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26. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

11.09. - 13.09.2009, Leipzig

Was bewirkt logopädische Therapie bei AVWS in Zusammenhang mit LRS?

Vortrag

  • corresponding author presenting/speaker Monika Brunner - HNO-Uniklinik/Phoniatrie, Heidelberg, Deutschland
  • author Claudia Baeumer - HNO-Uniklinik/Phoniatrie, Heidelberg, Deutschland
  • Kerstin Ouis - HNO-Uniklinik/Phoniatrie, Heidelberg, Deutschland
  • Nicole Christina Stuhrmann - HNO-Uniklinik/Phoniatrie, Heidelberg, Deutschland
  • Peter Plinkert - HNO-Uniklinik/Phoniatrie, Heidelberg, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 26. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Leipzig, 11.-13.09.2009. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2009. Doc09dgppV39

DOI: 10.3205/09dgpp56, URN: urn:nbn:de:0183-09dgpp566

Published: September 7, 2009

© 2009 Brunner et al.
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Zusammenfassung

Ziel der Studie war es, die Effektivität logopädischer Therapie bei der Behandlung von auditiven Wahrnehmungsstörungen in Zusammenhang mit Lese-Rechtschreibstörungen zu untersuchen.

Methodik: 37 Kinder mit der Diagnose AVWS und der Empfehlung zu logopädischer Therapie wurden 1½ Jahr nach der Erstdiagnose und Empfehlung zu logopädischer Therapie nachuntersucht. Erfasst wurden in der Nachuntersuchung die Phonemdiskrimination mit dem Heidelberger Lautdifferenzierungstest HLAD, der auditive Arbeitsspeicher mit dem Zahlenfolgegedächtnis und dem Mottier Test, sowie Rechtschreib- und Lesetests. Zusätzlich wurde den jeweiligen Logopäden ein Fragebogen zugesandt zur genaueren Analyse der logopädischen Therapie. 24 dieser Kinder hatten in dem Zeitraum logopädische Therapie wahrgenommen, 13 Kinder hatten sich für andere Therapiearten entschieden (LRS-Therapie, Ergotherapie,).

Ergebnisse: Beide Gruppen verbesserten sich signifikant. Ein Unterschied zwischen der Gruppe mit und ohne logopädische Therapie konnte nur für die Phonemdiskrimination nachgewiesen werden, wenn die logopädische Therapie mehr als 40 Stunden umfasste. Beide Gruppen zeigten keine Verbesserung im Zahlenfolgegedächtnis. Eine Verbesserung der Rechtschreibleistungen fand nur statt, wenn die logopädische Therapie in Verbindung mit einer Lese-Rechtschreibtherapie erteilt wurde.

Fazit: Wenn AVWS und LRS vorliegt, sollte nicht nur logopädische Therapie, sondern auch LRS Therapie empfohlen werden.


Text

Einleitung

Kinder, die zur Abklärung einer auditiven Wahrnehmungsstörung in der phoniatrischen Ambulanz vorstellig werden, zeigen häufig auch Rechtschreibprobleme. In der Regel erhalten diese Patienten eine Indikation zur logopädischen Therapie, wenn der Heidelberger Lautdifferenzierungstest (HLAD) und/oder das auditive Arbeitsgedächtnis auffällig sind.

Das Angebot an Therapieverfahren zur Behandlung einer auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung ist vielfältig und mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten gesetzt. Bislang finden sich in der Literatur nur wenige Studien, welche die Wirksamkeit auditiver Behandlungsverfahren belegen. Hesse et al. [1] konnten eine Verbesserung der Hörverarbeitung und -wahrnehmung durch eine stationäre auditive Intensivtherapie mit audiologischen und psycholinguistischen Testverfahren nachweisen. Allerdings beinhaltete die Therapie neben dem auditiven Training auch den Erwerb metalinguistischer und metakognitiver Techniken. Bischof et al. [2] überprüften in einer Studie die Trainierbarkeit auditiver Diskriminationsleistungen für Phonem- und Tonreize in einem vierwöchigen Intensivtraining. Beide Leistungen zeigten sich als signifikant trainierbar, eine stabile Verbesserung der Phonemdiskriminationsleistung zeigte sich auch noch nach einem halben Jahr.

Den Einfluss auditiver Trainings auf die Rechtschreibleistungen überprüften Hesse et al. [1] und Tewes et al. [3]. Beide berichteten über eine Verbesserung der Rechtschreibfähigkeit aufgrund eines auditiven Wahrnehmungstrainings. Kritisch anzumerken ist hier jedoch ebenfalls, dass die Kinder gleichzeitig ein Transfertraining mit Übungen zum Lesen und Rechtschreiben enthielten. Die Verbesserungen der Rechtschreibfähigkeiten können somit nicht nur als Folge des auditiven Wahrnehmungstrainings gesehen werden. Berwanger und v. Suchodoletz [4] konnten dagegen bei einem Training der Ordnungsschwelle und des Richtungshörens zwar Verbesserungen der unmittelbar trainierten Leistungen nachweisen, jedoch keine Transfereffekte auf die Rechtschreibleistungen. Ein ähnliches Ergebnis zeigte sich auch bei Strehlow et al. [5]. Es fanden sich keine stabilen Transfereffekte der verbesserten Verarbeitungsleistung von Ton- und Phonemreizen auf die Lese-Rechtschreibleistungen.

Die vorliegende Arbeit möchte einen Beitrag leisten zur Untersuchung der Effektivität logopädischer Therapie bei der Verbesserung der Phonemdiskriminationsleistung von Schulkindern mit auditiver Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung. Dabei soll auch der Zusammenhang zur Lese-Rechtschreibleistung untersucht werden.

Methodik

Stichprobe und Untersuchungsgang

Kinder, bei denen in der Phoniatrie/Pädaudiologie der Hals-Nasen-Ohren-Klinik des Universitätsklinikums Heidelberg die Diagnose einer auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung gestellt wurde, wurden sowohl vor (1. Messzeitpunkt) als auch nach einer logopädischen Therapie (2. Messzeitpunkt) mit einer ausführlichen Testbatterie untersucht (Tonschwellenaudiometrie, Sprachaudiometrie mit und ohne Störschall, dichotischer Test, Heidelberger Lautdiskriminationstest, auditiver Arbeitsspeicher, phonologische Merkspanne für Nicht-Wörter, sprachfreie Intelligenz). Ausschlusskriterien zur Teilnahme an der Studie waren ein auffälliges Tonaudiogramm mit einer Hörminderung von mehr als 15 db beidseits sowie eine relevante Einschränkung der allgemeinen Intelligenz (nonverbaler IQ unter 85). Voraussetzung an der Teilnahme war zudem eine unterdurchschnittliche Leistung in der Phonemdiskrimination (mindestens ein auffälliger Wert im Heidelberger Lautdifferenzierungstest). Das Patientenkollektiv umfasste 37 Kinder mit der Diagnose einer AVWS. Davon erhielten 24 Patienten über einen längeren Zeitraum logopädische Therapie (LG). Eine vergleichbare Kontrollgruppe (KG) bestand aus 13 Kindern ebenso mit der Diagnose einer AVWS, welche trotz der Indikation und Empfehlung einer logopädischen Therapie keine logopädische Therapie erhalten bzw. diese nach max. 10 Sitzungen abgebrochen haben. Der mittlere Abstand zwischen beiden Messzeitpunkten betrug 17,1 Monate.

Untersuchungsverfahren

Die Leistung der Phonemdiskrimination wurde geprüft mit dem Heidelberger Lautdifferenzierungstest HLAD, welcher die auditive Vergleichsleistung von Minimalpaaren (Wörter und Pseudowörter) prüft, sowie die Nachsprechleistung und die Lautanalyse. Die Rechtschreibleistung wurde altersabhängig mit dem für die jeweilige Klassenstufe standardisierten Rechtschreibtest DRT 1-4 geprüft. Die Leseleistung wurde anhand der Würzburger Leise-Lese-Probe (WLLP) erfasst.

Ergebnisse

Das Alter der Kinder lag zu Messzeitpunkt 1 im Mittel bei 8,2 Jahren und zu Messzeitpunkt 2 bei 9,4 Jahren. Der mittlere IQ lag zwischen 98 und 102. Die Patientengruppe (PG) und die Kontrollgruppe (KG) unterschieden sich nicht signifikant hinsichtlich Alter, IQ oder Geschlecht. Auch unterschieden sich die Gruppen nicht hinsichtlich der Leistung in der Phonemdiskrimination und der Lese-Rechtschreibleistung signifikant. Somit war ein Gruppenvergleich möglich.

Zur näheren Analyse des Einflusses der Therapiedauer auf Wahrnehmungs- und Lese-Rechtschreibleistungen wurde die Patientengruppe unterteilt in a) Patienten, welche maximal bis zu 39 Einheiten logopädische Therapie erhielten (N=12) und in b) Patienten, welche mehr als 39 logopädische Einheiten erhielten (N=12). Als Maß für den Therapieerfolg wurde die Veränderung der Testleistung von Messzeitpunkt 1 zu Messzeitpunkt 2 berechnet.

Zwischen den Gruppen zeigte sich nur in der phonematischen Differenzierung (Untertest 1a des H-LAD) ein signifikanter Interaktionseffekt (F(4,66)=2.54, p=.04). Hier wird deutlich erkennbar, dass sich die Kinder bei einer logopädischen Therapie mit einer Dauer über 40 Einheiten in diesem Bereich signifikant stärker verbessern (Verbesserung von M1=37,8 auf M2=45,2) als bei einer logopädischen Therapie, welche weniger als 40 Einheiten umfasste (M1=34,5 / M2=39,0, siehe Abbildung 1 [Abb. 1]). Die Kontrollgruppe zeigte nur eine minimale Veränderung (M1=39,6 / M2=40,0).

In den weiteren Untertests des Heidelberger Lautdifferenzierungstests und in den Lese-Rechtschreibleistungen zeigte sich kein Unterschied zwischen den Gruppen.

Vergleich von logopädischer Therapie und anderen Fördermöglichkeiten

Neben der Teilnahme an der logopädischen Therapie gaben 35,1% der Eltern an, dass ihr Kind ergotherapeutisch gefördert wurde. 29,7% der Kinder nahmen zusätzlich an einer Lese-Rechtschreibtherapie teil, 24,3% erhielten Förderunterricht in der Schule, 10,8% erhielten Nachhilfe und 16,2% weitere Therapien/Förderungen. Zur weiteren Analyse der verschiedenen Therapieangebote und ihrer Möglichkeiten und zur Bewertung der Rolle der Logopädie in diesem Therapiegeflecht wurden die Patienten noch einmal hinsichtlich der erhaltenen Therapien genauer unterteilt. Es wurde eine Unterteilung in die Gruppen vorgenommen a) Kinder, welche ausschließlich logopädische Therapie erhielten (N=11), b) Kinder, welche logopädische Therapie und zusätzliche Förderungen erhielten (N=13) und c) Kinder, welche ausschließlich mit anderen Therapieformen als Logopädie (N=9) behandelt wurden.

Es zeigte sich ein signifikanter Unterschied zwischen den drei Gruppen in der Verbesserung der Nachsprechleistung (Untertest 1b des H-LAD; F(4,68)=2.93, p<.03). Die positive Leistungsveränderung erscheint hier signifikant stärker bei der Gruppe, die ausschließlich logopädische Therapie besuchte (Verbesserung von M1=26,6 auf M2=46,1) gegenüber der Gruppe mit logopädischer Therapie in Kombination mit weiteren Therapien (M1=39,6 / M2=45,2) und der Gruppe, welche ausschließlich andere Therapien erhielt (M1=41,2 / M2=44,5; siehe Abbildung 2 [Abb. 2]).

Weiterhin zeigte sich ein signifikanter Unterschied der drei Gruppen hinsichtlich der Rechtschreibleistung (F(4,56)=3.13, p=.02). Eine positive Leistungsveränderung zeigte sich hier deutlich beim Einsatz von Logopädie in Verbindung mit weiteren Therapien wie z.B. Lese-Rechtschreib-Therapie (durchschnittliche Verbesserung von M1=41,9 auf M2=48,0). Eine Verbesserung der Rechtschreibleistungen konnte auch durch eine alleinige Förderung durch andere Therapien ohne Logopädie erreicht werden (M1=37,1 / M2=40,2). Wurden die Kinder nur logopädisch gefördert wurden, zeigten sich keine Verbesserungen in den Rechtschreibleistungen (M1=45,4 / M2=44,4, siehe Abbildung 2 [Abb. 2]).

Diskussion

Ein deutlicher Behandlungserfolg der logopädischen Therapie konnte in unserer Studie für den Bereich der phonematischen Differenzierung und der Nachsprechleistung gezeigt werden. Hier verbesserten sich die Kinder, welche logopädische Therapie erhielten, signifikant stärker als die Kinder der Kontrollgruppe. Der deutliche Therapieeffekt auf die Leistungen in der Phonemdiskrimination zeigte sich vor allem bei einer Therapiedauer von über 40 Einheiten.

In Übereinstimmung mit den Annahmen von v. Suchodoletz et al. [6], fanden auch wir keine Belege für die Effektivität ausschließlich einer logopädischen Therapie im Hinblick auf eine Verbesserung in den Lese-Rechtschreibleistungen. Es hat sich im speziellen gezeigt, dass eine prinzipielle Verbesserung der Rechtschreibleistungen nur erreicht werden konnte, wenn logopädische Therapie in Verbindung mit einer Lese-Rechtschreibtherapie erteilt wurde. Aufgrund der geringen Patientenzahl konnten wir nicht untersuchen, inwieweit ein altersabhängiger Zusammenhang der Wirkung einer logopädischen Therapie auf die Lese-Rechtschreibleistungen und die Phonemdiskriminationsleistungen besteht. Nach Brunner und Hornberger [7] scheinen Therapien zur auditiven Wahrnehmung besonders für Kinder relevant zu sein, die am Anfang des Schriftspracherwerbs stehen, nicht jedoch für ältere Kinder. Eine Klärung der Altersrelevanz auditiver Trainings erscheint aber für Aussagekraft bzgl. der Wirksamkeit einer logopädischen Therapie und der Therapiewahl als unbedingt notwendig.

Wird in der Therapie angestrebt auch die Rechtschreibleistungen zu verbessern, so sollten nicht nur die auditive Wahrnehmung, sondern weitere Sprachverarbeitungsfunktionen wie z.B. das Erkennen eines Wortstammes und die Anwendung von Regelwissen erarbeitet werden.


Literatur

1.
Hesse G, Nelting M, Mohrmann B, Laubert A, Ptok M. Die stationäre Intensivtherapie bei auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen im Kindesalter. HNO. 2001;49:636-41.
2.
Bischof J, Gratzka V, Strehlow U, Haffner J, Parzer P, Resch F. Reliabilität, Trainierbarkeit und Stabilität auditiv diskriminativer Leistungen bei zwei computergestützten Mess- und Trainingsverfahren. Kinder- und Jugendpsychiatr. 2002;30:261-70.
3.
Tewes U, Steffen S, Warnke F. Automatisierungsstörungen als Ursache von Lernproblemen. Forum Logopädie. 2003;17:24-30.
4.
Berwanger D, von Suchodoletz W. Erprobung eines Zeitverarbeitungstrainings bei Kindern mit Lese-Rechtschreibschwierigkeiten. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2004;32:77-84.
5.
Strehlow U, Haffner J, Bischof J, Gratzka V, Parzer P, Resch F. Does successful training of temporal processing of sound and phoneme stimuli improve reading and spelling? European Child & Adolescent Psychiatry. 2006;15:19-29.
6.
von Suchodoletz W, Berwanger D, Mayer H. Die Bedeutung auditiver Wahrnehmungsschwächen für die pathogenese der Lese-Rechtschreibstörung. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. 2004;32:19-27.
7.
Brunner M, Hornberger C. Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS). HNO. 2007; 55:331-2.