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27. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

17.09. - 19.09.2010, Aachen

Ähnlichkeitsbeurteilung von gleichgeschlechtlichen Stimmpaaren zweier Familien

Vortrag

  • author presenting/speaker Anne Minor - Klinik für Phoniatrie, Pädaudiologie und Kommunikationsstörungen, Medizinische Fakultät der RWTH Aachen, Deutschland
  • author Bernhard Lehnert - Klinik für Phoniatrie, Pädaudiologie und Kommunikationsstörungen, Medizinische Fakultät der RWTH Aachen, Deutschland
  • corresponding author Christiane Neuschaefer-Rube - Klinik für Phoniatrie, Pädaudiologie und Kommunikationsstörungen, Medizinische Fakultät der RWTH Aachen, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 27. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Aachen, 17.-19.09.2010. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2010. Doc10dgppV19

DOI: 10.3205/10dgpp28, URN: urn:nbn:de:0183-10dgpp289

Published: August 31, 2010

© 2010 Minor et al.
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Zusammenfassung

Hintergrund: Die Familienähnlichkeit von Gesichtern wurde bereits intensiv perzeptiv untersucht. Im Unterschied hierzu fanden wir kaum Literatur, in der über systematische Untersuchungen zur Familienähnlichkeit von Stimmen berichtet wurde.

Material und Methoden: Wir haben Stimmproben von Familie A (n = 10, 5 m und 5 w) und B (n = 9, 4 m und 5 w) aufgezeichnet und intrafamiliäre und interfamiliäre gleichgeschlechtliche Stimmpaare gruppiert. 40 verblindete Rater (20 m und 20 w) wurden aufgefordert, die Stimmpaare mittels Ähnlichkeits-Score von 1 (= gar nicht ähnlich) bis 5 (= sehr ähnlich) zu bewerten.

Ergebnisse: Stimmpaare der Familie B wurden im Unterschied zu Stimmpaaren der Familie A als signifikant ähnlicher erkannt. Im Vergleich zu interfamiliären Stimmpaaren wurden nur die Stimmpaare der Familie B als signifikant ähnlicher bewertet.

Während das Geschlecht der Rater keinen relevanten Einfluss auf die Bewertungen erkennen ließ, wurden die Stimmpaare der beiden Geschlechter unterschiedlich bewertet. Es ergab sich ein Trend, dass Frauen innerhalb einer Familie als ähnlicher beurteilt wurden als Männer. Männliche interfamiliäre Stimmpaare zeigten einen Trend zu höheren Ähnlichkeitsurteilen als weibliche.

Diskussion: Die Heterogenität der Ergebnisse zeigt, dass das Phänomen Familienähnlichkeit von Stimmen noch weiterer intensiver Forschung bedarf.


Text

Hintergrund

Im alltäglichen Leben werden Stimmen verwandter Personen häufig verwechselt. Insbesondere erwachsene Kinder entwickeln oft ähnliche Stimmen wie ihre gleichgeschlechtlichen Eltern. Im Kontext moderner Anwendungen von Algorithmen zur Spracherkennung sind derartige Zusammenhänge von zunehmendem Interesse. Es verwundert daher, dass man zum Thema Familienähnlichkeit von Stimmen bisher kaum Grundlagenliteratur findet, wohingegen die Familienähnlichkeit von Gesichtern bereits intensiv untersucht wurde [1]. Mit der vorliegenden Studie soll daher ein Beitrag geleistet werden, ein besseres Verständnis zur Zusammensetzung der persönlichen Stimme aus familiär determinierten Eigenschaften, aus geschlechtsunterscheidenen Komponenten und aus höchst individuellen, die eigene Identität bestimmenden Charakteristika des Stimmsignals zu erhalten. Es wurde untersucht, ob Angehörige einer Familie signifikant häufiger als ähnlich beurteilt werden, als Angehörige verschiedener Familien. Weiterhin wurde untersucht, welchen Einfluss der Verwandtschaftsgrad [2] und das Geschlecht der Stimmprobanden auf die Ähnlichkeitsbeurteilung nehmen, und ob ein Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Ratern hinsichtlich ihres Bewertungsverhaltens vorliegt.

Material und Methode

Für die benötigten Stimmsamples wurde der Text „Der Nordwind und die Sonne“ von Mitgliedern zweier verschiedener Familien aufgezeichnet (Familie A: n = 10, 5 m und 5 w und Familie B: n = 9, 4 m und 5 w). Die Verwandtschafts- und Alterstruktur entnehmen Sie bitte Abbildung 1a, b [Abb. 1]. Aus den insgesamt 19 Personen dieser Familien wurden alle möglichen gleichgeschlechtlichen inter- und intrafamiliären Paare gebildet, insgesamt 81. Diese Stimmpaare wurden 20 männlichen (Median: 24;7, Range: 22;9–30;2) und 20 weiblichen (Median: 23;11, Range: 21;1–28;9) Probanden vorgespielt, die anhand eines Fragebogens die Ähnlichkeit jedes einzelnen Paares beurteilen sollten. Zur Ähnlichkeitsbeurteilung diente eine 5er-Skala mit den Möglichkeiten „sehr ähnlich“, „ähnlich“, „ich weiß nicht“, „nicht ähnlich“ und „gar nicht ähnlich“. Zusätzlich sollten die Probanden mit Hilfe einer 3er-Skala eine Aussage zur Entscheidungssicherheit treffen („sicher“, „ich weiß nicht“, „nicht sicher“). Zur Sicherung der intraindividuellen Beurteilerstabilität [3] der Methode wurden 10 Paare doppelt präsentiert. Die statistische Auswertung wurde mit SPSS durchgeführt.

Ergebnisse

Die Hypothese, dass intrafamiliäre Paare im Durchschnitt mit einem höheren Ähnlichkeitsurteil bewertet werden als interfamiliäre Paare, konnte nur für Familie B bestätigt werden (signifikanter Unterschied zwischen Paaren aus Familie B gegenüber Paaren aus Familie A (p=.007) und zwischen Paaren aus Familie B gegenüber interfamiliären Paaren aus beiden Familien (p=.006)). Es ergab sich ein Trend, dass intrafamiliäre weibliche Paare als ähnlicher beurteilt wurden als männliche, wohingegen bei den interfamiliären Stimmpaaren die männlichen als ähnlicher beurteilt wurden.

In Familie B zeigte sich bezüglich des Einflusses des Verwandtschaftsgrades auf die Ähnlichkeitsbeurteilung, dass – unabhängig vom Geschlecht der Stimmprobanden – Paare mit Verwandtschaft in Seitenlinie durchschnittlich als ähnlicher bewertet wurden als Paare mit Verwandtschaft in vertikaler Linie und auch als interfamiliäre Paare. Dieser Unterschied war für Vergleiche zwischen Paaren mit Verwandtschaft in Seitenlinie gegenüber den interfamiliären Paaren signifikant (p=.001).

Das Geschlecht der Rater hatte keinen signifikanten Einfluss auf die Ähnlichkeitsbeurteilung. Jedoch zeichnete sich der Trend ab, dass weibliche Rater unabhängig vom Geschlecht der zu bewertenden Stimmpaare höhere Ähnlichkeits-Werte verwendeten. Bezüglich der Beurteilung intrafamiliärer Paare fiel auf, dass weibliche Rater gleichgeschlechtliche, männliche Rater dagegen gegengeschlechtliche Stimmsamples als ähnlicher bewerteten. Bei der Beurteilung interfamiliärer Paare zeigte sich ein genau entgegen gerichteter Trend.

Hinsichtlich der Beurteilungssicherheit konnte festgestellt werden, dass sich die Rater bei der Bewertung weiblicher Paare durchschnittlich sicherer waren, als bei der Bewertung männlicher Paare (p=.015). Es zeigte sich zusätzlich der Trend, dass sich männliche Rater bei der Beurteilung gegengeschlechtlicher, weibliche Rater dagegen bei der Beurteilung gleichgeschlechtlicher Stimmpaare im Durchschnitt sicherer waren.

Diskussion

In dieser Studie zeichnet sich der Trend ab, dass es eine Familienähnlichkeit von Stimmen gibt, deren Beurteilung u.a. durch Verwandtschaftsgrad und Geschlecht der Stimmprobanden beeinflusst wird. Die Tatsache, dass die intrafamiliäre Ähnlichkeit beider Familien differierte, bedarf weiterer Abklärung. Das etwas unerwartete Ergebnis höherer Stimmähnlichkeit bei Paaren mit verwandtschaftlicher Beziehung in Seitenlinie, könnte aus der überwiegend homogeneren Alterszugehörigkeit dieser Personen resultieren. Den Befund, dass die weiblichen Stimm-Samples sowohl von weiblichen als auch von männlichen Ratern mit einer höheren Sicherheit als ähnlicher beurteilt wurden, wäre an größeren Kollektiven zu verifizieren. Bei der Interpretation aller Ergebnisse ist die vergleichsweise geringe Anzahl der verfügbaren Familienmitglieder zu berücksichtigen und der etwas unterschiedlich gestaltete Stammbaum beider Familien, die zum Teil nur eine eingeschränkte Überprüfung der Hypothesen zuließen. Es bedarf daher weiterer intensiver Forschung bezüglich des Phänomens der Familienähnlichkeit von Stimmen.


Literatur

1.
Alvergnea A, Fauriea C, Raymond M. Differential facial resemblance of young children to their parents: Who do children look like more? Evolution and Human Behavior. 2007;28:135-44. DOI: 10.1016/j.evolhumbehav.2006.08.008 External link
2.
Fuchs M, Oeken J, Hotopp T, Täschner R, Hentschel B, Behrendt W. Die Ähnlichkeit monozygoter Zwillinge hinsichtlich Stimmleistungen und akustischer Merkmale und ihre mögliche klinische Bedeutung. HNO. 2000;48:462-9.
3.
Wirtz M, Caspar F. Beurteilerübereinstimmung und Beurteilerreliabilität. Göttingen: Hogrefe; 2002.