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10. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung, 18. GAA-Jahrestagung

Deutsches Netzwerk Versorgungsforschung e. V.
Gesellschaft für Arzneimittelanwendungsforschung und Arzneimittelepidemiologie e. V.

20.-22.10.2011, Köln

Prädiktoren der Medikamenten-Adhärenz bei Patienten mit depressiven Störungen

Meeting Abstract

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  • corresponding author presenting/speaker Manuela Glattacker - Abteilung Qualitätsmanagement und Sozialmedizin, Universitätsklinikum Freiburg, Freiburg, Deutschland
  • author Katja Heyduck - Abteilung Qualitätsmanagement und Sozialmedizin, Universitätsklinikum Freiburg, Freiburg, Deutschland
  • author Cornelia Meffert - Abteilung Qualitätsmanagement und Sozialmedizin, Universitätsklinikum Freiburg, Freiburg, Deutschland

10. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung. 18. GAA-Jahrestagung. Köln, 20.-22.10.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11dkvf180

DOI: 10.3205/11dkvf180, URN: urn:nbn:de:0183-11dkvf1803

Published: October 12, 2011

© 2011 Glattacker et al.
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Text

Hintergrund: Mangelnde Medikamenten-Adhärenz stellt – insbesondere bei depressiven Patienten [1] – ein erhebliches Problem dar. Im Kontext chronisch somatischer Erkrankungen wurden patientenseitige Einstellungen und Überzeugungen wie z.B. das medikamentenbezogene Behandlungskonzept [2] und die Zufriedenheit mit medikamentenbezogener Information [3] als relevante Prädiktoren der Adhärenz nachgewiesen. Im vorliegenden Beitrag wird analysiert, ob patientenseitige Überzeugungen – und zwar subjektive Krankheitskonzepte (SK; patientenseitige Annahmen zu Krankheitssymptomen, Krankheitsverlauf, Konsequenzen, Behandelbarkeit/Kontrollierbarkeit, „Verstehbarkeit“ der Erkrankung und Ursachen), das medikamentenbezogene Behandlungskonzept (BK; patientenseitige Annahmen zur Notwendigkeit und zu Befürchtungen bzgl. der Medikation) und die Zufriedenheit mit Informationen über die Medikamente Prädiktoren der medikamentenbezogenen Adhärenz von Patienten mit depressiven Störungen sind.

Material und Methoden: Die Datenerhebung erfolgte in fünf psychosomatischen Rehabilitationskliniken, Messzeitpunkt war Reha-Beginn. Zur Operationalisierung der subjektiven Krankheits- und Behandlungskonzepte und der Informationsbewertung wurden die deutschen Versionen des Illness Perception Questionnaire-Revised (IPQ-R; [4], [5]), des Beliefs about Medicines Questionnaires (BMQ; [6]; [7]) und der Satisfaction with Information about Medicines Scale (SIMS; [3]; [8]) eingesetzt. Die Adhärenz wurde mittels Morisky-Skala erfasst [9]. Aufgrund der schiefen Verteilung der Adhärenz wurde zur Identifikation der Prädiktoren eine logistische Regressionsanalyse gerechnet (Kriterium: Adhärenz ja/nein). Als potenzielle Prädiktoren wurden neben den Skalen der o.g. Fragebögen Geschlecht, Alter und Diagnosegruppe aufgenommen.

Ergebnisse: Der Frauenanteil der Stichprobe (N=205) liegt bei 75%, das Durchschnittsalter bei 48 Jahren. Die häufigsten Diagnosegruppen sind eine depressive Episode (44%) und eine rezidivierende depressive Störung (45%). 73% der Patienten nehmen zum Befragungszeitpunkt Medikamente zur Behandlung der Depression ein. 32% dieser Patienten geben an, die Medikamenteneinnahme manchmal zu vergessen, 16% bezeichnen sich bei der Medikamenteneinnahme als „sorglos“ und je etwa ein Viertel der Patienten nimmt manchmal keine Medikamente, wenn es ihnen besser geht bzw. hört mit der Einnahme auf, wenn sie sich schlechter fühlen. 34% der Patienten gehören demnach zur Gruppe der „hoch Adhärenten“. Als Prädiktoren der Adhärenz lassen sich zwei Variablen des SK und des BK identifizieren (Wald-Statistik): Eine geringer ausgeprägte subjektive Verstehbarkeit der Depression (Odds ratio=0.895, p=.036) und eine stärkere Repräsentation der Medikamente als „notwendig“ (Odds ratio=1.132, p=.012). Die Gesamtgütekriterien weisen das Modell als zufriedenstellend aus (Hosmer-Lemeshow-Test p=.942), die Varianzaufklärung (Nagelkerke’s R2) ist jedoch mit .152 gering.

Schlussfolgerung: Aspekte des subjektiven Krankheitskonzepts bzw. des medikamentenbezogenen Behandlungskonzepts erweisen sich in der vorliegenden Stichprobe als Prädiktoren der Adhärenz. Wenngleich der Zusammenhang nicht sehr stark ist und die ausschließlich subjektive Erfassung der Adhärenz als Limitation diskutiert werden muss, bietet die explizite Thematisierung patientenseitiger Einstellungen und Überzeugungen vielfältige Ansatzpunkte, Patienten in das Rationale der Behandlung einzubeziehen und hierdurch ggf. gesundheitsbezogene Outcomes zu verbessern.

Wir danken herzlich den Kooperationskliniken: Rehabilitationsklinik Frankenhausen DRV-Bund, Bad Frankenhausen; Rehabilitationsklinik "Garder See", Lohmen; Klinik am Homberg, Bad Wildungen; DE´IGNIS Fachklinik GmbH, Egenhausen; Psychosomatische Fachklinik Schömberg, Schömberg Die SIMS-Skala wurde entwickelt an der „Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung und Abteilung Innere Medizin VI, Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie des Universitätsklinikums Heidelberg, Heidelberg, Deutschland“.


Literatur

1.
DiMatteo MR, Lepper HS, Croghan TW. Depression is a risk factor for noncompliance with medical treatment: meta-analysis of the effects of anxiety and depression on patient adherence. Arch Intern Med. 2000;160:2101–2107.
2.
Horne R, Weinman J. Patients’ beliefs about prescribed medicines and their role in adherence to treatment in chronic physical illness. Journal of Psychosomatic Research. 1999;47 (6):555-567.
3.
Horne R, Hankins M, Jenkins R. The satisfaction with information about Medicines Scale (SIMS): a new measurement tool for audit and research. Qual Health Care. 2001;10:135-40.
4.
Gaab J, Ehlert U. Chronische Erschöpfung und Chronisches Erschöpfungssyndrom. Göttingen: Hogrefe; 2005.
5.
Glattacker M, Bengel J, Jäckel WH. Die deutschsprachige Version des Illness Perception Questionnaire-Revised: Psychometrische Evaluation an Patienten mit chronisch somatischen Erkrankungen. Z für Gesundheitspsychologie. 2009;17:158-169.
6.
Horne R, Weinman J, Hankins M. The Beliefs about Medicines Questionnaire: The development and evaluation of a new method for assessing the cognitive representation of medication. Psychol Health. 1999;14:1-24.
7.
Opitz U, Glattacker M, Bengel J, Jäckel WH, Horne R. Der "Beliefs about Medicines Questionnaire" (BMQ© Horne R) - Übersetzung und erste methodische Prüfung an Patienten mit Fibromyalgie. In: Deutsche Rentenversicherung Bund, ed. Evidenzbasierte Rehabilitation - zwischen Standardisierung und Individualisierung,17. Reha-Wissenschaftliches Kolloquium. Berlin; 2008. (DRV-Schriften;77). p. 99-100.
8.
Mahler C, Jank S, Herrmann K, Horne R, Ludt S, Haefeli WE, Szecsenyi J. Psychometric properties of the German version of the "Satisfaction with information about Medicines Scale" (SIMS-D). Value Health. 2009;12:1176 –1179.
9.
Morisky DE, Green LW, Levine DM. Concurrent and Predictive Validity of a Self-Reported Measure of Medication Adherence. Medical Care. 1986;24:67-74.