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28. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
2. Dreiländertagung D-A-CH

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
Schweizerische Gesellschaft für Phoniatrie; Sektion Phoniatrie der Österreichischen Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie

09.09. - 11.09.2011, Zürich, Schweiz

Funktionelle (psychogene) Hörstörung im Kindesalter – Wie geht es poststationär weiter? Ergebnisse einer Nachbefragung

Vortrag

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  • corresponding author presenting/speaker Anne Katrin Läßig - Schwerpunkt Kommunikationsstörung, Universitätsmedizin Mainz, Mainz, Deutschland
  • author Annerose Keilmann - Schwerpunkt Kommunikationsstörung, Universitätsmedizin Mainz, Mainz, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 28. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP), 2. Dreiländertagung D-A-CH. Zürich, 09.-11.09.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11dgppV39

DOI: 10.3205/11dgpp52, URN: urn:nbn:de:0183-11dgpp527

Published: August 18, 2011

© 2011 Läßig et al.
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Zusammenfassung

Hintergrund: Wir verzeichneten in unserer Klinik in den letzten Jahren den Trend, dass unter den Kindern, die aufgrund einer Hörstörung stationär behandelt wurden, der Anteil mit der Diagnose funktionelle (psychogene) Hörstörung deutlich zunimmt. Uns stellte sich die Frage, ob diese Hörstörung nach unserer stationären Behandlung wieder auftritt und ob andere Behandlungen in Anspruch genommen wurden, zumal die vereinbarten Kontrolltermine in unserer Ambulanz häufig nicht wahrgenommen wurden.

Material und Methoden: Wir führten standardisierte Nachbefragungen anhand eines Fragebogens per Telefon bei den im Zeitraum von 12/2002 bis 02/2011 mit funktionellen Hörstörungen behandelten Kindern bzw. mit deren Eltern durch.

Ergebnisse: Es konnten 29 von 33 Familien befragt werden (Trackingrate: 87%).

Bei 2 von 29 Kindern (6,8%) fand eine poststationäre Behandlung statt, u.a. in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bei 65,5% der Kinder erfolgte eine poststationäre audiologische Kontrolle. Nur 24,1% gaben eine Hörstörung an, die poststationär teilweise im Rahmen von Infekten neu aufgetreten sei.

Es zeigte sich, dass 41,4% der Kinder nur schulische und 27,5% sowohl schulische als auch familiäre Probleme (davon als Cofaktoren: 35% LRS, 30% ADHS, 23,8% Adipositas, 23% eine AVWS aufwiesen), 3,4% nur familiäre Probleme und 27,5% sonstige Probleme hatten.

41,4% der Kinder befanden sich oder sind noch in kinderpsychiatrischer oder psychotherapeutischer Behandlung, bei 13,8% sei diese Behandlung von den Eltern noch geplant.

Diskussion: Bei funktionelle Hörstörungen ist die pädaudiologische Behandlung meist nur das erste Element der Therapie, häufig wird anschließend eine kinderpsychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung durchgeführt. Rezidive treten eher selten auf.


Text

Einleitung

Wir verzeichneten in unserer Klinik in den letzten Jahren den Trend, dass unter den Kindern, die aufgrund einer Hörstörung stationär behandelt wurden, der Anteil mit der Diagnose funktionelle (psychogene) Hörstörung deutlich zunimmt. Uns stellte sich die Frage, ob diese Hörstörung nach unserer stationären Behandlung wieder auftritt und ob andere Behandlungen in Anspruch genommen wurden, zumal die vereinbarten Kontrolltermine in unserer Ambulanz häufig nicht wahrgenommen wurden.

Material und Methoden

Wir führten standardisierte Nachbefragungen anhand eines Fragebogens per Telefon bei den im Zeitraum von 12/2002 bis 02/2011 mit funktionellen Hörstörungen behandelten Kindern bzw. mit deren Eltern durch.

Ergebnisse

Es konnten 29 von 33 Familien befragt werden (Trackingrate: 87%). Bei 2 von 29 Kindern (6,8%) fand eine weitere stationäre Behandlung statt. Ein Mädchen wurde aufgrund einer generalisierten Angststörung mit Somatisierungsstörung in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt. Ein Junge wurde jahrelang bei einer Borderline-Störung mit autoaggressivem Verhalten und Störung der Identitätsentwicklung (auch der sexuellen Entwicklung) therapiert.

Bei 62,1% der Kinder erfolgte keine poststationäre audiologische Kontrolle. Die 37,9% der Kinder, die eine poststationäre audiologische Kontrolle erhielten, gingen am häufigsten zum niedergelassenen HNO-Arzt (36,4%), einer Schwerhörigenschule oder kamen ambulant in unsere Klinik (jeweils 27,3%). 9,1% der Kinder ließen ihr Gehör beim Kinderarzt oder Hausarzt kontrollieren bzw. konnten dazu keine Angaben machen.

Nur 24,1% gaben eine Hörstörung an, die poststationär teilweise im Rahmen von Infekten neu aufgetreten sei. 2 der 33 Kinder erlitten einen Rückfall der funktionellen Hörstörung. Dies betraf einen Jungen mit einseitiger Schwerhörigkeit innerhalb von 4 Wochen mit Betroffenheit der Gegenseite sowie ein Mädchen mit erneuter beidseitiger funktioneller Hörstörung nach 12 Monaten – beide Kinder hatten bei familiären Konflikten zwischenzeitlich keine ambulante kinderpsychologische Betreuung erhalten.

Es zeigte sich, dass 41,4% der Kinder nur schulische und 27,5% sowohl schulische als auch familiäre Probleme (davon als Cofaktoren: 35% Leserechtschreibschwäche (LRS), 30% Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), 15% Adipositas, 23% eine Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS)) aufwiesen, 3,4% nur familiäre Probleme und 27,5% sonstige Probleme hatten (Abbildung 1 [Abb. 1]).

62,1% der Familien zogen den Klassenlehrer/in bezüglich der Hörstörung ins Vertrauen. 17,2% der Kinder wandten sich mit ihrem Problem an einen Schulpsychologen, Sozialarbeiter, Schulpfarrer oder Sonderschulpädagogen in der Schule.

Von den Kindern, bei denen die oben genannten Cofaktoren (Abbildung 2 [Abb. 2]) eine Rolle spielten, wiesen 58,3% zwei Faktoren und 8,3% sogar drei Cofaktoren gleichzeitig auf.

5 der 29 Kinder (17,2%) wiederholten ein Schuljahr oder waren versetzungsgefährdet. 20,7% der Kinder gaben Probleme mit einem Lehrer an, 24,1% gaben gehäufte Fehlzeiten in der Schule und 13,8% Mobbing an.

Teilweise wurde angegeben, dass das Kind dem Leistungsdruck nicht standhalten könne, es Probleme beim Schulwechsel z.B. aufs Gymnasium gab, schlechte Noten vor anderen Kindern zu verheimlichen versucht wurden usw. Ein Kind verweigerte den Schulbesuch ganz.

Bei 13,8% der Kinder wurde teilweise die Benotung ausgesetzt, 48,3% der Kinder gaben Note 4 oder 5 in mindestens einem Hauptfach an.

34,5% der Kinder gaben ein reduziertes Sprachverstehen im Störgeräusch an. Eine Lehrerin benutzt deshalb für alle Kinder Kopfhörer im Unterricht, eine Familie konnte Umbaumaßnahmen wie Teppichböden, Gardinen usw. zur Verbesserung der Raumakustik durchsetzen.

Zusätzlich regelmäßig auftretende Symptome hatten 34,5% der Kinder: davon 40% Bauchschmerzen (vor Prüfungen, Zeugnissen), 40% Kopfschmerzen oder Migräne, 20% Schwindel.

Bei 13,8% der Kinder lebten die Eltern getrennt, 6,9% lebten nicht mehr in der eigenen Familie, 6,9% der Kinder litten unter dem Verlust eines nahen Angehörigen.

10,3% der Kinder leben mit einem schwerhörigen Angehörigen zusammen.

48,3% der Kinder befanden sich oder sind noch in kinderpsychiatrischer oder psychotherapeutischer Behandlung, bei 13,8% sei diese Behandlung von den Eltern noch geplant. Die Familien, die ihre Kinder in kinderpsychologische Behandlung gaben, waren nur zu 21,4% mit dem Verlauf des Erstgespräches unzufrieden und brachen nach dem ersten Termin die weitere Therapie ab. 37,9% aller Kinder mit funktioneller Hörstörung begaben sich länger in kinderpsychologische Therapie, obwohl es einigen Familien schwer fiel, die Diagnose zu akzeptieren. Andererseits wurde die stationäre Behandlung der funktionellen Hörstörung in unserer Klinik von den Eltern und Kindern überwiegend als positiv erlebt, da die Erkrankung ernst genommen wurde und einige Eltern dadurch auf die Probleme ihres Kindes erst aufmerksam wurden.

Diskussion

Bei funktionellen Hörstörungen ist die pädaudiologische Behandlung meist nur das erste Element der Therapie, häufig wird anschließend eine kinderpsychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung durchgeführt. Rückfälle treten eher selten und dies eher bei Kindern ohne psychotherapeutische Behandlung auf.

Berücksichtigt man, dass eine LRS im Grundschulalter bei ca. 3–5% der Kinder (M:W = ca. 3:1) (teilweise auch Angaben in der Literatur zwischen 5–10%) auftritt und den aktuellen Prävalenzschätzungen zufolge in Deutschland ca. 5% der Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren von einem ADHS betroffen sind (M:W = ca. 4:1) [1] und die Häufigkeit von AVWS für das Kindesalter mit 2–3% geschätzt wird (M:W = 2:1) [2], [3], [4] sowie eine Adipositas nach der aktuellen Definition (BMI >97. Perzentile) bei 4–8% der Schulkinder [5] vorliegt, so zeigt die Abbildung 2, dass unter den Kindern mit funktioneller Hörstörung, die schulische Probleme angaben, deutlich häufiger diese Diagnosen gestellt wurden oder sogar in Kombination auftraten. Sie könnten also ursächlich für den psychischen Konflikt des Kindes sein bzw. diesen zumindest verstärken.

Daraus ergibt sich der Schluss, dass Kindern mit funktioneller Hörstörung bei schulischen Problemen und dem Auftreten von Somatisierungsstörungen auch eine weiterführende Diagnostik zum Ausschluss eines ADHS, LRS oder AVWS den Eltern angeraten werden muss.


Literatur

1.
Schlack R, Hölling H, Kurth BM, Huss M. Die Prävalenz der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Erste Ergebnisse aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS). Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 2007;50(5-6):827-35. DOI: 10.1007/s00103-007-0246-2 External link
2.
Chermak GD, Musiek FE. Central auditory processing disorders: new perspectives. San Diego: Singular; 1997.
3.
Ptok M, Berger R, von Deuster C, Gross M, Lamprecht-Dinnesen A, Nickisch A, Radü HJ, Uttenweiler V. Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen. Konsensusstatement. HNO. 2000;48(5):357-60. DOI: 10.1007/s001060050514 External link
4.
Bamiou DE, Musiek FE, Luxon LM. Aetiology and clinical presentations of auditory processing disorders--a review. Arch Dis Child. 2001;85(5):361-5. DOI: 10.1136/adc.85.5.361 External link
5.
Wabitsch M. Kinder und Jugendliche mit Adipositas in Deutschland. Bundesgesundheitsbl - Gesundheitsforsch - Gesundheitsschutz. 2004;47:251-5.