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29. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

21.09. - 23.09.2012, Bonn

Psychische Auffälligkeiten bei Kindern mit spezifischer Sprachentwicklungsstörung

Vortrag

  • corresponding author presenting/speaker Lea Sarrar - Charité – Universitätsmedizin Berlin, Klinik für Audiologie und Phoniatrie, Berlin, Deutschland
  • author Jochen Rosenfeld - Charité – Universitätsmedizin Berlin, Klinik für Audiologie und Phoniatrie, Berlin, Deutschland
  • author Nora Martienssen - Charité – Universitätsmedizin Berlin, Klinik für Audiologie und Phoniatrie, Berlin, Deutschland
  • author Bärbel Wohlleben - Charité – Universitätsmedizin Berlin, Klinik für Audiologie und Phoniatrie, Berlin, Deutschland
  • author Manfred Gross - Charité – Universitätsmedizin Berlin, Klinik für Audiologie und Phoniatrie, Berlin, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 29. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Bonn, 21.-23.09.2012. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2012. Doc12dgppV42

DOI: 10.3205/12dgpp78, URN: urn:nbn:de:0183-12dgpp787

Published: September 6, 2012

© 2012 Sarrar et al.
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Zusammenfassung

Hintergrund: Kinder mit spezifischer Sprachentwicklungsstörung (SSES) können mit einer Reihe krankheitsspezifischer Folgebelastungen wie erschwerten Zugängen zu sozialen Kontakten und Beeinträchtigungen in der Affektregulation konfrontiert sein [5]. Die Auftrittshäufigkeit psychischer Auffälligkeiten bei sprachentwicklungsgestörten Kindern wird mit etwa 50% angegeben. Damit sind sprachentwicklungsgestörte Kinder etwa dreimal stärker von psychischen Auffälligkeiten betroffen als Kinder ohne Sprachentwicklungsstörung [2].

Derzeit besteht ein Mangel an Untersuchungen zu dieser Thematik bei Schulkindern. Ziel der vorliegenden Studie ist daher die Untersuchung von Kindern mit spezifischen Sprachentwicklungsstörungen im Altersbereich zwischen 6;0 und 8;11 Jahren hinsichtlich psychischer Auffälligkeiten.

Material und Methoden: In die Querschnittsuntersuchung gingen bis dato 21 männliche und 10 weibliche Patienten mit SSES (MAlter = 7,1 ± 0,7) sowie 20 weibliche und neun männliche gesunde Probanden (MAlter = 6,7 ± 0,7) einer Kontrollgruppe (KG) ein. Neben einer Testbatterie zur Überprüfung der für die SSES charakteristischen sprachlichen Bereiche [6] wurde die Child Behavior Checklist (CBCL; [1]) zur Überprüfung psychischer Auffälligkeiten eingesetzt.

Ergebnisse: Die statistischen Berechnungen zeigen tendenziell signifikante Unterschiede zwischen Kontroll- und Patientengruppe hinsichtlich des CBCL-Gesamtwerts (p=0.069; SSES > KG) sowie signifikante Unterschiede hinsichtlich externalisierenden Verhaltens (p=0.045; SSES > KG). Keine Unterschiede konnten bezüglich internalisierenden Verhaltens beobachtet werden.

Diskussion: Die Resultate weisen auf psychische Belastungen bei Schulkindern mit SSES hin und stehen im Einklang zu Befunden bei jüngeren Patientinnen und Patienten mit SSES. Die Ergebnisse sprechen dafür, bei Kindern mit SSES auf psychische Auffälligkeiten ein besonderes Augenmerk zu richten und z. B. grundsätzlich auch den CBCL durchzuführen.


Text

Einleitung und Hintergrund

Sprachentwicklungsstörungen zählen zu den am häufigsten diagnostizierten Entwicklungsstörungen im Kindesalter. Von Suchodoletz [7] geht von einer Prävalenz zwischen 5% und 8% aus. Betroffene Kinder können mit einer Reihe krankheitsspezifischer Folgebelastungen wie schulischen Misserfolgen, Frustrationen in der alltäglichen Kommunikation, belasteten Eltern-Kind-Beziehungen, erschwerten Zugängen zu sozialen Kontakten sowie Beeinträchtigungen in der Affektregulation konfrontiert sein. Als Reaktion können oppositionelles Verhalten oder Rückzugstendenzen entstehen [8]. Relativ einheitlich wird die Auftrittshäufigkeit psychischer Auffälligkeiten bei sprachentwicklungsgestörten Kindern mit etwa 50% angegeben [5]. Damit sind sprachentwicklungsgestörte Kinder etwa dreimal stärker von psychischen Auffälligkeiten betroffen als Kinder ohne Sprachentwicklungsstörung [4].

Eine Vielzahl der berichteten Studien konzentriert sich auf den vorschulischen Altersbereich. Insbesondere aber die Entwicklungsphase während der Einschulung konfrontiert Kinder mit neuen und bedeutenden Herausforderungen im sozialen sowie schulischen Kontext und scheint so von besonderer Bedeutung für die Erfassung und Entwicklung psychischer Belastungen. Ziel der vorliegenden Studie ist daher die Untersuchung von Kindern mit spezifischen Sprachentwicklungsstörungen im Altersbereich zwischen 6;0 und 8;11 hinsichtlich psychischer Auffälligkeiten.

Material

Neben einer Testbatterie zur Überprüfung der für die SSES charakteristischen sprachlichen Bereiche [6] wurde die Child Behavior Checklist (CBCL; [1]) zur Überprüfung psychischer Auffälligkeiten eingesetzt. Des Weiteren erfolgte eine Überprüfung kognitiver Fähigkeiten mittels Coloured Progressive Matrices [3].

Methoden

In die Querschnittsuntersuchung gingen bis dato 21 männliche und 10 weibliche Patienten mit SSES (MAlter = 7,1 ± 0,7) sowie 20 weibliche und neun männliche gesunde Probanden (MAlter = 6,7 ± 0,7) einer Kontrollgruppe (KG) ein. Beide Gruppen wurden hinsichtlich Alter und IQ gematcht. Zur Überprüfung von Gruppenunterschieden hinsichtlich psychischer Auffälligkeiten erfolgte eine multivariate Varianzanalyse. Das Signifikanzniveau wurde a priori auf α=0.05 festgelegt.

Ergebnisse

Die statistischen Berechnungen zeigen bezüglich der Skalen „sozialer Rückzug“ (p=0.004), „Aufmerksamkeitsprobleme“ (p=0.005), „dissoziales Verhalten“ (p=0.043), „aggressives Verhalten“ (p=0.035) sowie „soziale Probleme“ (p=0.061) des CBCL signifikante bzw. tendenzielle Gruppenunterschiede mit durchgehend stärkerer Symptomausprägung bei der Patientengruppe. Einzig für die Skala „körperliche Beschwerden“ (p=0.088) ergab sich eine stärkere Symptomausprägung bei der Kontrollgruppe. Weiterhin offenbaren sich tendenzielle bzw. signifikante Gruppenunterschiede hinsichtlich des CBCL-Gesamtwerts (p=0.065; SSES > KG) sowie externalisierenden Verhaltens (p=0.022; SSES > KG). Keine Unterschiede konnten bezüglich internalisierenden Verhaltens beobachtet werden.

Diskussion

Die Resultate weisen auf psychische Belastungen bei Schulkindern mit SSES hin und stehen im Einklang zu Befunden bei jüngeren Patientinnen und Patienten mit SSES. Dabei scheinen Kinder mit SSES vormerklich externalisierende Symptomausprägungen im Sinne oppositionellen Verhaltens aufzuweisen, die ihre weitere (schulische oder soziale) Entwicklung mutmaßlich erschweren können.

Fazit

Die Ergebnisse sprechen dafür, bei Kindern mit SSES auf psychische Auffälligkeiten ein besonderes Augenmerk zu richten und z.B. grundsätzlich auch den CBCL durchzuführen. Weiterhin erscheint eine multiprofessionelle Behandlung und ggf. kinder- und jugendpsychiatrische Abklärung wünschenswert.


Literatur

1.
Achenbach TM. Manual for the Child Behavior Check List/4-18 and 1991 profile. University of Vermont, Department of Psychiatry. Burlington: VT; 1991.
2.
Beitchman JH, Wilson B, Brownlie EB, Walters H, Lancee W. Long-term consistency in speech/language profiles: I. Developmental and academic outcomes. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry. 1996 Jun;35(6):804-14. DOI: 10.1097/00004583-199606000-00021 External link
3.
Bulheller S, Häcker H. Coloured Progressive Matrices (CPM). Evaluation und Neunormierung. Frankfurt/Main: Swets Test Services; 2002.
4.
Macharey G, von Suchodoletz W. Perceived stigmatization of children with speech-language impairment and their parents. Folia Phoniatr Logop. 2008;60(5):256-63. Epub 2008 Sep 2. DOI: 10.1159/000151763 External link
5.
Noterdaeme, M. Psychische Auffälligkeiten bei sprachentwicklungsgestörten Kindern. Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. 2008;3:38-49.
6.
Rosenfeld J, Wohlleben B, Rohrbach-Volland S, Gross M. Phanotypisierung von Vorschulkindern mit spezifischer Sprachentwicklungsstorung [Phenotyping specific language impairment in kindergarten children]. Laryngorhinootologie. 2010 Apr;89(4):216-23. DOI: 10.1055/s-0029-1242795 External link
7.
von Suchodoletz W. Umschriebene Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache. Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. 2008;3:4-22.
8.
von Suchodoletz W. Umschriebene Sprachentwicklungsstörungen. Monatsschrift Kinderheilkunde. 2003; 151:31-57.