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28. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
2. Dreiländertagung D-A-CH

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
Schweizerische Gesellschaft für Phoniatrie; Sektion Phoniatrie der Österreichischen Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie

09.09. - 11.09.2011, Zürich, Schweiz

Diagnostik von Auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS) bei Zweitklässlern: Welche Tests trennen auffällige von unauffälligen Kindern?

Poster

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Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 28. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP), 2. Dreiländertagung D-A-CH. Zürich, 09.-11.09.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11dgppP26

DOI: 10.3205/11dgpp79, URN: urn:nbn:de:0183-11dgpp790

Published: August 18, 2011

© 2011 Nickisch et al.
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Zusammenfassung

Hintergrund: In einer Vorstudie wurde für 3.- und 4.-Klässler nachgewiesen, dass sich durch 3 diagnostische Tests AVWS- von Nicht-AVWS-Kindern (mit einer sehr kleinen Fehlerwahrscheinlichkeit) unterscheiden lassen [1].

Material und Methoden: Verglichen wurden AVWS-Leistungen von 2.-Klässlern (n=33) mit diagnostizierter AVWS mit denen normal entwickelter Kinder ohne Lese-Rechtschreib- oder Sprachentwicklungsstörung (n=48).

Durch statistische Analysen der bei allen 81 Kindern durchgeführten 14 pädaudiologischen und psychometrischen Tests einer erprobten Testbatterie sollte die Testkombination erkannt werden, die sich am besten zur Diagnosesicherung „AVWS“ eignet.

Ergebnisse: Mit Ausnahme von 3 nicht-sprachbasierten Tests zeigten sich durchgehend signifikante Gruppenunterschiede, wobei AVWS-Kinder jeweils schlechtere Ergebnisse erzielten. Die diagnostische Klassifikation gelang durch eine Testkombination aus: Wortverstehen im Störgeräusch, Dichotischem Hören, Zahlenfolgen-Gedächtnis und Kunstwortnachsprechen. 97,5% aller Kinder wurden der richtigen Diagnosegruppe zugeordnet (96,3% nach Kreuzvalidierung).

Diskussion: Nach Ausschluss von neurologischen Erkrankungen, peripheren Hörstörungen sowie Intelligenzminderungen gelingt die Diagnosesicherung „AVWS“ auch bei 2.-Klässlern bei Inkaufnahme einer sehr kleinen Fehlerwahrscheinlichkeit. Im Vergleich zur Vorstudie [1] ist bei 2.-Klässlern ein diagnostischer Test mehr erforderlich; dafür ist die Klassifizierungsgenauigkeit höher.


Text

Einleitung

Ziel der Studie war es, für Zweitklässler eine Testkombination aus den bekannten standardisierten Diagnoseverfahren zur AVWS zu finden, die eine korrekte Klassifizierung von gestörten und unauffälligen Kindern gewährleistet. Im Rahmen einer Vorstudie konnte für Dritt- und Viertklässler nachgewiesen werden, dass dies durch drei diagnostische Tests bei Inkaufnahme einer sehr kleinen Fehlerwahrscheinlichkeit möglich ist [1].

Studienkollektiv

  • Klinische Gruppe: 33 Kinder mit diagnostizierter isolierter AVWS (25 Jungen, 8 Mädchen) im mittleren Alter von 7,8 Jahren (SD 0,7).
  • Kontrollgruppe: 48 normalentwickelte Kinder (24 Jungen, 24 Mädchen) im mittleren Alter von 7,6 Jahren (SD 0,5).

Alle Kinder wurden monolingual deutschsprachig erzogen, hatten keine peripheren Hörstörungen und waren mindestens durchschnittlich intelligent (nonverbaler IQ>85). Bei den Kindern der Kontrollgruppe (Nicht AVWS) lagen anamnestisch weder Sprachentwicklungsstörungen noch Lese-Rechtschreib-Störungen vor. Zwischen dem mittleren Lebensalter beider Gruppen bestand kein signifikanter Unterschied. Die Berechnung des Chi²-Tests nach Pearson ergab eine asymptotische Signifikanz von 0,02 (Wert 5,429; df=1), sodass von einer leichten Ungleichheit in der Geschlechterverteilung auszugehen ist zugunsten der Jungen.

Methode

Aus bereits bestehenden Datensätzen der pädaudiologischen Abteilung des Münchner Kinderzentrums wurden retrospektiv alle Patienten identifiziert, bei denen eine AVWS diagnostiziert wurde und die zum Zeitpunkt der Untersuchung die 2. Klasse einer Regelgrundschule besuchten. Die Testungen der Kontrollgruppe, die aus Zweitklässlern aus vier Münchener Regelgrundschulen bestand, wurden im Zeitraum von April bis Juli 2010 durchgeführt.

Bei allen Kindern resultierte die Diagnose „AVWS“ durch mindestens zwei auffällige Tests der folgenden Untersuchungen:

  • Sprachverstehen im Störgeräusch (Göttinger Sprachaudiometrie im Freifeld, 60 dB von vorn; mit sprachsimuliertem Störgeräusch, 60 dB in einem Winkel von 90° beidseits). Kriterium auffällig: Verstehen <80%.
  • Dichotisches Wortverstehen (Uttenweiler-Test bei 70 dB über Kopfhörer mit mindestens 2 Wortpaargruppen, bestehend jeweils aus 10 dreisilbigen Wortpaaren mit Artikeln). Kriterium auffällig: <80% Wortpaarverstehen.
  • Phonemdifferenzierung [Subtest aus dem Heidelberger Lautdifferenzierungstest (HLAD) über Kopfhörer bei 65 dB]. Kriterium auffällig: T-Wert <40.
  • Phonemidentifikation (HLAD-Subtest über Kopfhörer bei 65 dB). Kriterium auffällig: T-Wert <40.
  • Phonemanalyse (HLAD-Subtest über Kopfhörer bei 65 dB). Kriterium auffällig: T-Wert <40.
  • Binauraler Summationstest (20 Wörter über Kopfhörer mit 65 dB). Kriterium auffällig: ≥3 Fehler.
  • Kurzzeitgedächtnis für sinnleere Silbensequenzen (Mottier-Test). Kriterium auffällig: „stark reduziertes“ oder schlechteres Ergebnis im Vergleich mit den Altersmittelwerten (Rohwerte) nach Bohny (1981).
  • Kurzzeitgedächtnis für Zahlenfolgen (Subtest aus dem Psycholinguistischen Entwicklungstest). Kriterium auffällig: T-Wert <40.
  • Laute verbinden (Subtest aus dem Psycholinguistischen Entwicklungstest mit maximal 33 vorgesprochenen Wörtern). Kriterium auffällig: T-Wert <40.
  • Sprachfreie auditive Fähigkeiten (Psychoakustisches Testsystem PaTsy mit Aufgaben zur Ermittlung der monauralen zeitlichen Ordnungsschwelle mit Tonfrequenzen, der binauralen zeitlichen Ordnungsschwelle mit Klicks und des gerade noch erkennbaren Unterschieds für Tonintensitäten, Tonfrequenzen sowie die Dauer von Geräuschlücken). Kriterium auffällig lt. Testmanual: mehr als 2 der 5 Einzeltests PR ≤15,8 (entspricht T-Wert <40). Um die Bedeutung der sprachfreien Tests in der Diagnostik von AVWS abzuschätzen, wurden die Daten des PaTsy für die weiteren Auswertungen nicht wie im Testmanual angegeben dichotom verwendet, sondern die Rohwerte für jeden Subtests einzeln analysiert.

Ergebnisse

Mit Ausnahme von drei nicht sprachbasierten PaTsy-Subtests (1. binaurale zeitliche Ordnungsschwelle mit Klicks; 2. gerade noch erkennbarer Unterschied für Tonintensitäten; 3. Dauer von Geräuschlücken) erzielten die Kinder der Kontrollgruppe in allen Untersuchungsverfahren deutlich bessere Ergebnisse als die der klinischen Gruppe. Aufgrund der inhomogenen Ergebnisse im PaTsy-Test wurde dieser im Gegensatz zu allen anderen oben aufgeführten AVWS-Tests nicht in die Diskriminanzanalyse aufgenommen.

In einer schrittweisen Diskriminanzanalyse wurden die beiden Diagnosegruppen nach vier Rechenschritten durch die Kombination folgender klinischer Untersuchungsmethoden signifikant voneinander getrennt: im 1. Schritt durch das Sprachverstehen im Störgeräusch, im 2. durch das Dichotische Wortverstehen, im 3. durch das Kurzzeitgedächtnis für Zahlenfolgen und im 4. durch das Kurzzeitgedächtnis für sinnleere Silbensequenzen. Durch die Diskriminanzfunktion, die aus dieser Testkombination abgeleitet wurde, gelang eine sehr gute Klassifizierung aller getesteten Kinder in die beiden A-Priori-Diagnosegruppen. 97,5% der ursprünglich gruppierten Fälle wurden korrekt klassifiziert, bei Kreuzvalidierung (d.h. bei Ableitung der Diskriminanzfunktion aus allen Fällen außer dem gerade zu klassifizierenden Fall) wurden 96,3% (n=78/81) aller Kinder ihrer richtigen Diagnosegruppe zugeordnet. Falsch positiv zugewiesen wurden 4% (n=2/48) der Nicht-AVWS-Kinder und falsch negativ nur 3% (n=1/33) der AVWS-Kinder. Wählt man unter der Annahme, dass zur Diagnosesicherung „AVWS“ ≥2 der 4 Tests positiv ausfallen müssen, als Diskrepanzkriterium „Testergebnis >1 SD unter der Altersnorm der Kontrollgruppe“, werden 87,5% (n=42/48) der Nicht-AVWS-Kinder sowie alle 33 (100%) der AVWS-Kinder fehlerfrei gruppiert.

Diskussion

Durch die o. g. Testkombination lassen sich Kinder mit AVWS von Nicht-AVWS-Kindern bei Inkaufnahme einer sehr kleinen Fehlerwahrscheinlichkeit unterscheiden. Somit bestätigen sich die Ergebnisse der Vorstudie an Dritt- und Viertklässlern [1], allerdings werden bei Zweitklässlern vier Tests benötigt, die jedoch zu einer höheren Klassifizierungsgenauigkeit führen.


Literatur

1.
Nickisch A, Kiese-Himmel C. Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsleistungen 8- bis 10-Jähriger: Welche Tests trennen auffällige von unauffälligen Kindern? Laryngo-Rhino-Otologie. 2009;88:469-76. DOI: doi:10.1055/s-0028-1119403 External link