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22nd International Congress of German Ophthalmic Surgeons

18. to 21.06.2009, Nürnberg

Glaukomchirurgie in Deutschland – eine Epidemiologie der Versorgung

Meeting Abstract

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  • N. Pfeiffer - Universitätsklinikum Mainz, Direktor der Augenklinik, Mainz
  • Ch. Wolfram - Mainz

22. Internationaler Kongress der Deutschen Ophthalmochirurgen. Nürnberg, 18.-21.06.2009. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2009. Doc09docH 3.1

DOI: 10.3205/09doc013, URN: urn:nbn:de:0183-09doc0136

Published: July 9, 2009

© 2009 Pfeiffer et al.
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Von Offenwinkel-Glaukomen sind vorwiegend ältere Menschen betroffen. Mit jeder älteren Lebensdekade nimmt die Wahrscheinlichkeit, an einem Glaukom zu erkranken erheblich zu. Während in der Gruppe der unter 50-jährigen nur ca. 0,5 bis 1 Prozent der Bevölkerung glaukomatöse Schäden aufweist, sind in der Altersgruppe der Ältesten (80 Jahre und mehr) zwischen fünf und zehn Prozent betroffen. Die Prävalenz für Glaukome verzehnfacht sich demnach im Laufe des menschlichen Lebens. Und die Neuerkrankungsrate (Inzidenz) für Glaukomerkrankungen und Glaukom-bedingte Blindheit nimmt mit höherem Lebensalter sogar in noch größerem Maß zu.

Glaukome gehören zu den häufigsten Ursachen für Blindheit und Sehbehinderung. In Deutschland sind gegenwärtig etwa 15 Prozent aller Erblindungen auf Glaukome zurückzuführen. Das bedeutet, dass ca. 1500 bis 2000 Menschen jedes Jahr in Deutschland an einem Glaukom erblinden. Auch gilt weiterhin, dass die Anzahl unentdeckter Glaukom-Schäden zu hoch ist und viele Betroffene erst viel zu spät diagnostiziert werden, wenn schon irreversible Schäden eingetreten sind.

Eine erhebliche epidemiologische Belastung für die Glaukomversorgung der Zukunft bringt der demographische Wandel der Gesellschaft mit sich. Die epidemiologische Herausforderung ergibt sich dabei sowohl durch eine erhöhte Lebenserwartung als auch durch eine veränderte Verteilung der Altersgruppen in der Bevölkerung.

Erfreulicherweise hat die Lebenserwartung der Menschen in westlichen Industrienationen in den vergangenen Jahrzehnten stetig zugenommen. Allein zwischen den Jahren 1993 und 2007 ist die Lebenserwartung für weibliche Neugeborene in Deutschland um 3,0 Jahre (auf 82,1 Jahre) und für männliche Neugeborene um 3,9 Jahre (auf 76,6 Jahre) gestiegen. Und auch die Ältesten der Gesellschaft dürfen auf eine verlängerte Lebenszeit hoffen: der Zuwachs der Restlebenserwartung zwischen 1993 und 2007 betrug bei 75-jährigen 1,5 Jahre für Frauen (auf 12,2 Jahre) und um 1,8 Jahre bei Männern (10,2 Jahre).

Die veränderte Lebenserwartung sowie eine niedrigere Geburtenrate als in früheren Jahrzehnten führen zu einem relativen Zuwachs an älteren Bevölkerungsgruppen. Diese Entwicklung ist in den vergangenen Jahren in der deutschen Gesellschaft bereits deutlich zu beobachten: während der Anteil der Menschen unter 18 Jahre zwischen 1993 und 2007 um fast zwölf Prozent zurückgegangen ist, ist die Gruppe der 65–74-jährigen sowie die Gruppe der 75-jährigen und älteren Menschen um jeweils über 30 Prozent gewachsen.

Mit der Alterung der deutschen Bevölkerung nehmen sowohl die Prävalenz als auch die Inzidenz von Blindheit und Glaukomerkrankungen zu. Anhand einer Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes und der Blindenstatistik des Jahres 2003 lässt sich ausrechnen, dass es bis zum Jahr 2030 allein durch demographische Veränderungen der Bevölkerungszusammensetzung insgesamt dreißig Prozent mehr Blinde und Sehbehinderte in Deutschland geben wird und die jährliche Neuerblindungsrate sogar um über sechzig Prozent zunehmen wird.

Blindheit und Sehbehinderung werden somit insgesamt häufiger und zunehmend auch zu einem Altenproblem. Während die Prävalenz von Blindheit unter Kindern und Jugendlichen u.a. durch verbesserte Therapien zurückgegangen ist, ist mittlerweile fast jeder zweite Blinde über 75 Jahre alt.

Glaukomchirurgische Eingriffe und auch medikamentöse Antiglaukomatosa können das Fortschreiten der Glaukomschädigung verlangsamen. In einer Modellstudie wurde errechnet, dass die Dauer zwischen erkennbaren Erstschäden und schwerwiegendem Glaukom im Endstadium ohne Therapie ca. 3,6 Jahre, mit einer optimalen Therapiestrategie jedoch 38 Jahre beträgt. Demnach wäre im Idealfall etwa von einer zehnfachen Verlangsamung des Krankheitsgeschehens auszugehen.

Im Jahr 2007 betrug der Verbrauch von antiglaukomatösen Augentropfen deutlich über 400 Millionen definierte Tagesdosen (DDD) in Deutschland (Arzneimittelreport 2008). Die Tagesdosis bezieht sich dabei immer auf zwei Augen, auch wenn bei ca. einem Drittel der Patienten nur ein Auge erkrankt ist. Im Vergleich zu anderen ophthalmologischen Indikationen liegen dabei Antiglaukomatosa deutlich vor allen anderen ophthalmologischen Therapiebereichen. Antiinfektiva machen im Vergleich – auch aufgrund der kürzeren Behandlungsdauer – nur etwa ein Sechstel der Menge an definierten Tagesdosen aus.

Bei den Antiglaukomatosa stehen gegenwärtig vier Wirkstoffbereiche im Vordergrund; Cholinergika wurden in den vergangenen Jahren zunehmend weniger angewendet (Abbildung 1 [Abb. 1]).

Eine einfache Modellrechnung kann die hohen Verbrauchs-Zahlen veranschaulichen: bei einer Bevölkerungsgröße Deutschlands von ca. 82 Millionen Menschen und einer Glaukomprävalenz von ca. zwei Prozent errechnen sich 1,64 Millionen Glaukom-Patienten für Deutschland. Bei einer täglichen Applikation von nur einem Präparat an 365 Tagen im Jahr wären ca. 600 Millionen definierte Tagesdosen nötig. Wenn man bedenkt, dass viele Patienten sogar mehrere Präparate benötigen und nur ein kleiner Teil der Patienten durch Glaukom-Operationen gar keine Augentropfen mehr anwenden muss, spiegeln die Verbrauchs-Daten sogar ein nicht unerhebliches Maß an Non-Compliance der Patienten wider, das in der augenärztlichen Praxis leicht vernachlässigt wird.

Wie steht es um die Anzahl an Glaukomoperationen in Deutschland? Im Vergleich zu anderen Augenoperationen machte die operative Glaukomversorgung im Jahr 2007 für vollstationär versorgte Patienten einen Anteil von fast sieben Prozent aus (Abbildung 2 [Abb. 2]).

Insgesamt wurden 2007 fast 33.000 Glaukomoperationen in deutschen Krankenhäusern durchgeführt, die auf die Senkung des Augeninnendrucks abzielten. In der OPS-Klassifikation (5.131–5.134) werden dazu vier verschiedene chirurgische Strategien unterschieden. Filtrierende Operationen nahmen mit insgesamt 11.640 Operationen die führende Rolle vor Ziliarkörperoperationen (11.249) ein (Abbildung 3 [Abb. 3]).

Setzt man die Glaukomoperationen ins Verhältnis zu der geschätzten Zahl von 1,64 Millionen Glaukompatienten in Deutschland, so lässt sich ausrechnen, dass nur etwa jeder fünfzigste Patient einer Operation zugeführt wird.

Gegenwärtig gibt es in Deutschland jedes Jahr nach Schätzungen ca. 80.–120.000 Neuerkrankungen am Glaukom. Wenn man die Bevölkerungsentwicklung berücksichtigt, sind für die Zukunft 150.000 Neuerkrankungen pro Jahr nicht unwahrscheinlich. Man kann davon ausgehen, dass der Bedarf an chirurgischen Operationen ebenfalls erheblich steigen wird. Es ist daher dringend erforderlich, auf allen Ebenen des Gesundheitswesens – in Gesundheitspolitik, Forschung und Krankenversorgung – die erwarteten Mehrbelastungen zu verdeutlichen und auf innovative Behandlungsformen sowie auf eine Ausweitung der Glaukomversorgung in Deutschland hinzuwirken.