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27. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

17.09. - 19.09.2010, Aachen

Aufmerksamkeit macht den Unterschied – eine EKP-Studie zur syntaktischen Satzverarbeitung drei- bis vierjähriger Kinder

Vortrag

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  • corresponding author presenting/speaker Franziska Süß - Klinikum der Goethe-Universität Frankfurt, Deutschland
  • Angela D. Friederici - Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 27. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Aachen, 17.-19.09.2010. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2010. Doc10dgppV43

DOI: 10.3205/10dgpp62, URN: urn:nbn:de:0183-10dgpp620

Published: August 31, 2010

© 2010 Süß et al.
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Zusammenfassung

In einer vorangegangenen EKP-Studie mit passiver Aufgabenstellung konnten wir zeigen, dass die syntaktische Satzverarbeitung bei drei- bis vierjährigen Kindern durch das Variieren der Auftretenshäufigkeit syntaktisch inkorrekter Sätze (20% vs. 80%) beeinflusst wird. Wir fanden eine frühe Negativierung in der 20%-Bedingung, jedoch keinen Effekt in der 80%-Bedingung. In einer Studie mit Erwachsenen von Hahne und Friederici [8] wurde die selbe Manipulation verwendet. Die Autoren berichteten im Unterschied zu unserer Studie eine ELAN für beide Bedingungen und eine P600 für die 20%-Bedingung. Basierend auf diesem Ergebnis schlussfolgerten sie, dass der erste frühe syntaktische Verarbeitungsprozess automatisch abläuft (ELAN). Der zweite spätere Verarbeitungsschritt hingegen ist ein eher kontrollierter Prozess (P600). In ihrer Studie verwendeten Hahne und Friederici eine grammatische Bewertungsaufgabe. Um die syntaktische Satzverarbeitung von Kindern und Erwachsenen unter den selben Bedingungen vergleichen zu können, testeten wir 30 Kinder im Alter von drei bis vier Jahren mit dem Satzmaterial aus der vorangegangenen Studie, diesmal jedoch mit einer grammatischen Bewertungsaufgabe. Nun zeigten die Kinder ein ähnliches EKP-Muster wie Erwachsene. Zusammenfassend kann geschlossen werden, dass sich schon früh in der kindlichen Sprachentwicklung abhängig von der gerichteten Aufmerksamkeit ein automatischer früher Verarbeitungs- und ein eher kontrollierter später Revisionsprozess zeigen.


Text

Neben vielen anderen Forschungsgebieten wurde die Elektroenzephalographie und die Methode der ereigniskorrelierten Potentiale (EKP) in den vergangenen Jahren angewandt, um die zeitliche Struktur von syntaktischen Verarbeitungsprozessen zu untersuchen. In mehreren Studien wurde eine späte zentroparietale Positiverung (P600) als Antwort auf unterschiedlichste syntaktische Anomalien gefunden, so zum Beispiel als Reaktion auf Holzwegsätze oder andere nicht präferierte Strukturen [2], [7], auf eindeutige Phrasenstrukturverletzungen [2], [11], auf Subjazenzverletzungen [11], [9] wie auch auf Kongruenzverletzungen [1], [3], [6], [7]. Als Antwort auf Phrasenstrukturverletzungen [3], [2], [10], [11], auf die Verarbeitung von Subkategorisierungsinformationen [14] wie auf Kongruenzverletzungen [1], [3], [6] wurde eine linksanteriore Negativierung (ELAN) beobachtet.

Basierend auf EKP- und MRT-Befunden entwickelte Friederici ein neurokognitives Modell der Sprachverarbeitung [4], [5], welches sowohl autonome als auch interaktive Prozesse vereint. Das Modell lässt sich in drei funktionell unterschiedliche Verarbeitungsphasen unterteilen. In der ersten Phase wird eine erste syntaktische Struktur allein auf Basis von Wortkategorieinformationen erstellt. Diese Phase spiegelt sich in einer frühen linksanterioren Negativierung (ELAN) wider. In Phase 2 werden den einzelnen Nominalphrasen ihre thematischen Rollen zugewiesen. Dieser Prozess wird durch eine spätere linksanteriore Negativierung (LAN) gekennzeichnet. In der dritten und letzten Verarbeitungsphase werden lexikalisch-semantische und syntaktische Informationen zusammengeführt. Schlägt diese Zusammenführung fehl, wird ein Reanalyse- oder Reparaturprozess eingeleitet. Dieser Prozess wird im EKP als eine späte Positivierung (P600) reflektiert.

Hahne und Friederici [8] gehen davon aus, dass der erste syntaktische Verarbeitungsprozess hochautomatisch, hingegen der zweite syntaktische Verarbeitungsschritt eher kontrolliert ist. Um diese Hypothese zu testen manipulierten sie die Häufigkeit richtiger und falscher Informationen innerhalb eines Experimentes. Die Autoren variierten die Häufigkeit von syntaktisch inkorrekten Sätzen innerhalb zweier Experimentalsitzungen. 20% aller auditiv präsentierten Sätze waren syntaktisch inkorrekt, 80% syntaktisch korrekt (20%-Sitzung) und vice versa (80%-Sitzung). Die Probanden nahmen jeweils an beiden Sitzungen teil und bewerteten per Tastendruck die syntaktische Richtigkeit der präsentierten Sätze. In beiden Sitzungen wurde unabhängig von der Auftretenshäufigkeit syntaktisch inkorrekter Sätze eine ELAN beobachtet. Im Gegensatz dazu wurde die P600 nur in der 20%-Sitzung evoziert. In diesen Ergebnissen sahen Hahne und Friederici [8] die Annahme, die ELAN reflektiere einen automatischen und die P600 einen eher kontrollierten Prozess, bestätigt.

In den letzten Jahren hat sich das ereigniskorrelierte Potential ebenso bewährt, um das Sprachverstehen von Kindern zu untersuchen. In zwei kürzlich erschienen Studien [13], [12] konnte gezeigt werden, dass die Mechanismen, die der zweiten syntaktischen Verarbeitungsstufe unterliegen schon im Alter von 2 Jahren entwickelt sind, reflektiert durch eine kindspezifische P600. Mit zunehmendem Alter, genauer mit 2,8 Jahren, wurde zusätzlich eine kindspezifische ELAN gefunden, was darauf hindeutet, dass in diesem Alter auch der erste syntaktische Verarbeitungsschritt ausgebildet ist. Bis zum heutigen Tag jedoch ist nicht bekannt, welchen Einfluss verschiedene Aufmerksamkeitsanforderungen auf diese Prozesse bei Kindern haben.

In einer vorangegangenen EKP-Studie mit passiver Aufgabenstellung konnten wir zeigen, dass die syntaktische Satzverarbeitung bei drei- bis vierjährigen Kindern durch das Variieren der Auftretenshäufigkeit syntaktisch inkorrekter Sätze (20% vs. 80%) beeinflusst wird. Anders als Hahne und Friederici [8] bei Erwachsenen fanden wir eine frühe Negativierung in der 20%-Bedingung, jedoch keinen Effekt in der 80%-Bedingung. Um die syntaktische Satzverarbeitung von Kindern und Erwachsenen unter denselben Bedingungen vergleichen zu können, testeten wir 30 Kinder im Alter von drei bis vier Jahren mit einer grammatischen Bewertungsaufgabe. Verwendet wurden drei Arten kurzer kindgerechter Aktivsätze: syntaktisch korrekte Sätze (z.B. Der Löwe brüllt und tobt), syntaktisch inkorrekte Sätze mit einer Phrasenstrukturverletzung (z.B. Der Löwe im brüllt und tobt) und Filler-Sätze (z.B. Der Löwe im Zoo brüllt und tobt). Es zeigte sich ein ähnliches EKP-Muster wie in der Studie von Hahne und Friederici [8]. In beiden Sitzungen wurde eine frühe Negativerung beobachtet. Eine späte Positiverung zeigte sich ausschließlich in der 20%-Sitzung. Es kann geschlossen werden, dass sich schon früh in der kindlichen Sprachentwicklung abhängig von der gerichteten Aufmerksamkeit ein automatischer früher Verarbeitungs- und ein eher kontrollierter später Revisionsprozess zeigen.


Literatur

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