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28. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
2. Dreiländertagung D-A-CH

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
Schweizerische Gesellschaft für Phoniatrie; Sektion Phoniatrie der Österreichischen Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie

09.09. - 11.09.2011, Zürich, Schweiz

Entwicklung des Sprachverständnisses bei spät-sequentieller bilateraler CI-Versorgung

Vortrag

  • corresponding author presenting/speaker Rainer Beck - Universitäts-HNO-Klinik, Freiburg, Deutschland
  • Susan Arndt - Universitäts-HNO-Klinik, Freiburg, Deutschland
  • Christian Schild - Universitäts-HNO-Klinik, Freiburg, Deutschland
  • Wolfgang Maier - Universitäts-HNO-Klinik, Freiburg, Deutschland
  • Stefanie Kröger - Universitäts-HNO-Klinik, Freiburg, Deutschland
  • Thomas Wesarg - Universitäts-HNO-Klinik, Freiburg, Deutschland
  • Roland Laszig - Universitäts-HNO-Klinik, Freiburg, Deutschland
  • Antje Aschendorff - Universitäts-HNO-Klinik, Freiburg, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 28. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP), 2. Dreiländertagung D-A-CH. Zürich, 09.-11.09.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11dgppV44

DOI: 10.3205/11dgpp61, URN: urn:nbn:de:0183-11dgpp610

Published: August 18, 2011

© 2011 Beck et al.
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Zusammenfassung

Hintergrund: Die simultan oder früh sequentielle bilaterale CI-Versorgung ist bei kongenital tauben Kindern state-of-the-art. Obwohl Cochlea-Implantate seit den 1980ern eingesetzt werden, ist die konsequente bilaterale Versorgung eine Entwicklung der letzten Jahre. Neurobiologische Untersuchungen bestätigen, dass eine frühe bilaterale Versorgung günstig ist, treffen aber nur eingeschränkte Aussagen über den Verlauf spät sequentiell implantierter Ohren.

Material und Methoden: 154 Kinder wurden zwischen 1999 und 2009 im Implant Centrum Freiburg mit einem zweiten CI versorgt. 19 Eingriffe erfolgten simultan, 15 innerhalb eines Jahres und 120 später (maximal 13 Jahre nach dem Ersteingriff). Die Entwicklung des zuletzt implantierten Ohres wurde anhand einer retrospektiven Datenanalyse von Hörtestergebnissen (Freiburger Einsilber, Zahlen) nachvollzogen, die für 55 Kinder vorlagen. Auf einen Einschluss anderer audiometrischer Daten (Göttinger I+II) wurde aufgrund der Vergleichbarkeit verzichtet. Im Schnitt begann das Beobachtungsintervall 0,8 Jahre nach Implantation und umfasste 1,9 Jahre.

Ergebnisse: Erfolgte die Implantation innerhalb von 2 Jahren nach Versorgung des ersten Ohres, wurde mit dem letztversorgten Ohr ein vergleichbares Sprachverständnis erreicht. Lagen mehr als 10 Jahre zwischen beiden Operationen, zeigte sich selten ein vergleichbares Sprachverständnis. Typischerweise entwickelte sich das letztversorgte Ohr mit zunehmendem Abstand zwischen den Implantationen langsamer. Das durchschnittliche Einsilberverständnis betrug 85,3% für das zuerst versorgte, 61,9% für das zuletzt versorgte Ohr.

Diskussion: Obwohl nicht garantiert werden kann, dass das zweite Ohr ähnlich gute Ergebnisse erreichen kann, kann eine spät sequentielle Versorgung dennoch gewinnbringend durchgeführt werden. Viele Faktoren tragen zum Rehabilitationsverlauf bei und obwohl prinzipiell bessere Chancen bei früherer Versorgung bestehen, folgt aus einer frühen Implantation nicht notwendigerweise eine rasche Rehabilitation.


Text

Hintergrund

Die simultan oder früh sequentielle bilaterale CI-Versorgung ist bei kongenital tauben Kindern state-of-the-art. Obwohl Cochlea-Implantate seit den 1980ern eingesetzt werden, ist die konsequente bilaterale Versorgung eine Entwicklung der letzten Jahre. Neurobiologische Untersuchungen bestätigen, dass eine frühe bilaterale Versorgung günstig ist, treffen aber nur eingeschränkte Aussagen über den Verlauf spät sequentiell implantierter Ohren. Die sequentielle Versorgung wird derzeit allerdings bei der überwiegenden Zahl der Patienten durchgeführt [1].

Material und Methoden

154 Kinder wurden zwischen 1999 und 2009 im Implant Centrum Freiburg mit einem zweiten CI versorgt. 19 Eingriffe erfolgten simultan, 15 innerhalb eines Jahres und 120 später (maximal 13 Jahre nach dem Ersteingriff). Die Indikationsstellung der ersten als auch zweiten CI-OP erfolgte bei Vorliegen einer an Taubheit grenzenden Schwerhörigkeit bzw. Taubheit. Die Entwicklung des zuletzt implantierten Ohres wurde anhand einer retrospektiven Datenanalyse von Hörtestergebnissen (Freiburger Einsilber) nachvollzogen. Für 70 Kinder lag zumindest ein Messpunkt (Sprachverständnis des erst- und zweitimplantierten Ohres) vor, für 61 Kinder waren mindestens 2 Messungen vorhanden. Im Schnitt begann das Beobachtungsintervall 0,8 Jahre nach Implantation und umfasste 1,9 Jahre. Die erhobenen Daten wurden mit Microsoft SQL Server weiterverarbeitet und mit Gnu R statistisch ausgewertet.

Andere vorliegende audiometrische Daten (wie z.B. Ergebnisse des Göttinger I+II) wurden aufgrund der unzureichenden Vergleichbarkeit nicht berücksichtigt.

Ergebnisse

Betrachtet man das Gesamtkollektiv wurden 65,6% der Kinder auf dem rechten Ohr zuerst implantiert, für die Gruppe, für die Verlaufsinformationen vorlagen, waren es 54,1%.

Abbildung 1 [Abb. 1] zeigt das Implantationsalter des ersten bzw. des zweiten CI und den Abstand zwischen beiden OPs für alle und die Gruppe, für die Verlaufsinformationen vorliegen (mit * markiert). Betrachtet man den Abstand zwischen den Eingriffen ist festzuhalten, dass bei einem Viertel der Kinder die beidseitige Versorgung innerhalb von 1,3 Jahren erfolgte. Ein Zeitraum von 5,7–13 Jahren verstrich bei dem Quartil der spät bilateral versorgten. Trägt man den Abstand der Eingriffe gegen das Alter der ersten CI-Versorgung auf (s. Abbildung 2 [Abb. 2]), zeigt sich, dass bei spät versorgten Kindern die Varianz des Abstandes geringer ist. Nichtsdestoweniger wurde der überwiegende Teil der früh implantierten Kinder auch früh mit einem zweiten Implantat versorgt.

Wertet man die erreichten Sprachtestergebnisse der zweiten Ohren als Prozentsatz des erreichten Sprachverständnisses des erstversorgten Ohres aus, zeigt sich, dass 75% der Kinder mit dem erreichten Einsilberverständnis unter dem des ersten Ohres liegen (s. Abbildung 3 [Abb. 3], Daten für 70 Kinder vorliegend). Einige Kinder erreichen aber deutlich bessere Sprachverständniswerte (vor allem bei einem Sprachverständnis <70% auf dem erstversorgten Ohr).

Führt man eine multiple Regressionsanalyse mit den (teilweise verbunden) Faktoren ‚Alter bei 2. OP’, ‚Abstand der Eingriffe’ und ‚Abstand der Audiometrie zur 2. OP’ durch, zeigt sich erstaunlicherweise nur der ‚Abstand der Eingriffe’ als signifikanter Einflussfaktor (p=0,00282), erfasst aber auch nur 11,25% der Varianz.

Schlussendlich soll bei den 61 Kindern, bei denen entsprechende Verlaufsinformationen vorliegen, noch die Geschwindigkeit der Entwicklung untersucht werden: Hierzu wurde eine asymptotische Wachstumsfunktion an die gemessenen Verlaufswerte angepasst (s. Abbildung 4 [Abb. 4]) und der Exponent der Wachstumsfunktion als Maß der Entwicklungsgeschwindigkeit verwandt.

Eine weitere multiple Regressionsanalyse (teilweise abhängige Faktoren ‚Abstand der Eingriffe’, ‚Alter bei zweiter OP’) ergab signifikante Korrelationen des Wachstums mit beiden Faktoren (p<0,003). Zusammen (einschließlich ihrer Interaktion) beschreiben sie 37,6% der Varianz. Erstaunlicherweise ist das asymptotisch angestrebte maximale Verständnis in Hinsicht auf die Entwicklungsgeschwindigkeit vernachlässigbar (Vergleich der Modelle, p=0,1912).

Das durchschnittlich erreichte Einsilberverständnis betrug 85,3% für das zuerst versorgte, 61,9% für das zuletzt versorgte Ohr.

Diskussion

Obwohl nicht garantiert werden kann, dass das zweite Ohr ähnlich gute Ergebnisse erreichen kann, kann eine spät sequentielle Versorgung dennoch gewinnbringend durchgeführt werden. Das hier im Vergleich zum Ergebnis des ersten Ohres zurückbleibende Sprachverständnis ist sicherlich kritisch zu werten, da die Nachbeobachtungszeit (im Median 2,6 Jahre) zur Nivellierung des Vorsprunges sicherlich nicht ausreichend sein dürfte. Interessant ist, dass das Alter bei Implantation des 2. Ohres (und damit zumindest teilweise verbunden die Taubheitsdauer) kein relevanter Faktor zur Beschreibung des Endergebnisses ist [2]. Dies wird bei Vorliegen längerer Nachbeobachtungsdauern erneut zu prüfen sein. Anhand von Einzelfallbeschreibungen ist hier sicherlich ein Zeitraum von mehr als 4 Jahren angemessen. Nicht diskutiert wurden hier die Effekte des binauralen Hörens. Eine rasche sequentielle Implantation scheint hier essentiell [3].

Viele Faktoren tragen zum Rehabilitationsverlauf bei: Der ‚Abstand der Eingriffe’ ist lediglich ein relevanter Faktur und beschreibt hier letztendlich nur 10% der Varianz des erreichten Sprachverständnis. Andere Faktoren wie der sozioökonomische Status der Eltern, die Ätiogenese der Hörminderung, die OP-Technik und die Sprachprozessor-Technik sind und bleiben für den Verlauf der Rehabilitation bedeutend. Interessant ist, dass bei rasch aufeinander folgender Versorgung ein schnelleres Wachstum des Sprachverständnisses beobachtet werden kann und dies nicht nur vom Alter bei der zweiten Implantation, sondern auch tatsächlich vom Abstand der Eingriffe abzuhängen scheint. Die Bedeutung dieses Zusammenhanges für die Rehabilitation sequentiell bilateral implantierter Kinder – auch in Hinsicht auf den zeitlichen Aufwand bis zum Erreichen des Reha-Zieles – sollte weiter untersucht und kritisch bewertet werden.


Literatur

1.
Peters BR, Wyss J, Manrique M. Worldwide trends in bilateral cochlear implantation. Laryngoscope. 2010;120 Suppl 2:S17-44. DOI: doi:10.1002/lary.20859 External link
2.
Sparreboom M, Snik AF, Mylanus EA. Sequential bilateral cochlear implantation in children: development of the primary auditory abilities of bilateral stimulation. Audiol Neurootol. 2011;16(4):203-13. DOI: doi:10.1159/000320270 External link
3.
Steffens T, Lesinski-Schiedat A, Strutz J, Aschendorff A, Klenzner T, Rühl S, Voss B, Wesarg T, Laszig R, Lenarz T. The benefits of sequential bilateral cochlear implantation for hearing-impaired children. Acta Otolaryngol. 2008;128(2):164-76.