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29. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

21.09. - 23.09.2012, Bonn

Längsschnittuntersuchung bei Kindern mit auditiver Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung

Vortrag

  • corresponding author presenting/speaker Sylvi Meuret - Universität Leipzig, Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Sektion Phoniatrie und Audiologie, Leipzig, Deutschland
  • Philipp Eißfeller - Universität Leipzig, Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Sektion Phoniatrie und Audiologie, Leipzig, Deutschland
  • Bettina Hentschel - Universität Leipzig, Institut für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie, Leipzig, Deutschland
  • Michael Fuchs - Universität Leipzig, Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Sektion Phoniatrie und Audiologie, Leipzig, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 29. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Bonn, 21.-23.09.2012. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2012. Doc12dgppV56

DOI: 10.3205/12dgpp92, URN: urn:nbn:de:0183-12dgpp925

Published: September 6, 2012

© 2012 Meuret et al.
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Zusammenfassung

Hintergrund: Da bis dato weder ein Goldstandard in der Diagnostik einer auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) noch ein einheitliches Therapiekonzept bestehen, besteht eine dringliche Notwendigkeit, Längsschnittuntersuchungen der betroffenen Kinder durchzuführen, die Hinweise für die Etablierung von Standards geben können. In unserer Studie haben wir Kinder, bei denen wir eine Störung im Bereich der auditiven Verarbeitung und Wahrnehmung diagnostizierten (t1), ein Jahr später erneut untersucht (t2).

Material und Methoden: Bei 45 Kindern (12 Mädchen, 33 Jungen, Altersdurchschnitt bei t2: 6,58 Jahre) erfolgte im Mittel nach 14,38 Monaten die Kontrolluntersuchung. Dabei wurden alle während der Erstuntersuchung als auffällig eingestuften Tests erneut durchgeführt. 44 der Kinder hatten eine Logopädie erhalten, 2 eine Ergotherapie. Bei einem Kind erfolgte eine zusätzliche sonderpädagogische Förderung.

Ergebnisse: Bei dem Vergleich der Testergebnisse von t1 und t2 zeigten sich signifikante Verbesserungen der Mittelwert bei folgenden Untersuchungen (Signifikanzniveau p<0,05): Regiometrie, Sprachaudiometrie im Störschall, dichotisches Wörterverstehen, „Laute Verbinden“, „Wörter Ergänzen“, Heidelberger Lautdifferenzierungstest (1a, 1b, 2) und Positionsbestimmung nach Lauer. Keine signifikante Verbesserung wurde im Mottier-Test und bei der Lautidentifikation nach Lauer erreicht. Im Fremdanamnesebogen zur Erfassung einer AVWS wurden die kontrollierten Kinder im Durchschnitt sogar schlechter eingestuft als bei der Erstuntersuchung.

Diskussion: Die meisten Kinder verbesserten sich innerhalb eines Jahres in den kontrollierten Tests. Jedoch spiegelt sich das nicht in den Angaben der Lehrer und Eltern wider. Einige auffällige Tests konnten im Rahmen der Kontrolluntersuchung nicht erneut durchgeführt werden, da keine Normwerte mehr vorhanden waren. Es zeigt sich erneut die Notwendigkeit Tests zu etablieren, die auch im Jugend- und Erwachsenenalter normiert sind.


Text

Hintergrund

Da bis dato weder in der Diagnostik einer auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) ein Goldstandard noch ein einheitliches Therapiekonzept vorhanden sind, besteht eine dringliche Notwendigkeit, Längsschnittuntersuchungen der betroffenen Kinder durchzuführen, die Hinweise auf die Etablierung von Standards geben können. In unserer Studie haben wir Kinder, bei denen wir eine Störung im Bereich der auditiven Verarbeitung und Wahrnehmung diagnostizierten (t1), ein Jahr später erneut untersucht (t2).

Probanden

Bei 45 Kindern (12 Mädchen, 33 Jungen, Altersdurchschnitt bei t2: 6,58 Jahre) erfolgte im Mittel nach 14,38 Monaten die Kontrolluntersuchung. Dabei wurden alle während der Erstuntersuchung als auffällig eingestuften Tests erneut durchgeführt. 43 der Kinder erhielten ausschließlich eine logopädische Therapie. Bei einem Kind erfolgt ausschließlich eine ergotherapeutische Betreuung, ein weiteres Kind wurde logopädisch und ergotherapeutisch betreut. Ein Kind wurde sonderpädagogisch gefördert. Keines der Kinder hatte eine apparative Therapie (FM- Anlage o.ä.) erhalten.

Ergebnisse

Zur Diagnostik einer AVWS werden in unserer Klinik standardisiert folgende Testungen durchgeführt: Sprachaudiometrie im Störgeräusch, Hörfeldskalierung, BERA, Regiometrie, dichotisches Wortverstehen, Heidelberger Lautdifferenzierungstest (H- LAD 1a, 1b, 2), Untertests des Heidelberger Sprachentwicklungstestes (Imitation grammatischer Strukturen, Textgedächtnis), Untertests des Sprachentwicklungstestes (Zahlenfolgegedächtnis, Lauteverbinden, Wörterergänzen), Mottier- Test (aus dem Züricher Lesetest), Lauer (Lautidentifikation und Positionsbestimmungen), zeitkomprimierte Sprache. In Abbildung 1 [Abb. 1] werden die absoluten Häufigkeiten der auffälligen Testergebnisse zu t1 und t2 dargestellt. Die unterschiedlichen Anzahlen der durchgeführten Tests ergeben sich nicht nur daraus, wie häufig der jeweilige Test auffällig war, sondern auch dadurch, dass nur die Tests in die Auswertung einfließen, die bei den einzelnen Kindern zu beiden Testzeitpunkten durchgeführt werden konnten (z.B. ist der Test zeitkomprimierte Sprache nur bei 5–7-Jährigen normiert, so dass er bei keinem Kind in die Bewertung einfließen konnte).

Da die einzelnen Probanden sehr inhomogene Ergebnisse in der Kontrolluntersuchung erzielten, verzichten wir auf die einzelne Darstellung der individuellen Testergebnisse. Bei dem Vergleich der Testergebnisse von t1 und t2 zeigten sich signifikante Verbesserungen der Mittelwert bei folgenden Untersuchungen (Signifikanzniveau p<0,05): Regiometrie, Sprachaudiometrie im Störschall, dichotisches Wortverstehen, Lauteverbinden, Wörterergänzen, Heidelberger Lautdifferenzierungstest (1a, 1b, 2) und Positionsbestimmung nach Lauer. Keine signifikante Verbesserung wurde im Mottier-Test und bei der Lautidentifikation nach Lauer erreicht. Im Fremdanamnesebogen zur Erfassung einer AVWS wurden die kontrollierten Kinder im Durchschnitt sogar schlechter eingestuft als bei der Erstuntersuchung.

Diskussion

Die meisten Kinder verbesserten sich innerhalb eines Jahres in den kontrollierten Tests. Es zeigt sich jedoch erneut die Notwendigkeit Tests zu etablieren, die auch im Jugend- und Erwachsenenalter normiert sind. Zudem sind vergleichende Untersuchungen zur Wirksamkeit verschiedener Therapie- und Fördermaßnahmen notwendig.

Die Verbesserung bezüglich der auditiven Verarbeitung und Wahrnehmung der Patienten spiegelt sich nicht in den Angaben der Lehrer und Eltern wider. Dies kann einerseits eine Sensibilisierung der Eltern/Lehrer bezüglich der AVWS der Kinder belegen, andererseits können dadurch auch positive Entwicklungen der Kinder zu gering geschätzt und der sonderpädagogische/therapeutische Bedarf überschätzt werden.