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26. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

11.09. - 13.09.2009, Leipzig

Frequenzmodulations (FM)-Anlagen bei hörgestörten Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen: Anwendungszeitraum, Handhabung und Gründe für den Nutzungsabbruch

Vortrag

  • corresponding author presenting/speaker Saskia Rohrbach - Klinik für Phoniatrie und Audiologie, Charite, Universitätsmedizin Berlin, Deutschland
  • Cornelia Bischof - Klinik für Phoniatrie und Audiologie, Charite, Universitätsmedizin Berlin, Deutschland
  • Werner Hopfenmüller - Institut für Medizinische Statistik, Freie Universität, Berlin, Deutschland
  • author Jochen Rosenfeld - Klinik für Phoniatrie und Audiologie, Charite, Universitätsmedizin Berlin, Deutschland
  • author Manfred Gross - Klinik für Phoniatrie und Audiologie, Charite, Universitätsmedizin Berlin, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 26. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Leipzig, 11.-13.09.2009. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2009. Doc09dgppV09

DOI: 10.3205/09dgpp15, URN: urn:nbn:de:0183-09dgpp154

Published: September 7, 2009

© 2009 Rohrbach et al.
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Zusammenfassung

Hintergrund: Diese retrospektiv-empirische Outcome-Studie untersuchte den Erfolg der Verordnung einer FM-Anlage zur Förderung der Entwicklung der Hör-Sprachfähigkeit im häuslichen Umfeld.

Material und Methoden: Bei 48 Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen wurde abhängig vom Geschlecht, dem Lebensalter, dem Anwendungszeitraum, dem Nutzungszweck und der Schwere der Hörstörung der Erfolg anhand eines halbstandardisierten telefonischen Interviews und der zur gutachterlichen Stellungnahme durchgeführten Untersuchungen erhoben.

Ergebnis: Die FM-Anlage wurde in 48% der Fälle für ein häusliches Hör- und Sprachtraining nicht genutzt, obwohl die technische Zusatzeinrichtung dafür angeschafft wurde. Es zeigte sich bei den Anwendern eine hochsignifikante (p=0,001) Abhängigkeit der Verbesserung der Sprachentwicklung unter Nutzung der FM-Anlage abhängig vom Lebensalter zugunsten eines frühen Beginns sowie eine signifikante Abhängigkeit (p<0,05) von der Durchführung eines häuslichen Spracherwerbstrainings und der Übungsstunden mit FM-Anlage.

Schlussfolgerung: Zur Verbesserung der Behandlung von kindlichen Hörstörungen sowie für das Verordnungsverfahren von FM-Anlagen zur Durchführung eines häuslichen Hör-Sprachtrainings ergeben sich Forderungen, um dem nachgewiesenen Erfolg der Zusatzeinrichtung gerecht zu werden.


Text

Einleitung

FM-Anlagen sind drahtlose Verstärkungssysteme, mit denen Sprache ohne Intensitätsverlust direkt auf Hörgeräte übertragen wird. Sie finden besonders in der Schule, aber auch in der häuslichen Umgebung Anwendung [1], [2]. Bisher gibt es nur wenige Untersuchungen zur Anwendung von FM-Anlagen im Kindes- und Jugendalter über einen längeren Zeitraum [3], [4]. Mit dieser Studie sollte u.a. untersucht werden, welche Gründe für den häufigen Anwendungsabbruch bestehen.

Material und Methoden

Bei der Untersuchung handelt es sich um eine retrospektive Untersuchung, die mit halbstandardisierten telefonischen Interviews durchgeführt wurde.

48 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene (25 männlich, 23 weiblich, zum Zeitpunkt der Befragung im Mittel 16 Jahre, Anwendungsbeginn durchschnittlich mit 10 Jahren) im Alter zwischen 8 und 22 Jahren wurden unter Berücksichtigung der Schwere ihrer Hörstörung in die Studie eingeschlossen. Es wurde erfragt, ob die FM-Anlage generell zum Einsatz kam und wenn ja, zu welchem Nutzungszweck. Die tägliche Nutzungszeit und die Gesamtnutzungsdauer, Tragekomfort, Handhabung, Haltbarkeit, sowie Akzeptanz durch Mitschüler wurden dokumentiert. Die persönliche Entwicklung während der Nutzung der FM-Anlage und eine zusammenfassende Beurteilung wurden von den Eltern erörtert. Besonderes Augenmerk wurde auf den Grund des Abbruchs der FM-Anlagen-Nutzung gelegt.

Ergebnisse

35% der Anwender hatten eine an Taubheit grenzende, 38% eine hochgradige, 23% eine mittelgradige und 4% eine leichtgradige beidseitige Hörstörung, wobei es sich in 94% um eine Schallempfindungsschwerhörigkeit handelte. Die FM-Anlage wurde durchschnittlich 4,5 Jahre genutzt. 54% der Befragten nutzten die Zusatzeinrichtung zum Befragungspunkt nicht mehr, 8% nur noch selten. Die tägliche Nutzungsdauer blieb zu Beginn, nach 3 Monaten sowie zum Befragungszeitpunkt (ca. 6 Jahre nach Anschaffung) konstant bei täglich überwiegend 3–6 Stunden.

Der Hauptnutzungseinsatz fiel mit einem deutlichen Schwerpunkt (75%) auf den Schulunterricht. In der häuslichen Umgebung wurde hingegen die Zusatzeinrichtung eher selten angewendet, da in Situationen wie Fernsehen, bei gemeinsamen Mahlzeiten, bei Besuch mehrerer Personen, Spielen oder bei Ausflügen der zusätzliche Hörgewinn entweder zu gering war, oder das Gerät als störend, unhandlich, lästig und kosmetisch zu auffallend oder stigmatisierend (23% der Anwendungs-Abbrecher) empfunden wurde. Letzteres stellte besonders bei Jungen (65%) und bei Anwendern, die das Pubertätsalter erreichten, ein großes Problem dar. Aber auch von den Nutzern wurden das auffällige Äußere der Geräte sowie die Außensseiterposition, die sie durch Tragen der Zusatzeinrichtung einnahmen, bemängelt. Weitere Gründe für den Anwendungsabbruch waren die Beendigung der Schule und Beginn einer Berufausbildung, die Ablehnung des Lehrpersonals in Schulen/Berufsschulen oder das Wechseln auf leistungsfähigere Hörgeräte, so dass die FM-Anlage nicht mehr erforderlich schien. Der Tragekomfort wurde aufgrund der Kabelverbindungen, Gurt- oder Befestigungsvorrichtungen an der Hose überwiegend als befriedigend (Schulnoten 1–6), die Handhabung von der Mehrzahl mit gut und die Haltbarkeit mit sehr gut bis gut bewertet. Bezüglich der schulischen Entwicklung lässt sich zusammenfassend beurteilen, dass es keinem Schüler während der Nutzung der FM-Anlage gelang, von einer Sonderschuleinrichtung zu einer Regelschule zu wechseln. Die Eltern von 18 Kindern vertraten jedoch die Ansicht, dass sich die schulischen Leistungen nach Anschaffung der FM-Anlage verbessert hätten, 15 sahen keine Änderung, 6 waren sich bezüglich einer schulischen Verbesserung nicht sicher und für 9 Kinder war die Einschätzung nicht möglich, da sie bereits seit Beginn der Schulzeit eine FM-Anlage verwendeten. Mit der Akzeptanz durch Mitschüler, die FM-Anlage im Unterricht zu verwenden, gab es ganz überwiegend (84%) keine Probleme.

Diskussion

Mit dieser retrospektiven Studie konnte gezeigt werden, dass der Hauptnutzungszweck der Anwendung einer FM-Anlage in der Schule liegt. Obwohl die Anwender oder deren Eltern deutliche persönliche Fortschritte beschrieben, die sie auf die Anwendung der FM-Anlage zurückführten, kam es in der Mehrzahl der Fälle aufgrund des Äußeren der FM-Anlage mit dem Gefühl der Stigmatisierung seitens der Anwender (siehe auch [5]), des Tragekomforts oder der Beendigung der Schule bei Beginn einer Berufsausbildung zur Verweigerung oder Beendigung der Anwendung.

Durch regelmäßige Nachkontrollen könnte man den Anwendern den Nutzen dieser Zusatzeinrichtung aufzeigen.


Literatur

1.
American Speech-and-Language-Hearing Association. The use of FM amplification instruments for infants and preschool children with hearing impairment. ASHA. 1991;33 (Suppl. 5):1-2.
2.
Madell JR. FM systems as primary amplification for children with profound hearing loss. Ear Hear. 1992;13(2):102-7.
3.
Benoit R. Home use of FM amplification systems during the early childhood years. Hearing Instruments 1989;40(3):8-12.
4.
Moeller MP, Donaghy KF, Beauchaine KL, Lewis DE, Stelmachowicz PG. Longitudinal study of FM system use in nonacademic settings: effects on language development. Ear Hear. 1996;17(1):28-41.
5.
MacArdle BM, West C, Bradley J, Worth S, Mackenzie J, Bellman SC. A study of the application of a frequency transposition hearing system in children. Br J Audiol. 2001;35(1):17-29.