarkeit einer potenziell wirksamen Intervention im alltäglichen Einsatz als erkennbare Muster eruierbar werden.