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28. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
2. Dreiländertagung D-A-CH

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
Schweizerische Gesellschaft für Phoniatrie; Sektion Phoniatrie der Österreichischen Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie

09.09. - 11.09.2011, Zürich, Schweiz

Einfluss von Untersuchungsmethode und Untersucher auf das Sing- und Sprechstimmprofil

Vortrag

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 28. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP), 2. Dreiländertagung D-A-CH. Zürich, 09.-11.09.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11dgppV26

DOI: 10.3205/11dgpp36, URN: urn:nbn:de:0183-11dgpp360

Published: August 18, 2011

© 2011 Dippold et al.
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Zusammenfassung

Hintergrund: Im Vorfeld einer bevölkerungsbezogenen Studie des Leipziger Forschungszentrums für Zivilisationserkrankungen (LIFE) wurde in einer Machbarkeitsstudie der Einfluss von Messmethode und Untersucher auf das Sing- und Sprechstimmprofil untersucht.

Material und Methoden: Es wurden 51 Schülerinnen (medianes Alter 21 Jahre) einer Logopädieschule eingeschlossen. Jede Schülerin wurde von einem von insgesamt vier Untersuchern (zwei erfahren und zwei unerfahren) an zwei Tagen in je drei Durchgängen untersucht. Die drei Durchgänge unterschieden sich hinsichtlich des Umfangs von Korrekturanweisungen vor oder während des Durchgangs, während zwischen den Untersuchungstagen die Messmethodik (manuell versus automatisch) unter Verwendung eines cross-over Designs wechselte. In jedem Durchgang erfolgte die Messung von Sing- und Sprechstimme mit dem Stimmprofil-Modul aus DiVAS (XION medical) nach einer festgelegten Standardarbeitsanweisung (SOP) gemäß UEP-Norm.

Ergebnisse: Die mittlere Dauer des ersten Messdurchgangs betrug rund 7 Minuten. Im zweiten Durchgang war die Messdauer mit 5' 40" signifikant kürzer (p<0,001). Die automatisierte Methode erforderte gegenüber der manuellen Methode signifikant weniger Untersuchungszeit (6' 49"' vs 6' 09", p=0,001). Die mittlere Dauer aller Untersuchungsdurchgänge betrug 5' 48". Die Untersuchungsdauer war signifikant untersucher-, nicht jedoch erfahrungsabhängig. Der maximale Schalldruckpegel war abhängig vom Durchgang, nicht jedoch von der Messmethode. Mit der manuellen Messmethode konnten in allen Durchgängen signifikant niedrigere Lautstärken und höhere Maximalfrequenzen erreicht werden, als mit der automatisierten Messung. Bis auf eine Ausnahme (Jitter) zeigten die analysierten Parameter keine Untersucherabhängigkeit.

Diskussion: Es gelingt auch unerfahrenen Untersuchern ein adäquates Sing- und Sprechstimmprofil zu erheben. Die manuelle Methode ist der automatischen Methode überlegen. Zur Vermeidung von Untersucherabhängigkeiten sollten geeignete SOPs erstellt und benutzt werden.


Text

Hintergrund

Das Sing- und Sprechstimmprofil stellt ein zentrales Element der Diagnostik der Stimmleistung und -qualität dar. Mittlerweile existieren dafür verschiedene kommerzielle Systeme, wobei Empfehlungen der UEP [1] zu einer Standardisierung der Messung geführt haben. Bezüglich der konkreten praktischen Durchführung gibt es jedoch mehrere Optionen, die zum Beispiel in Art und Dauer des präsentierten Tones oder in der Aufzeichnungsweise des akustischen Signals differieren.

Eine weitere Einflussgröße auf das Ergebnis des Sing- und Sprechstimmprofils stellt der Untersucher selbst dar, der sich sowohl bezüglich der praktischen Erfahrung als auch bezüglich der Kenntnis (unterschiedliche Berufsgruppen) unterscheiden kann. Im Vorfeld einer bevölkerungsbezogenen Studie des Leipziger Forschungszentrums für Zivilisationserkrankungen (LIFE) wurde in einer Machbarkeitsstudie der Einfluss von verschiedenen Parametern auf das Sing- und Sprechstimmprofil untersucht.

Material und Methoden

Es wurden 51 Schülerinnen (medianes Alter 21 Jahre) einer Logopädieschule eingeschlossen. Jede Schülerin wurde von einem von insgesamt vier Untersuchern an zwei aufeinanderfolgenden Tagen wiederholt untersucht. Zwei Untersucher hatten aufgrund ihrer ärztlichen Tätigkeit langjährige Erfahrung in der Erhebung des Sing- und Sprechstimmprofils, die beiden anderen Untersucher (ein Student und ein nicht-wissenschaftlicher Mitarbeiter) wurden für diese Studie vorher angelernt. Die Untersucher blieben an beiden Tagen den gleichen Probandinnen zugeordnet. An jedem Tag wurde von jeder Probandin dreimal hintereinander ein Sing- und Sprechstimmprofil erhoben. Zusätzlich wurde der Dysphonia Severity Index (DSI) berechnet und die Tonhaltedauer ermittelt. Die drei Durchgänge unterschieden sich hinsichtlich des Umfangs von Korrekturanweisungen vor oder während des Durchgangs. Im ersten Durchgang erfolgten keine Korrekturen während vor dem zweiten und während des dritten Durchgangs Verbesserungshinweise und motivierende Informationen gegeben werden konnten.

Zwischen den Untersuchungstagen wechselte die Messmethodik. Einmal erfolgte die Aufzeichnung der gesungenen Töne automatisiert nach 0,5 Sekunden. Hierbei wurden keine Töne vorgegeben. Das andere Mal spielten die Untersucher den zu singenden Ton vor und legten manuell fest zu welchem Zeitpunkt der anschließend gesungene Ton aufgezeichnet werden sollte. Die Reihenfolge der Messmethodik wurde randomisiert (Cross-over-Design).

In jedem Durchgang erfolgte die Messung von Sing- und Sprechstimme mit dem Stimmprofil-Modul aus DiVAS (Digital Video Archive Software®, Version 2.4, XION medical GmbH, Berlin) nach einer festgelegten Standardarbeitsanweisung (SOP) gemäß UEP-Norm [1].

Ergebnisse

Die mittlere Dauer des ersten Messdurchgangs betrug durchschnittlich 7 Minuten. Im zweiten und im dritten Durchgang war die Messdauer mit 5' 40" bzw. 5' 54" signifikant kürzer (p<0,001). Die automatisierte Methode erforderte gegenüber der manuellen Methode signifikant weniger Untersuchungszeit (6' 49" vs 6' 09", p=0,001). Die mittlere Dauer aller Untersuchungsdurchgänge betrug 5' 48". Die Untersuchungsdauer war signifikant untersucherabhängig nicht jedoch erfahrungsabhängig (p<0,001), da sich signifikante Unterschiede in der Messdauer sowohl zwischen den erfahrenen Untersuchern als auch zwischen einem der erfahrenen und einem der unerfahrenen Untersuchern zeigten. Der maximale Schalldruckpegel war abhängig vom Durchgang (Steigerung über die 3 Durchgänge), nicht aber abhängig von der Messmethode. Mit der manuellen Messmethode konnten in allen Durchgängen signifikant niedrigere Lautstärken und höhere Maximalfrequenzen erreicht werden, als mit der automatisierten Messung. Bis auf eine Ausnahme (Jitter) zeigten die analysierten Parameter keine Untersucherabhängigkeit.

Diskussion

Es gelingt auch unerfahrenen Untersuchern nach kurzer Einarbeit ein adäquates Sing- und Sprechstimmprofil zu erheben. Die manuelle Methode ist der automatischen Methode überlegen. Zwar benötigt man für sie durchschnittlich 40 Sekunden mehr Zeit, es konnten aber sowohl niedrigere Lautstärken als auch höhere Maximalfrequenzen erreicht werden. Ursächlich hierfür ist zum einen die Möglichkeit den zu singenden Ton genau dann aufzuzeichnen wenn er sein Lautstärkenminimum erreicht hat. Dies ist häufig erst nach dem Ansingen des Tones (nach 0,5 Sekunden) der Fall. Zum anderen werden während der manuellen Methode die zu singenden Töne vorgespielt wodurch ungeübte aber nachsingbegabte Probanden in für sie ungewohnte Tonhöhen geführt werden können. Auch nicht nachsingbegabten Probanden hilft die Vorgabe von Tönen ihr Leistungsspektrum besser abzurufen. Wenngleich die korrekte Intonation nicht wiedergegeben werden kann, so gelingt die akustische Unterscheidung zwischen höheren und tieferen Frequenzen fast jedem Probanden. Die Vorgabe von Tönen aufsteigender Frequenz schafft deswegen beim Nachsingversuch ein Bewusstsein, die Kehlkopfeinstellung ändern zu müssen wodurch zumindest die Wiedergabe unterschiedlicher Tonhöhen erreicht wird. Insgesamt lassen sich somit die tatsächlichen stimmlichen Leistungen mit der manuellen Messmethode exakter beschreiben.

Zur Vermeidung von Untersucherabhängigkeiten sollten geeignete SOPs erstellt und benutzt werden. In diesem sind sowohl die Reihenfolge und der zeitlicher Ablauf der Untersuchung als auch die Anweisungen an die Probanden im Wortlaut festgelegt.

Anmerkung

Diese Publikation wurde gefördert durch LIFE – Leipziger Forschungszentrum für Zivilisationserkrankungen. LIFE wird finanziert aus Mitteln der Europäischen Union durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und aus Mitteln des Freistaates Sachsen im Rahmen der Landesexzellenzinitiative.


Literatur

1.
Schutte HK, Seidner W. Recommendation by the Union of European Phoniatricians (UEP): standardizing voice area measurement/phonetography. Folia Phoniatr (Basel). 1983;35(6):286-8. DOI: doi:10.1159/000265703 External link