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29. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

21.09. - 23.09.2012, Bonn

Zur Ästhetik der heiseren Singstimme – grausig oder großartig?

Vortrag

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  • Wolfram Seidner

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 29. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Bonn, 21.-23.09.2012. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2012. Doc12dgppHV5

DOI: 10.3205/12dgpp97, URN: urn:nbn:de:0183-12dgpp977

Published: September 6, 2012

© 2012 Seidner.
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Text

Es fällt nicht leicht, das Phänomen „Heiserkeit“ ästhetischen Kategorien zuzuordnen, bewerten wir es doch in unserer klinischen Arbeit als ein Krankheitszeichen, das meist mit Beschwerden bzw. Leidensdruck einhergeht oder mit Auffälligkeiten im sozialen Bereich und das abgeklärt werden sollte. Zugleich werden wir täglich in den Medien, aber auch in zahlreichen Konzerten und Bühnenaufführungen mit heiseren Singstimmen konfrontiert, die von vielen Menschen als schön und nachahmenswert empfunden und sogar heftig bejubelt werden. Sind Popsänger als stimmkrank einzuordnen oder hat sich eine neue Ästhetik entwickelt, die unsere ärztlichen Erfahrungen und Standpunkte ins Abseits stellt?

Im traditionellen abendländischen Kunstgesang wird Heiserkeit als Ausdrucksmittel fast nicht gebraucht, allenfalls in emotionalen Extremsituationen und nur für kurze Zeit. Eine klare, dichte, klangreiche, tragfähige und vor allem modulationsfähige Stimme gilt in diesem Bereich als ein besonderes Qualitätsmerkmal, nicht nur aus ästhetischer, sondern vor allem auch aus leistungsphysiologischer Sicht. Stimmausdruck wird musikalisch und mit besonderen sängerischen Fertigkeiten erreicht, nicht mittels Heiserkeit.

Aber auch bei Liedern der traditionellen deutschen Popularmusik (vornehmlich im vorigen Jahrhundert aufgenommen) ergab sich bei Hörbeurteilungen von 322 Einspielungen, dass lediglich dreimal eine angedeutete Rauigkeit auffiel, die aus stimmärztlicher Sicht nicht unbedingt hätte abgeklärt werden müssen. Sonst wurde Heiserkeit als Ausdrucksmittel nicht benutzt.

Eines der seltenen Ereignisse aus der Zeit der Klassik ist der Todesschrei des Don Giovanni in Mozarts gleichnamiger Oper, der in den 35 untersuchten Interpretationen bezüglich einer Ausdruckssteigerung mittels Heiserkeit sehr unterschiedlich auffiel und bezüglich sängerischer Hyperfunktion, Tonhöhe, Stimmstärke und geräuschhaften Lautäußerungen schon recht Ungewöhnliches bot.

Heiserkeit lässt sich also gesteigerten Emotionen zuordnen. Das gilt in besonderem Maße für die Popularmusik, die unser Leben in fast beängstigender Weise dominiert. Auch wenn wir nicht jede Abweichung von einer dichten, klaren und klangvollen Stimme als krankhaft im Sinne notwendiger Diagnostik und Therapie bewerten müssen, so führt doch ein überwiegender oder manchmal sogar ausschließlicher Gebrauch von sängerischen Hyperfunktionen nicht selten zu permanenten Überforderungen, die oft mit länger dauernden Heiserkeiten bzw. chronischen Stimmschädigungen einhergehen. Damit wird der Bereich des Ästhetischen verlassen und mit Sicherheit der des Klinischen erreicht. Allerdings hängt das Ausmaß des Schadens von den konstitutionellen Voraussetzungen, vom individuellen Stimmgebrauch sowie von der Dauer und dem Ausmaß der Belastung und den Erholungsmöglichkeiten ab. Im Populargesang werden ja auch – in Abweichung von einer dichten und klaren Stimmgebung – besondere Effekte manchmal nur sanft, kurzzeitig und als spezifisches Ausdrucksmittel kontrolliert eingesetzt, so dass sich Beschädigungen in Grenzen halten.

Bemerkenswert ist, dass Heiserkeit beim Singen viel eher toleriert wird als beim alltäglichen Sprechen, was Hörversuche bestätigt haben. Wir (3) ließen Klangbeispiele von 16 Sängern unterschiedlichen Genres von insgesamt 6 Hörergruppen auditiv beurteilen und nach folgenden Merkmalspaaren graduiert einschätzen: gesund oder krank, nicht heiser oder heiser, gefällt mir oder gefällt mir nicht. Auch wenn die Merkmale Heiserkeit und Krankheit von allen Probanden miteinander in Verbindung gebracht worden waren, so ergab sich doch als erstaunliches Resultat, dass die an Hörbeurteilungen gewöhnten Probandengruppen den Krankheitswert niedriger einstuften als den Heiserkeitswert. Den meisten Hörern gefielen solche Stimmen am besten, die zwar als leicht heiser, zugleich aber als gesund eingeschätzt worden waren.

Beurteilungen von Sängerstimmen können nur dann einigermaßen vergleichbar erfolgen, wenn man ästhetische und physiologische Aspekte zu trennen versucht. So wurden vor Hörversuchen ganz anderer Art einige wesentliche physiologische Klangmerkmale ausgewählt, die sowohl aus klinischer als auch aus sängerischer Sicht bedeutsam erscheinen und sich interindividuell auch gut vergleichen lassen, nämlich: die auditive Beurteilung von Atemdruck- und Kehlkopfspannung, das „Belegtsein“ der Stimme im Sinne angedeuteter Rauigkeit, eine deutlich wahrnehmbare Rauigkeit oder auch Behauchtheit, die „Rückverlagerung“ der Stimme als mangelhafte sängerische Klangbildung sowie eine als zu viel oder zu wenig auffallende Nasalität (Hyper- oder Hyponasalität). Als Bezugssystem wurde die dichte, klare, klangvolle und modulationsfähige Stimme des traditionellen klassischen Singens gewählt.

Die Erfahrungen mit diesen Versuchen stützen sich bis heute auf jeweils 5 Jahrgänge von Gesangsstudenten (insgesamt 64) sowie von Teilnehmern an Fortbildungskursen für Sänger (insgesamt 100). Es ergab sich eine hohe Übereinstimmung in der Beurteilung der Merkmale, wobei natürlich Überschneidungen vorkamen, wie wir sie auch von den auditiven Beurteilungen in der Klinik kennen. Beispielsweise wurde mancher belegte Stimmklang der Kategorie Rauigkeit zugeordnet, oder bei einer überwiegend rauen Stimme auch Behauchtheit gehört. Die meisten Schwierigkeiten ergaben sich – allerdings nur während des vorangegangenen Hörtrainings, nicht mehr während der nachfolgenden Hörversuche – beim Erkennen von Klangminderungen in den Ansatzräumen. Diese Probleme betrafen nicht nur die Unterscheidung von Hyper- und Hyponasalität, sondern auch die Abgrenzung von Hyponasalität und sogenannter Rückverlagerung.

Als entscheidendes Kriterium zu entscheiden, ob Heiserkeit als ein Krankheitszeichen zu bewerten ist oder nicht, erscheint mir deren Rücknahmefähigkeit. Wenn Sänger mit einer dichten und klaren Stimme bewusst heisere Stimmeffekte gebrauchen und auch wieder zurücknehmen können, kann der Aspekt des Ästhetischen zugebilligt werden. Eine chronisch heisere Stimme, die nur mit erhöhtem Kraftaufwand, quasi nur brüllend eingesetzt werden kann und dabei jeglicher Modulationsfähigkeit entbehrt, sollte besser eine gründliche Diagnostik und Therapie erfahren als auf einer Bühne als künstlerische Leistung vorgeführt zu werden. Schließlich muss es auch weiterhin möglich sein, den Schönheitsbegriff mit einer reinen, klangvollen, im traditionellen Sinne wohlklingenden Stimme zu verbinden, die auch ohne einen Verstärker auskommt und dabei leistungsfähig und gut belastbar ist.


Literatur

1.
Anders LC. Perzeptive Beurteilung der Stimme. In: Seidner W, Nawka T, eds. Handreichungen zur Stimmdiagnostik. Berlin: XION; 2012.
2.
Seidner W. Stimmeffekte. logopädieaustria. 2012;9(1):33.
3.
Seidner W, Büttner M. Zur Ästhetik der heiseren Singstimme. In: Gundermann H, ed. Die Ausdruckswelt der Stimme, Kongressband 1. Stuttgarter Stimmtage. Heidelberg: Hüthig; 1998.
4.
Seidner W, Dippold S, Fuchs M. "Stimmklanglauschen" und Hörtraining mit Kinder- und Jugendstimmen. In: Fuchs M, ed. Hören, Wahrnehmen, (Aus-) Üben, Kinder- und Jugendstimme. Bd. 3. Berlin: Logos; 2009.
5.
Seidner W, Wendler J. Die Sängerstimme. 4. Aufl. Berlin: Henschel; 2004.