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10. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung, 18. GAA-Jahrestagung

Deutsches Netzwerk Versorgungsforschung e. V.
Gesellschaft für Arzneimittelanwendungsforschung und Arzneimittelepidemiologie e. V.

20.-22.10.2011, Köln

Narrative von Betroffenen über ihre Arzneimittelversorgung

Meeting Abstract

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10. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung. 18. GAA-Jahrestagung. Köln, 20.-22.10.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11dkvf159

DOI: 10.3205/11dkvf159, URN: urn:nbn:de:0183-11dkvf1598

Published: October 12, 2011

© 2011 Plunger.
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Hintergrund: Die Forschung über Krankheitsnarrative von Betroffenen, die sich u.a. mit dem Stellenwert dieser Narrative im Hinblick auf eine an den Bedürfnissen der Betroffenen orientierten Versorgung von Menschen mit chronischen Erkrankungen beschäftigt, hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen [1]. Das zeigt sich nicht zuletzt an neuen Forschungs- und Praxisfeldern in der Versorgung wie der „Narrative Medicine“ [2]. Wenig Beachtung haben in diesem Zusammenhang Narrative der Betroffenen über ihre Arzneimittelversorgung erfahren, wenngleich diese Versorgungsform allgegenwärtig ist [3].

Material und Methoden: Methodologisch wurde nach der Grounded Theory [4] vorgegangen: Als Datenmaterial dienten 10 qualitative Interviews mit Personen, die sich homöopathisch und konventionell-medizinisch behandeln ließen und über ihre Erfahrungen berichteten. Diese Interviews wurden wörtlich transkribiert und nach der Methode des ständigen Vergleichens und der Kategorienbildung ausgewertet, um zu einer gegenstandsbegründeten Theorie zu gelangen.

Ergebnisse: Die Narrative der Betroffenen über ihre Erfahrungen in der Behandlung mittels homöopathischer Mittel und Arzneimittel sind eingebettet in umfangreiche Narrative der medizinischen Versorgung durch HomöopathInnen und konventionell praktizierende ÄrztInnen, und lassen eine eindimensionale Zuschreibung von „sanft-natürlich“ für homöopathische Mittel versus „gefährlich-chemisch“ für allopathische Arzneimittel inadäquat erscheinen. Vielmehr sind die Narrative der Betroffenen über ihre Arzneimittelversorgung nur vor dem Hintergrund ihrer Wahrnehmung der medizinischen Versorgung zu verstehen und geben einen Einblick in die Relevanzstrukturen der Betroffenen, was eine aus ihrer Perspektive gute Versorgung ausmacht. Arzneimittel und homöopathische Mittel werden in diesem Kontext auf die ihnen zugeschriebenen Wirkungen hin bewertet, erreichen aber auch eine symbolische Bedeutung, und widerspiegeln in weiterer Folge den Behandlungsverlauf und die Betreuungsbeziehung zu den ÄrztInnen. Diese Wahrnehmungen und Bewertungen sind nicht starr, sondern werden in den entsprechenden Narrativen situationsspezifisch reformuliert.

Schlussfolgerung: Auch wenn vor einer naiven Interpretation der (Krankheits)narrative von Betroffenen gewarnt werden muss [1], kann dennoch der Wert von Krankheitsnarrativen für eine qualitative Weiterentwicklung der Arzneimittelversorgung, die auch an den Bedürfnissen anschließt, nicht zuwenig geschätzt werden: Narrative von Betroffenen geben einen Einblick in ihre Wahrnehmungen der Behandlung und Betreuung, und eröffnen auf diese Weise neue Wege, die „Stimme der Medizin“ mit der „Stimme der Lebenswelt“ [5] in Beziehung zu setzen und so zu einem Austausch zwischen der professionellen Perspektive (im Fall der Arzneimittelversorgung vor allem von ÄrztInnen und ApothekerInnen) und der Perspektive der Betroffenen beizutragen.


Literatur

1.
Bury M. Illness narratives: fact or fiction? Sociology of Health and Illness. 2001;23(3):263-285.
2.
Charon R. Narrative Medicine. Honoring the Stories of Ilness. Oxford: Oxford University Press; 2006.
3.
Bissel P, Ryan K, Morecroft C. Narratives about illness and medication: a neglected theme/new methodology within pharmacy practice research. Pharmacy World & Science. 2006;28:54-60.
4.
Strauss AS, Corbin J. Grounded Theory: Grundlagen Qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Beltz Psychologie Verlags Union; 1996.
5.
Mishler EG. The discourse of medicine: Dialectics of medical interviews. Norwood: Ablex Publishers; 1984.