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26. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

11.09. - 13.09.2009, Leipzig

Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsleistungen 8- bis 10-jähriger Kinder: Welche Tests trennen auffällige von unauffälligen Kindern?

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Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 26. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Leipzig, 11.-13.09.2009. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2009. Doc09dgppP09

DOI: 10.3205/09dgpp24, URN: urn:nbn:de:0183-09dgpp241

Published: September 7, 2009

© 2009 Kiese-Himmel et al.
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Zusammenfassung

In der Diagnostik von auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS) bei Kindern besteht derzeit keine Einheitlichkeit der verwendeten Testkombination.

Material: 46 Kinder (8-10 Jahre) mit diagnostizierter isolierter AVWS wurden hinsichtlich ihrer AVWS-Leistungen mit 39 gleichaltrigen Regelgrundschülern ohne Hinweise auf Sprach- oder Lese-Rechtschreib-Störungen verglichen (Non-AVWS).

Methode: Es wurden 12 pädaudiometrische und psychometrische Verfahren eingesetzt, deren Ergebnisse die Zuordnung in die Gruppen AVWS vs. Non-AVWS ermöglichen sollten.

Ergebnisse: Mit Ausnahme von 3 nicht sprachbasierten Verfahren waren durchgehend signifikante Gruppendifferenzen mit jeweils schlechteren Leistungen der AVWS-Gruppe nachweisbar. Die Diskrimination der beiden Diagnosegruppen gelang zuverlässig: 94% resp. (nach Kreuzvalidierung) 91% der Kinder konnten durch 3 Tests mit signifikanter Diskriminanzfunktion richtig klassifiziert werden. Der Mottier-Test zeigte die stärkste Trennkraft, gefolgt vom Sprachverstehen im Störgeräusch und dem HLAD-Subtest ‚Phonemdifferenzierung’.

Diskussion: Nach Ausschluss von peripheren Hörstörungen sowie Intelligenzminderungen reichen zur ersten Legitimation der klinisch-diagnostischen Klassifikation „AVWS“ bei 8- bis 10-Jährigen die 3 genannten Verfahren bei Inkaufnahme einer relativ kleinen Fehlerwahrscheinlichkeit aus. Auf eine AVWS weisen bereits 2 auffällige Ergebnisse in diesen 3 Verfahren hin (Diskrepanzkriterium >1 SD unter der Altersnorm).


Text

Einleitung

Für die Diagnostik von auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS) ist es unentbehrlich, über Untersuchungsverfahren zu verfügen, die zwischen normalen und (klinisch relevant) geminderten modalitätsspezifischen Leistungen zu trennen vermögen. Anliegen der Studie war es, diesbezüglich eine Kombination von Untersuchungsinstrumenten im kontrollierten Gruppenvergleich zu prüfen, um festzustellen, welche in der Lage sind, auffällige von unauffälligen Kindern zu trennen [2].

Studienkollektiv

  • Kinder mit diagnostizierter isolierter AVWS: n=46 (25 Jungen; 21 Mädchen) im mittleren Alter von 9;2 (SD 0;7) Jahren (klinische Gruppe)
  • Unauffällig entwickelte Kinder: n=39 (16 Jungen, 23 Mädchen) im mittleren Alter von 9;3 (SD 0;7) Jahren (Kontrollgruppe).

Alle Kinder (3.- und 4.-Klässler) wuchsen monolingual deutschsprachig auf, waren peripher normalhörig und mindestens durchschnittlich intelligent (nonverbaler IQ>85). Die unauffällig entwickelten Kinder waren aktuell bzw. anamnestisch nicht sprachentwicklungsgestört und zeigten auch keine anamnestischen Hinweise auf eine Lese-Rechtschreibschwäche. Der Altersunterschied der beiden Gruppen war insignifikant (t=0.39, p=.698), und es gab keine signifikanten Häufigkeitsdifferenzen in der Geschlechtsverteilung beider Diagnosegruppen (chi2 nach Pearson =1.500, p=.221, df=1).

Methode

Die Daten wurden an der Abteilung Phoniatrie–Pädaudiologie-Logopädie des Kinderzentrums München im Zeitraum 2001 bis 2006 und an einer Münchner Grundschule zwischen 2006 und 2007 erhoben. Eine AVWS wurde diagnostiziert, wenn mindestens zwei der folgenden zur Abklärung einer AVWS eingesetzten Prüfdimensionen auffällig waren:

  • Sprachverstehen im Störgeräusch (Göttinger Sprachaudiometrie im Freifeld, 60 dB von vorn; mit sprachsimuliertem Störgeräusch, 60 dB in einem Winkel von 90° beidseits). Kriterium auffällig: Verstehen <80%.
  • Dichotisches Wortverstehen (Uttenweiler-Test bei 70 dB über Kopfhörer mit mindestens 2 Wortpaargruppen, bestehend jeweils aus 10 dreisilbigen Wortpaaren mit Artikeln). Kriterium auffällig: <80% Wortpaarverstehen.
  • Phonemdifferenzierung (Subtest aus dem Heidelberger Lautdifferenzierungstest HLAD). Kriterium auffällig: T-Wert <40.
  • Phonemidentifikation (HLAD-Subtest). Kriterium auffällig: T-Wert <40.
  • Phonemanalyse (HLAD-Subtest). Kriterium auffällig: T-Wert <40.

Die Durchführung aller HLAD-Subtests erfolgte über Kopfhörer bei 65 dB.

  • Kurzzeitgedächtnis für Zahlen (Subtest aus dem Psycholinguistischen Entwicklungstest). Kriterium auffällig: T-Wert <40.
  • Kurzzeitgedächtnis für sinnleere Silbensequenzen (Mottier-Test). Kriterium auffällig: „stark reduziertes“ oder schlechteres Ergebnis im Vergleich mit den Altersmittelwerten (Rohwerte) nach Bohny (1981).
  • Sprachfreie auditive Fähigkeiten (Psychoakustisches Testsystem PaTsy mit Aufgaben zur Ermittlung der monauralen zeitlichen Ordnungsschwelle mit Tonfrequenzen, der binauralen zeitlichen Ordnungsschwelle mit Klicks und des gerade noch erkennbaren Unterschieds für Tonintensitäten, Tonfrequenzen sowie die Dauer von Geräuschlücken). Kriterium auffällig lt. Testmanual: mehr als 2 der 5 Einzeltests PR ≤15,8 (entspricht T-Wert <40). Um die Bedeutung der sprachfreien Tests in der Diagnostik von AVWS abzuschätzen, wurden die Daten des PaTsy für die weiteren Auswertungen nicht wie im Testmanual angegeben dichotom verwendet, sondern die Rohwerte für jeden Subtests einzeln analysiert.

Ergebnisse

Außer bei 3 PaTsy-Subtests (binaurale zeitliche Ordnungsschwelle mit Klicks und gerade noch erkennbarer Unterschied für Tonintensitäten wie auch für die Dauer von Geräuschlücken) waren durchweg signifikante Gruppendifferenzen mit jeweils schlechteren Leistungen der klinischen Gruppe nachweisbar. Für diejenigen Tests, bei denen signifikante Gruppendifferenzen bestanden, betrug der prozentuale Anteil der Testergebnisse von >2 SD unterhalb des Altersmittelwerts bei den Kindern mit AVWS zwischen 7 und 83% und bei den Non-AVWS-Kindern zwischen 0 und 8%. In der klinischen Gruppe waren gem. des Kriteriums der Leistungsabweichung von >2 SD unter dem Normmittel am häufigsten auffällig: der Mottier-Test in 83% aller Fälle, das Sprachverstehen im Störgeräusch in 54% und alle Subtests aus dem HLAD ('Phonemanalyse' in 46%; ‚Phonemdifferenzierung' und ‚Phonemidentifikation' in jeweils 41% aller Fälle).

In einer schrittweise Diskriminanzanalyse mit den o. g. Testvariablen wurden die Diagnosegruppen nach 3 Schritten durch folgende Untersuchungsverfahren signifikant getrennt: den Mottier-Test im 1. Schritt, das Sprachverstehen im Störgeräusch im 2. Schritt und den Subtest ‚Phonemdifferenzierung' aus dem HLAD im 3. Schritt. Die aus diesen drei Verfahren abgeleitete Diskriminanzfunktion ermöglichte eine recht gute Klassifikation der Kinder in die vorgegebenen Diagnosegruppen AVWS vs. Non-AVWS: Insgesamt 94,1% wurden korrekt klassifiziert; bei Kreuzvalidierung (d. h. bei Ableitung der Diskriminanzfunktion aus allen Fällen außer den gerade zu klassifizierenden Fall) lag die korrekte Gruppenzuordnung immer noch über 90% (n=77/85; 91%); falsch positiv wurden 4 von 39 Kindern (10,3%), falsch negativ 4 von 46 Kindern (8,7%) gruppiert.

Diskussion

Als gruppendiskriminant erwiesen sich 3 sprachlich-auditive Untersuchungsverfahren, deren Aufgabenanforderungen komplexere Verarbeitungsmechanismen verlangen als die nonverbale auditive Verarbeitung und Wahrnehmung. Auch in der Studie von Wohlleben et al. [3] an 2.- und 3.-Klässlern fiel das Sprachverstehen im Störgeräusch bei normal entwickelten Kindern signifikant besser aus als bei Kindern mit AVWS, ebenso wie der Mottier-Test, die HLAD-Subtests und der HSET-SubtestImitation grammatischer Strukturen (IS)' statistisch signifikant zwischen Kontrollgruppe und AVWS-Kindern zu trennen vermochten. In der Studie von Kiese-Himmel [1], die nur psychometrische (und nicht pädaudiometrische) Tests in ihrer Diskriminanzfunktion für AVWS an 5- bis 10-jährigen Kindern analysierte, erwiesen sich 2 Prüfdimensionen für die Zuweisung der Kinder in die Gruppen „AVWS“ vs. „Non-AVWS“ als statistisch signifikant: Mottier-Test und HSET-Subtest ‚IS'.

Offensichtlich reicht (nach dem differentialdiagnostischen Ausschluss von peripheren Hörstörungen und Intelligenzminderungen) zur ersten Legitimation der klinisch-diagnostischen Entscheidung „AVWS“ die Anwendung von 3 Untersuchungsverfahren aus d.h. Mottier-Test, Sprachverstehen im Störgeräusch und Phonemdifferenzierung (HLAD). Auf eine AVWS weisen bereits 2 auffällige Ergebnisse in diesen 3 Verfahren mit Diskriminanzfunktion hin (Diskrepanzkriterium: ≥1 SD unter der Altersnorm.


Literatur

1.
Kiese-Himmel C. Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen im Kindesalter: eine Schimäre - oder fehlen uns klinisch-nützliche Verfahren zur Diagnosesicherung? Laryngo-Rhino-Otol. 2008;87:791-5.
2.
Nickisch A, Kiese-Himmel C. Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsleistungen 8- bis 10-Jähriger: Welche Tests trennen auffällige von unauffälligen Kindern? Laryngo-Rhino-Otol. 2009;88:469-76.
3.
Wohlleben B, Rosenfeld J, Gross M. Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS). Erste Normwerte zur standardisierten Diagnostik bei Schulkindern. HNO. 2007;55:403-10.