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EbM & Individualisierte Medizin
12. Jahrestagung des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin

Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e. V.

24.03. - 26.03.2011, Berlin

Entwicklung und Evaluation einer Praxisleitlinie zu freiheitseinschränkenden Maßnahmen in Alten- und Pflegeheimen – cluster-randomisierte kontrollierte Studie

Meeting Abstract

EbM & Individualisierte Medizin. 12. Jahrestagung des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin. Berlin, 24.-26.03.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11ebm19

DOI: 10.3205/11ebm19, URN: urn:nbn:de:0183-11ebm191

Published: March 23, 2011

© 2011 Köpke et al.
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Hintergrund: Freiheitseinschränkende Maßnahmen (FEM) werden in deutschen Altenheimen regelmäßig angewendet. Epidemiologische Studien belegen große Unterschiede in der inter-institutionellen FEM-Prävalenz. Fachliche und ethische Gründe sprechen gegen die Anwendung von FEM. Evidenz-basierte Leitlinien können wirkungsvoll zur Optimierung der Praxis und zur Überwindung von Praxisvariationen beitragen. Ziel der Studie war die Entwicklung und Evaluation einer evidenzbasierte Leitlinie und eines darauf basierenden komplexen Interventionsprogramms mit dem Ziel der Vermeidung von FEM.

Material/Methoden: Die Evaluation erfolgte im Rahmen einer Cluster-randomisierten Studie. Eingeschlossen wurden Pflegeheime mit ≥60 Bewohnern und einer FEM-Prävalenz von ≥20% (Studienregistrierung: ISRCTN34974819). Die Interventionsgruppe (IG) erhielt die Leitlinien-basierte Intervention, die Kontrollgruppe (KG) eine FEM-Standardinformation. Die Cluster-Randomisierung erfolgte verdeckt und extern. Ziel war die Reduktion von FEM, Hauptendpunkt war die Anzahl der Bewohner mit FEM nach 6 Monaten. Die verblindete Erhebung der FEM erfolgte von April 2009 bis Februar 2010 durch direkte Beobachtung.

Ergebnisse: 36 Einrichtungen (IG: 18; KG: 18) in Hamburg und Witten (NRW) wurden eingeschlossen. Insgesamt wurden 4449 Bewohner (IG 2283, KG 2166) mindestens einmal gesehen. Die Intervention führte zu einer signifikanten Reduktion der Bewohneranzahl mit FEM um 6,5% (Cluster-adjustiertes 95% Konfidenzintervall: 0,6–12,4%) nach 6 Monaten (p=0,032). Im Vergleich zur Ausgangserhebung sank die FEM-Häufigkeit in der IG von 31,5% auf 22,6%, in der KG von 30,6% auf 29,1%. In der Gesamtgruppe aller während der Studiendauer beobachteten Bewohner stürzten in der IG 23,1%, in der KG waren es 26,1%. In der IG hatten 1,4% der Bewohner mindestens eine sturzbedingte Fraktur, in der KG waren es 1,9%. Beide Unterschiede sind nicht statistisch signifikant.

Schlussfolgerung/Implikation: Die Ergebnisse zeigen, dass eine aufwändige Leitlinien-gestützte Intervention sicher FEM reduzieren kann. Die klinische Relevanz der Ergebnisse bleibt jedoch zu diskutieren. Weitere geplante Analysen v.a. zur Prozessevaluation der komplexen Intervention werden hier wertvolle Erkenntnisse liefern.