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28. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
2. Dreiländertagung D-A-CH

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
Schweizerische Gesellschaft für Phoniatrie; Sektion Phoniatrie der Österreichischen Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie

09.09. - 11.09.2011, Zürich, Schweiz

Frühzeitige Diagnose kindlicher Hörstörungen durch Einführung des Neugeborenen Hörscreenings (UNHS)

Vortrag

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 28. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP), 2. Dreiländertagung D-A-CH. Zürich, 09.-11.09.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11dgppV49

DOI: 10.3205/11dgpp71, URN: urn:nbn:de:0183-11dgpp719

Published: August 18, 2011

© 2011 Berger et al.
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Zusammenfassung

Hintergrund: Unerkannte Hörstörungen im Kindesalter führen bekanntermaßen zu Beeinträchtigungen in der Gesamtentwicklung. Um den Zeitpunkt der Früherkennung einer Hörstörung zu verbessern hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) 2009 die Einführung des Neugeborenen Hörscreenings (UNHS) beschlossen,

Material und Methoden: Mit dem Ziel das Alter bei Diagnosestellung, die Art und den Grad der Hörstörung zu ermitteln haben wir die Datensätze von 11.155 Kindern, die zwischen 2000–2009 wegen Verdacht auf Hörstörung in unserer Klinik vorgestellt wurden, ausgewertet. Zusätzlich wurden die Daten von 3.325 Neugeborenen, die im Zeitraum zwischen 2003–2010 gescreent wurden, analysiert.

Ergebnisse: Das Diagnose-Alter von allen Kindern mit Hörstörungen hat sich zwischen 2000 bis 2005 von 47 Monaten auf 8,6 Monate reduziert. Das regional durchgeführte Neugeborenen-Hörscreening verringerte das Diagnosealter weiter. Zwischen 2006–2009 lag das Alter der Diagnosesicherung bei 3,3 Monaten und reduzierte sich nach Einführung des UNHS auf 2,4 Monate. Dadurch konnten frühzeitig notwendige Rehabilitationsmaßnahmen eingeleitet werden, die sich in einer guten Hör- und Sprachentwicklung widerspiegelten.

Diskussion: Die Fortschritte in der Früherkennung kindlicher Hörstörungen seit Einführung des UNHS bilden eine wichtige Grundlage für eine positive Gesamtentwicklung hörgeschädigter Kinder. Die ermittelten Ergebnisse belegen außerdem, dass sich das Diagnose-Alter unabhängig vom Grad der Hörstörung deutlich verringert hat. Die Altersangaben zur Diagnosebestätigung kindlicher Schwerhörigkeit aus der Vergangenheit sind nicht mehr zutreffend und können korrigiert werden.


Text

Hintergrund

Unerkannte Hörstörungen im Kindesalter führen bekanntermaßen zu Beeinträchtigungen in der Gesamtentwicklung. In der Vergangenheit lag der Zeitpunkt der Diagnosesicherung von kindlichen Hörstörungen in einem nicht zu vertretenden Alter. Dies galt auch für einen hochgradigen Hörverlust.

Um den Zeitpunkt der Früherkennung einer Hörstörung zu verbessern hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) 2009 die Einführung des Neugeborenen Hörscreenings (UNHS) beschlossen.

Methode

Mit dem Ziel das Alter bei Diagnosestellung, die Art und den Grad der Hörstörung zu ermitteln haben wir die Datensätze von 11.155 Kindern, die zwischen 01.01.2000–31.12. 2009 wegen Verdacht auf Hörstörung in unserer Klinik vorgestellt wurden, ausgewertet. Zusätzlich analysierten wir die Daten von 3.325 Neugeborenen, die im Zeitraum zwischen 2003–2010 gescreent wurden.

Die Datenerfassung erfolgte durch Einsicht in die Krankenakte. Anhand der ICD-Klassifikation und aus der Diagnose im Arztbrief wurde eine Einteilung der jeweiligen Hörstörung vorgenommen. Die Patientenakten wurden im Zeitraum 2000–2007 manuell bearbeitet, ab 2007 durch Umstellung der Archivierung war eine digitale Bearbeitung der Patientenakten möglich. Neben der Diagnose wurden weitere Parameter, wie Alter bei Diagnosestellung, anamnestische Angaben zum Kind und der Mutter im Rahmen der Schwangerschaft und Geburt sowie zur Rehabilitation mit Hörgeräten- oder CI Versorgung erfasst. Außerdem ermittelten wir die Häufigkeit der Vorstellung in der Einrichtung und im Verlauf die Sprachentwicklung.

Ergebnisse

Im Zeitraum der Auswertung konnten unter ICD- Nr. 90.0; 90.1; 90.3; 90.6; andere; insgesamt 1410 Kinder mit permanenten Schwerhörigkeiten ermittelt werden (Abbildung 1 [Abb. 1]).

478 Kinder haben eine beidseitige Schallempfindungsschwerhörigkeit (H90.3), 48 eine kombinierte Schwerhörigkeit (H90.6), 159 eine einseitige Schallempfindungsschwerhörigkeit (H90.4), 213 Kinder wurden mit Schalleitungsscherhörigkeit diagnostiziert (H90.0) und bei 144 lag eine einseitige Schalleitungsschwerhörigkeit (H90.1) vor. Der Anteil der Jungen überwiegt in allen ICD-Diagnose- Gruppen und beträgt 58%. Der Schweregrad der Hörstörungen, die nach gering, mittel, hochgradig und resthörig unterteilt wurden, weist 138 Kinder mit hochgradiger Schwerhörigkeit beim beidseitigen Hörverlust durch Schallempfindungsstörung nach, 244 Kinder dieser Gruppe haben einen mittelgradigen Hörverlust und 60 Kinder wurden mit einer Resthörigkeit diagnostiziert. In den anderen Diagnosegruppen sind ebenfalls alle Schweregrade aufzufinden. Der Anteil der einseitigen Schwerhörigkeiten ist hoch. Einerseits finden sich 144 Kinder mit Mittelohrfehlbildungen und 159 Kinder mit Schallempfindungsschwerhörigkeit.

Das Diagnose-Alter von allen Kindern mit Hörstörungen hat sich von 47 Monaten im Jahr 2000 auf 8,6 Monate im Jahr 2005 reduziert. Durch das regional durchgeführte Neugeborenen- Hörscreenings verringerte sich das Diagnosealter noch einmal deutlich. Zwischen 2006–2009 waren die Babys bei Diagnosesicherung 3,3 Monate alt. Nach Einführung des UNHS reduzierte sich das Alter bei Diagnosesicherung auf 2,4 Monate (Abbildung 2 [Abb. 2]).

Diskussion

Die Fortschritte in der Früherkennung kindlicher Hörstörungen sind eindeutig auf die Einführung des UNHS zurückzuführen. Die Statistik der eigenen Datenlage lässt erkennen, dass bis 2005 die Diagnosesicherung einer mittel-hochgradigen Schallempfindungsstörung zu einem hohen Anteil im Alter von 3–5 Jahren erfolgte. Dieser Tatbestand bestätigt die in der Vergangenheit publizierten Zahlen zur Diagnosesicherung. Mit der Einführung des UNHS ergeben sich allerdings neue Bedingungen, die eine wichtige Grundlage für eine positive Gesamtentwicklung hörgeschädigter Kinder darstellen. Der Anteil der einseitigen Schallempfindungsschwerhörigkeiten kann wesentlich schneller als früher diagnostiziert werden. Einseitige Schalleitungsschwerhörigkeiten, die meistens durch Ohrfehlbildungen gekennzeichnet sind, wurden durch die äußerlich sichtbaren Hinweise sehr schnell diagnostiziert. Die frühzeitige Diagnose einer Hörstörung verbesserte auch den Zeitpunkt für den Beginn der notwendigen Rehabilitationsmaßnahmen. Bei jedem Kind mit einem versorgungspflichtigen Hörverlust wurde nach Diagnosesicherung eine Hörgeräteanpassung eingeleitet.

42 Kinder erhielten ab 2003 eine überwiegend beidseitige CI-Versorgung. Zusätzlich erfolgten für alle Kinder pädagogische Frühfördermaßnahmen.

Die frühzeitige Rehabilitation spiegelt sich in einer guten Hör- und Sprachentwicklung wider, die im Verlauf der Behandlung dokumentiert wurde.

Fazit

Die ermittelten Ergebnisse belegen, dass sich das Diagnose-Alter unabhängig vom Grad der Hörstörung seit 2009 deutlich verringert hat. Die Altersangaben zur Diagnosebestätigung kindlicher Schwerhörigkeit aus der Vergangenheit sind nicht mehr zutreffend und können korrigiert werden.

Die Tatsache der frühzeitigen Diagnose bedeutet für unser Fachgebiet, dass Kinder mit kindlicher Hörstörung über 18 Jahre betreut werden müssen. Die Anzahl der durchschnittlichen Facharztkontakte, sowohl zur Hörgeräteversorgung, Vordiagnostik für CI, Abklärung von nicht syndromalen und syndromalen Ursachen, Begleitung der Hör- Sprachentwicklung ist zahlenmäßig mit über 25 Konsultationen pro Kind hoch und erfordert die kompetente Betreuung durch unser Fachgebiet.