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28. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
2. Dreiländertagung D-A-CH

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
Schweizerische Gesellschaft für Phoniatrie; Sektion Phoniatrie der Österreichischen Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie

09.09. - 11.09.2011, Zürich, Schweiz

Pilotstudie zur Regiometrie, Lokalisation und räumlichen Diskrimination bei Kindern mit und ohne Auditiver Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS)

Vortrag

  • corresponding author presenting/speaker Alexandra Ludwig - Sektion Phoniatrie und Audiologie, Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde, Universitätsklinikum Leipzig, Leipzig, Deutschland
  • author Sylvia Meuret - Sektion Phoniatrie und Audiologie, Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde, Universitätsklinikum Leipzig, Leipzig, Deutschland
  • author Michael Fuchs - Sektion Phoniatrie und Audiologie, Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde, Universitätsklinikum Leipzig, Leipzig, Deutschland
  • author Rudolf Rübsamen - Institut für Biologie II, Fakultät für Biowissenschaften, Pharmazie und Psychologie, Universität Leipzig, Leipzig, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 28. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP), 2. Dreiländertagung D-A-CH. Zürich, 09.-11.09.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11dgppV53

DOI: 10.3205/11dgpp78, URN: urn:nbn:de:0183-11dgpp784

Published: August 18, 2011

© 2011 Ludwig et al.
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Zusammenfassung

Hintergrund: In dieser Studie sollte bei Kindern mit und ohne AVWS untersucht werden, inwieweit die Leistungen in der klinischen Regiometrie mit denen des Lokalisations- und räumlichen Diskriminationsvermögens übereinstimmen.

Material und Methoden: Es wurden 27 Kinder (6–12 Jahre) untersucht, von denen bei 16 zuvor eine AVWS diagnostiziert worden war. Lokalisation und Diskrimination wurden in einem echoarmen Raum mit 47 verdeckten Lautsprechern im Halbkreis mit tief- und hochfrequenten Rauschbändern bei 55 dB (SPL) geprüft. Bei der Lokalisation wurden die Signale aus sechs unterschiedlichen Richtungen präsentiert und die Kinder sollten die Richtung angeben, aus der sie das Signal gehört hatten. Beim Test zur räumlichen Diskrimination wurden drei Rauschsignale präsentiert, von denen eines anhand der abweichenden räumlichen Position identifiziert werden musste. Alle erhielten auch eine Regiometrie (Wobbeltöne: 30/40/50 dB (SPL), 8 unverdeckte Lautsprecher auf 360° horizontal verteilt).

Ergebnisse: Bei der Lokalisation gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen AVWS-Kindern und Kindern ohne AVWS. Beim Test der räumlichen Diskrimination gab es zwar keine signifikanten Unterschiede zwischen Kindern mit und ohne diagnostizierter AVWS, es zeichnet sich aber eine Tendenz ab, dass AVWS-Kinder schlechtere Diskriminationswerte aufweisen. In der Regiometrie zeigten 14 mit und drei Kinder ohne AVWS Auffälligkeiten. Die Ergebnisse der Regiometrie hatten weder Einfluss auf die Lokalisation noch auf die räumliche Diskrimination.

Diskussion: Die Ergebnisse deuten auf eine Inkohärenz der Ergebnisse aller drei Tests hin, genauere Aussagen sind jedoch erst mit entsprechenden Vergleichsdaten von gesunden Kindern möglich.


Text

Einleitung

Bei Kindern mit Auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS) werden von den Eltern immer wieder Probleme beim Richtungshören beschrieben. Tatsächlich haben diese Kinder in der klinischen Untersuchung der Regiometrie dann auch Schwierigkeiten, die dargebotenen Signale einem der fünf Lautsprecher richtig zuzuordnen. In einem Freifeldsetup mit höherer räumlicher Auflösung sollte daher untersucht werden, wie genau diese Kinder die Richtung zuordnen können. Außerdem sollte geprüft werden, ob ebenso Defizite beim räumlichen Diskriminationsvermögen auftreten.

Methode

Es wurden 28 Kinder (8 Mädchen, 20 Jungen) im Alter von 6–12 Jahren mit Verdacht auf AVWS untersucht, von denen bei 17 der Verdacht bestätigt wurde. Alle Kinder erhielten eine Regiometrie. Dabei wurden 1 kHz-Wobbeltöne aus acht sichtbaren Lautsprechern (±90°, ±45° vorn und hinten sowie 0° vorn und hinten) bei 30, 40 und 50 dB (sound pressure level, SPL) präsentiert und mussten den Lautsprechern korrekt zugeordnet werden.

Lokalisation und Diskrimination wurden in einem echoarmen Raum mit 47 verdeckten Lautsprechern im vorderen Halbkreis mit tief- (300–1200 Hz) und hochfrequenten (2000–8000 Hz) Rauschbändern bei 60 dB (SPL) geprüft. Bei der Lokalisation wurden die Signale aus sechs (±85°, ±45°, ±4°) unterschiedlichen Richtungen präsentiert und die Kinder sollten genau die Richtung anzeigen, aus der sie das Signal gehört hatten. Beim Test zur räumlichen Diskrimination wurden jeweils drei der Rauschsignale präsentiert, von denen eines anhand der abweichenden räumlichen Position identifiziert werden musste (Dreierzwangswahlverfahren). Bestimmt wurden minimal wahrnehmbare Richtungsunterschiede (minimum audible angle, MAA).

Ergebnisse

In der Regiometrie zeigten 15 von 17 der Kinder mit, aber auch fünf Kinder ohne AVWS Auffälligkeiten. Dabei waren vorzugsweise der linke und rechte Lautsprecher bei 45° betroffen. Überraschenderweise konnten jedoch die Ergebnisse der Regiometrie bei der Lokalisation nicht bestätigt werden. Kinder aus beiden Gruppen, die Defizite bei der Regiometrie zeigten, hatten eine ebenso gute Lokalisationsgenauigkeit wie Kinder ohne Defizite (Abbildung 1 [Abb. 1]). Auch die Analyse der räumlichen Diskrimination ergab keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen (Abbildung 2 [Abb. 2]).

Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Einfluss der Diagnose AVWS. Bei der Lokalisation gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen AVWS-Kindern und Kindern ohne AVWS. Beim Test der räumlichen Diskrimination gab es zwar keine signifikanten Unterschiede zwischen Kindern mit und ohne diagnostizierter AVWS, es zeichnet sich jedoch eine Tendenz ab, dass AVWS-Kinder schlechtere Diskriminationswerte aufweisen.

Diskussion

Die Ergebnisse dieser Pilotstudie deuten auf eine Inkohärenz der Ergebnisse aller drei Testverfahren hin. Die erwarteten Defizite bei der Lokalisationsgenauigkeit in Abhängigkeit der Ergebnisse der Regiometrie konnten nicht bestätigt werden. Eventuell hat die Auswahl des Teststimulus (Wobbelton vs. Bandrauschen) einen Einfluss auf die Testergebnisse. Genauere Aussagen bezüglich der Lokalisation und der räumlichen Diskrimination werden jedoch erst mit entsprechenden Vergleichsdaten von gesunden Kindern möglich sein, die derzeit erhoben werden.