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GMS Zeitschrift für Medizinische Ausbildung

Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

ISSN 1860-3572

Quo vadis, Tiermedizin? Pro und Contra Tracking ....: Eine Diskussionsgrundlage

Quo vadis, Veterinary Medicine? Pro and Contra Tracking: A Basis for Further Discussion

Positionspapier/position paper Tiermedizin

  • corresponding author Jan P. Ehlers - Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, eLearning-Berater, Hannover, Deutschland
  • author Oliver Stadler - Ludwig-Maximilians-Universität München, Medizinische Kleintierklinik, München, Deutschland
  • author Björn Wilcken - Foren4Vet, Haltern am See, Deutschland
  • author Daniel Möbs - Codiplan, Bergisch-Gladbach, Deutschland
  • author Andrea Tipold - Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, Vizepräsidentin für Lehre, Hannover, Deutschland

GMS Z Med Ausbild 2008;25(4):Doc106

The electronic version of this article is the complete one and can be found online at: http://www.egms.de/en/journals/zma/2008-25/zma000591.shtml

Received: October 15, 2008
Revised: November 10, 2008
Accepted: November 12, 2008
Published: November 17, 2008

© 2008 Ehlers et al.
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Zusammenfassung

Nach Einführung der TAppV, durch einen enormen Wissenszuwachs und durch laufende Änderung der Haltungsbedingungen unserer Nutz- und Haustiere befindet sich die Lehre in der Tiermedizin in einem Umbruch. Als eine der Problemlösungen wird international die Änderung des umfassenden Studiums in eine frühzeitige Spezialisierung diskutiert. Der Ausschuss Tiermedizin der GMA beschreibt drei Studienformen (Generalapprobation, Spezialisierung und Fachtierarztmodell) mit ihren Vor- und Nachteilen, um der Tierärzteschaft eine Diskussionsgrundlage für weitere Erörterungen vorzulegen.

Als Grundvoraussetzung für ein weiteres Vorgehen werden die genaue Beschreibung des tierärztlichen Berufsbildes und die Entwicklung eines einheitlichen Lernzielkataloges gesehen.

Schlüsselwörter: Curriculum, Spezialisierung, Generalapprobation, Lernzielkatalog

Abstract

As the result of the introduction of the TAppV (regulations governing the licensing of veterinarians), enormous growth of knowledge, and the continually changing conditions and uses of working and companion animals, the teaching of veterinary medicine is faced with new challenges. One of the solutions under discussion internationally would include a change from a general licensing program to a program of study with an early focus on one subject, i.e. specialization. The Veterinary Medicine Working Group of the GMA describes three types of curriculum (general license, tracking, postgraduate specialization), with all their advantages and disadvantages, as a basis for discussion within the veterinary medical fraternity.

A precise description of the veterinary profession and a standardized list of learning targets (day-1 skills) will be necessary to advance this discussion.

Keywords: curriculum design, tracking, general licensure, earning targets, day-1 skills


Einleitung

Der tierärztliche Beruf ist sehr vielfältig. Nach Erhalt der Tierärztlichen Approbation können mehrere, verschiedenartige Berufe begonnen werden. Zwischen 50 und 60% der Absolventen sind in der kurativen Praxis tätig [12], die andere Hälfte beschäftigt sich u.a. mit Forschung und Lehre an Universitäten und in der Industrie, mit der Lebensmittelsicherheit oder sind Tierärzte in öffentlichen Ämtern. Tiere werden aus unterschiedlichen Beweggründen gehalten und werden in die beiden Hauptkategorien „Lebensmittellieferende Tierarten“ oder Individualtiere, die meist Begleittiere sind oder in Sport bzw. Zucht eingesetzt werden, eingeteilt. Die Tierhaltung spielt seit langem eine wichtige Rolle in unserer Gesellschaft und unterliegt dabei einem ständigen Wandel. Gerade im Zeitalter der Globalisierung [1] ist eine effektive Seuchenprophylaxe und Lebensmittelqualitätssicherung extrem wichtig. In der westlichen Welt nehmen Haustiere aber auch immer mehr die Rolle eines Familienmitgliedes ein [4] bzw. übernehmen diese Kleintiere wichtige Funktionen für den Besitzer (Blindenhund, Assistenzhund, Polizeihunde etc.), so dass eine erhöhte Nachfrage nach spezialisierter Krankenversorgung besteht. Über die kurative Tätigkeit bei diesen Begleittieren trägt der Tierarzt wesentlich zum Wohlbefinden der Tierhalter bei [19], [6].

Die Association of American Veterinary Colleges [18] hat in einem so genannten „Foresight Report“ eine Vorhersage für die Tiermedizin in den nächsten 20 bis 25 Jahren entwickelt. Als grundsätzliche tierärztliche Eigenschaften werden hier Mitgefühl, Expertise, Menschlichkeit, Urteilsvermögen, Fürsorge und Verständnis genannt. Insgesamt zeigt die Studie acht Zukunftsvisionen (siehe Tabelle 1 [Tab. 1]) von einer idyllischen Versorgung von Nutz- und Begleittieren über eine gemeinsame Human- und Tiermedizin bis zu den Auswirkungen einer globalen Pandemie auf.

Laut dieser Studie sollten im tiermedizinischen Studium zukünftig neben fachlichen Themen auch Kommunikation, Führungskompetenzen, kulturelle Kompetenzen, zwischenmenschliche Kompetenzen und ethische Werte vermittelt werden.

In diesen extremen Zukunftsbildern sieht es die AAVMC ohne deutliche Studienzeitverlängerung als nicht möglich an, die Tiermedizin als Gesamtpaket zu vermitteln. Daher schlägt sie vor, dass die Bildungsstätten sich auf einzelne Themen fokussieren, also ein „Tracking“ einführen, um den Lehr- und Lernumfang für die Studierenden zu reduzieren. Ein nationaler Plan soll die Spezialisierungen der Bildungsstätten koordinieren und für ein zentrales Monitoring sorgen. Die Zulassung zum Studium erfolgt nach dem Spezialisierungswunsch. Eine Zusammenarbeit von Bildungsstätten kann auch übergreifende Spezialisierungen ermöglichen, da es pro College nur ein oder wenige Spezialgebiete geben kann. Ebenso würde die Approbation nur für das jeweilige gewählte Fachgebiet gelten.

Durch diesen sowohl für die USA als auch für Kanada gemeinsam vorgeschlagenen Plan, soll sich die Tiermedizin an die gesellschaftlichen Bedürfnisse anpassen und mehr Absolventen für neue Aufgaben und Rollen ausbilden. Eine enge Kooperation mit der Humanmedizin ist dabei vorstellbar und ein Institut für vergleichende Medizin ist geplant. Das öffentliche Ansehen und der Status von Tiermedizinern soll eine Stärkung erfahren.

Als wichtige Voraussetzung für die Umsetzung wird ein umfangreiches Angebot an Weiterbildungen und Spezialisierungswechseln gesehen, wobei hier der Einsatz von neuen Medien und Fernlehre als unersetzlich erscheint.

Auch in Europa und Deutschland wird seit längerer Zeit die Frage nach den Ausbildungsinhalten des tiermedizinischen Studiums und dem Grad an frühzeitiger Spezialisierung gestellt [9], [7]. Um eine allgemeine Approbation zu erhalten, ist von der EU allerdings eine Höchstgrenze der Spezialisierung bei 20% vorgesehen (IV.a.1, [5]). In der klinischen Ausbildung gehen die europäischen Universitäten mit ganz unterschiedlichen Modellen an diese Grenze heran [13], [16], [17]. Die tatsächliche Spezialisierung findet postgradual national in Form des Fachtierarztes [15] und europaweit koordiniert über eine Collegeausbildung [8] zum European Diplomate statt.


Methodik

Auch für die Tiermedizin in Europa und speziell in Deutschland stellt sich die Frage, wie in einem tiermedizinischen Curriculum mit ständig wachsendem Wissen [14], den sich ändernden Anforderungen an die Absolventen, und die gesellschaftliche Rolle der Tiermedizin umgegangen werden soll.

Hierbei stehen vor allem drei Modelle zur Diskussion:

1. Traditionelle Generalapprobation

Dies momentan verwendete System verschafft den Studierenden einen Überblick über die gesamte Tiermedizin, wobei eine Spezialisierung bis 20% möglich ist. Nach Erlangen der Approbation dürfen alle Bereiche der Tiermedizin praktisch ausgeübt werden.

2. Tracking

Hierunter wird die Spezialisierung auf eine Tierart oder Berufsrichtung (z.B. Lebensmittelüberwachung) während des Studiums verstanden. Nach einem gemeinsamen Grundstudium über einen definierten Zeitraum werden in nur einem Gebiet vertiefte Kenntnisse vermittelt bzw. je nach Grad und Ausmaß der Spezialisierung auch andere Gebiete gelehrt. Die Approbation gilt nur für ein Gebiet, ein Wechsel ist später nur durch erneute Weiterbildung oder Kurse möglich. Dieses System schlägt die AAVMC in ihrer Studie vor.

3. Fachtierarztmodell

Dieses Modell ist analog zum Facharztmodell mit Krankenkassenzulassung in der Humanmedizin [2] angelegt. Hierbei wird durch das Studium eine Generalapprobation (s.o.) erlangt, die zur Ausübung des tierärztlichen Berufes in Anstellung ermächtigt. Für eine Niederlassung in eigener Praxis ist allerdings zuerst das Erlangen eines Fachtierarzttitels notwendig.

Anlässlich der GMA-Jahrestagung 2008 in Greifswald haben sich im PreConference-Workshop "Tiermedizin" sechs GMA-Mitglieder mit den drei Modellen auseinandergesetzt und die Vor- und Nachteile als Diskussionsgrundlage für die Tierärzteschaft herausgearbeitet.

An einer kurzfristig organisierten Diskussion in dem tiermedizinischen Online-Forum "Foren4vet" haben 15 Studierende, Tierärztinnen und Tierärzte in einem Zeitraum von zwei Tagen vor dem Workshop ebenfalls Argumente für und gegen die drei unterschiedlichen Studiensysteme gesammelt. Insgesamt 31 Forenteilnehmer nahmen an einer Abstimmung zu der Frage "Welches Modell bevorzugen Sie?" teil.


Ergebnisse

Sowohl in Foren4Vet als auch während des Workshops wurden sehr ähnliche Argumente für und gegen die einzelnen Modelle gefunden, wobei deutlich wurde, dass jedes einzelne Modell gewisse Vor- und Nachteile in sich birgt, die vorsichtig in einem zukünftigen Prozess gegeneinander abgewogen werden müssen.

Generelle Faktoren

Es gilt bei der Abwägung von Spezialisierung gegen eine breite Fächerung einige Faktoren zu beachten. Es stellt sich immer wieder die Frage nach der Flexibilität, die sowohl den individuellen Berufswechsel einzelner, als auch das gesellschaftliche oder politische Bedürfnis in bestimmten Bereichen berücksichtigen sollte. Um den Zugang organisierbar zu halten, muss bereits vor Studienbeginn eine umfassende Information der Bewerber über alle tiermedizinischen Fachbereiche erfolgen. Dabei muss beachtet werden, dass während des Studiums immer wieder Dozierende im Sinne eines Vorbildes den Weg der Studierenden beeinflussen. Die Frage, ob es möglich sei, ein gemeinsames human- und tiermedizinisches Grundstudium zu gestalten, kann wegen der sehr großen fachlichen Unterschiede nicht bejaht werden, wobei eine enge Kooperation und Nutzung von Synergien, wie es bereits in Forschung und Lehre auch geschieht, als wünschenswert angesehen wird. Die Gehaltsaussichten und das Selbstverständnis der Tierärzteschaft werden als generelles Problem angesprochen, ebenso in wieweit alle Spezialisierungsmöglichkeiten einer gleichwertigen staatlichen Förderung entgegenblicken. Aufgrund der immensen Wichtigkeit von Wissenschaft, Forschung, lebenslangem Lernen und evidenzbasierter Lehre in der Tiermedizin wird es als wichtig erachtet, den universitären Status der Tiermedizin auf jeden Fall zu erhalten.

Vorteile Generalapprobation

In diesem Modell wird ein breit gefächertes, aber nicht vertiefendes Wissen vermittelt, das die Absolventen befähigt, alle Berufsfelder direkt nach dem Studium auszunutzen. Damit stehen ihnen alle Möglichkeiten offen und ebenso ein leichter Wechsel. Dieses Modell entspricht dem klassischen Tierarztbild und tatsächlich wird in der kurativen Praxis auch das meiste vermittelte Wissen benötigt. Eine Spezialisierung ist trotzdem bis zu 20% möglich. Den Studierenden eröffnet dieses System die Möglichkeit einer späten Berufsfeldentscheidung und den Tierärztinnen und Tierärzten jederzeit einen Wechsel von einem Tätigkeitsfeld zum anderen - theoretisch ohne zwingende Fortbildung.

Nachteile Generalapprobation

Da es einen enormen Wissenszuwachs in den letzten Jahren in der Veterinärmedizin gegeben hat, können nicht alle Fächer vertiefend gelehrt werden, es wird also kein spezialisiertes Wissen in der Grundausbildung vermittelt. Die Gestaltung einer praktischen Ausbildung an den Bildungsstätten in Kleingruppen ist deutlich schwieriger. Außerdem besteht hier die Gefahr, dass durch die Lehre von „Steckenpferdgebieten“ einzelner Dozenten wertvolle Zeit für Grundlagenwissen verloren geht.

Nach dem Studium besteht ein hoher Weiterbildungsbedarf, ein sofortiger Berufseinstieg ist möglich, wird aber meist nur im Angestelltenverhältnis ohne Primärverantwortlichkeit angeraten. Spezialisierung und Zusatzqualifikation erfolgen erst nach der Approbation. Bei sofortiger Niederlassung in eigener Praxis besteht die Gefahr des Handelns ohne ausreichendes Wissen und Können.

Vorteile Tracking

Durch eine frühzeitige Spezialisierung kann trotz des enormen Wissenszuwachses in der Veterinärmedizin ein Fachgebiet vertiefend gelehrt werden. Dadurch, dass ungewollte Disziplinen bzw. Tierarten weggelassen werden können, steigt die Motivation der Studierenden. Das Studium wird schlanker, die praktische Ausbildung kann in Kleingruppen ohne Probleme erfolgen und es wird eine bessere Ausbildung und höhere Qualifikation erreicht. Die Wahl des Faches erfolgt aufgrund einer Zukunftsperspektive, und nicht weil die Prüfung eventuell leichter ist. Es sind auch Kombinationen von Spezialisierungen denkbar, wobei dadurch die individuelle Studienzeit erhöht wird.

Ein sofortiger Berufseinstieg wird durch dieses Modell ermöglicht und das praktische Können ist deutlich erhört.

Da dieses System Parallelen zum Bachelor/Master (BA/MA)-Modell beinhaltet, sollte auf jeden Fall über die Möglichkeit eines Ausstiegs-BA nach dem Grundstudium nachgedacht werden.

Nachteile Tracking

Die Studierenden müssen bei diesem Modell ein Fach gezielt wählen und sich früh für einen Berufsweg entscheiden. Ein Jobwechsel, eine Umorientierung oder auch eine Veränderung im Alter ist schwierig. Es müssen Weiterbildungen angeboten werden, um einen solchen Wechsel zu ermöglichen. Es besteht die Gefahr einer übersteigerten Spezialisierung („Fachidiotie“), die z.B. zu Versorgungsmängeln oder Problemen bei den Notdiensten führen kann.

Die unterschiedliche volkswirtschaftliche Relevanz einzelner Tracks ist zu beachten und frühzeitig zu diskutieren.

Vorteile FTA-Modell

Dieses Modell ist vergleichbar mit der Humanmedizin und dort etabliert. Es verbindet die Vor- und Nachteile der beiden vorherigen Systeme. Ein breites Wissen wird im Studium vermittelt und die vertiefende Ausbildung postgradual absolviert. Die Wahl des Faches erfolgt nach dem Interessensgebiet oder auch aufgrund wirtschaftlicher Aspekte.

Auf eine EU-weite Regelung (z.B. innerhalb von Residency-Programmen) ist zu achten, die dazu führen muss, dass durch entsprechende Anforderungen nicht nur die praktische Ausbildung gefördert wird, sondern dass durch geforderte Publikationen das Fach in der Forschung vorankommt und eine ständige Weiterentwicklung in Richtung Evidenz basierter Tiermedizin geschieht.

Nachteile FTA-Modell

Dieses System sorgt für lange Ausbildungszeiten und hohe Hürden hin zu einer Praxisgründung. Es bietet für Absolventen zunächst keine Alternativen zu einer Anstellung, wobei hier wirtschaftliche Aspekte zu berücksichtigen sind. Schwierigkeiten werden vor allem für Gemischtpraxen oder die nebentätige Fleischbeschau deutlich.

Für dieses Modell muss es eine Anzahl von Ausbildungszentren mit einheitlichen nationalen und internationalen Regelungen geben, die einen gemeinsamen Ausbildungskatalog haben. Unterschiedliche, für Tierbesitzer verwirrende Bezeichnungen (z.B. FTA, Diplomate) müssen vermieden werden.

Neben der umfangreichen postgradualen Weiterbildung wird es schwer, die Forschung im Fach weiter voranzutreiben, wenn nicht eine forschungsbezogene Komponente wie beim Residency-Programm vorgeschrieben wird.

Die Meinung der Studierenden und der Tierärzteschaft im Forum zeigte eine deutliche Tendenz zur traditionellen Generalapprobation (siehe Abbildung 1 [Abb. 1]).

Bei der Sammlung der Vor- und Nachteile zu den einzelnen Modellen ist deutlich geworden, dass bestimmte Voraussetzungen erreicht werden müssen, bevor über eine weitere Gestaltung des tiermedizinischen Curriculums diskutiert werden kann:

  • Die tiermedizinischen Berufsbilder, auf die durch die Bildungsstätten vorbereitet wird, müssen exakt definiert und zukunftsorientiert ausgerichtet werden (Status quo z.B. Praxis (Klein- und Heimtiere, Pferde, Nutztiere, gemischt), öffentliches Veterinär-wesen, Lebensmittel, Forschung, Industrie).
  • Einheitliche Lernzielkataloge bzw. Festlegung der „Day-one-Skills“ müssen entstehen bzw. zwischen den Bildungseinrichtungen abgeglichen werden. Die Einheitlichkeit sollte nur bis zu einem bestimmten Detailgrad erfolgen, um danach Individualität zu ermöglichen.
  • Einheitliche Abschlussprüfungen sollten zumindest diskutiert werden.
  • Die Forschungsrelevanz in der Tiermedizin ist unumstößlich.

Diskussion

Im Vergleich zur Foresight-Studie der AAVMC sollte in diesem Workshop keine einheitliche Empfehlung, sondern eine Grundlage für weitere Diskussionen in der Tierärzteschaft entstehen. Während dieses Prozesses sind einige Grundvoraussetzungen sehr deutlich geworden. Zunächst sollten die tiermedizinischen Berufsbilder entwickelt werden, auf die das Studium vorbereiten soll. Anhand dieser Vorgaben ist es dann möglich, Lernzielkataloge und Day-One-Skills zu entwickeln, aufgrund derer die Vorbereitung auf den Beruf stattfindet. Hierbei ist kein nationales sondern ein Europäisches Vorgehen erstrebenswert.

Für bestimmte Gebiete der Tiermedizin werden bereits Absolventen gesucht. Es erscheint sinnvoll, einige Fachrichtungen sichtbar miteinander zu verknüpfen; einerseits, um die Akzeptanz im Studium zu erhöhen, andererseits um die Realität der Berufspraxis deutlicher abzubilden. Ein Anfang ist im so genannten Querschnittsunterricht [3] bereits gegeben, in dem z.B. eine Verknüpfung von Nutztiermedizin und Lebensmittelqualität gefordert wird.

Die volkswirtschaftliche Relevanz der Tiermedizin wird aber nicht nur in den entscheidenden Gebieten der Lebensmittelqualität und Tierseuchenprophylaxe deutlich. Allein die Hundehaltung hat einen Anteil von 0,22% am bundesdeutschen Bruttosozialprodukt, was einem Fünftel der deutschen Landwirtschaft entspricht, und bindet ca. 100.000 Arbeitsplätze [11]. Daher ist es für den europäischen Raum sehr wichtig, dass die Tiermedizin weiterhin auf einem hohen Niveau von Forschung und Wissenschaft weiterentwickelt und unterrichtet werden kann.

Bei der Diskussion um eine frühzeitige Spezialisierung muss stets beachtet werden, wie mit einem Wechsel der Spezialisierung und dem Problem der ausgewogenen und gerechten Verteilung der Bewerber auf die verschiedenen Fachrichtungen umzugehen ist.

Die Mitglieder der Sektion Tiermedizin der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (http://www.gesellschaft-medizinische-ausbildung.org) stellen sich gerne den Fachverbänden und Gremien der Tiermedizin für eine weitere Diskussion zu diesem Thema zur Verfügung.


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