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GMS Medizin — Bibliothek — Information.

Arbeitsgemeinschaft für Medizinisches Bibliothekswesen (AGMB)

ISSN 1865-066X

Mut zur Innovation – 2. Münsteraner Zukunftskolloquium für Medizinbibliotheken

Tagungsbericht

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  • corresponding author Doris Bonora - Bibliothek der Medizinischen Universität, Graz, Österreich

GMS Med Bibl Inf 2010;10(2):Doc19

DOI: 10.3205/mbi000202, URN: urn:nbn:de:0183-mbi0002028

Published: November 18, 2010

© 2010 Bonora.
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Tagungsbericht

Vom 28. bis zum 29. Juni 2010 folgten 16 Teilnehmer aus Deutschland, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz zum zweiten Mal dem Aufruf von Oliver Obst zum Münsteraner Zukunftskolloquium für Medizinbibliotheken in die Zweigbibliothek Medizin der Universität Münster (Abbildung 1 [Abb. 1]).

Nach einer herzlichen Begrüßung mit musikalischer Begleitung wurden die Teilnehmer gebeten, ihre Themen und Fragen zur Medizinbibliothek der Zukunft zu formulieren. Aus diesem Ergebnis und aus den thematischen Vorgaben der Einladung zum Workshop ergaben sich die drei Hauptdiskussionspunkte des Kolloquiums: Strategie, Studierende und Web 2.0, die durch drei Kurzreferate der geladenen Gäste und des Hausherren zusätzliche Impulse bekommen sollten.

Durch das Gegenüberstellen der Themen aus beiden Jahren wurde offensichtlich, dass es noch immer einige Dauerbrenner in der Frage nach der Zukunft der Medizinbibliotheken gibt. Zu den bereits 2006 aufgestellten Themen wie Budget, Marketing, Wissensvermittlung und Bibliothek als Ort, kamen noch die neuen Punkte Strategie und Soziale Netzwerke hinzu.

Oliver Obst eröffnete mit seinem Referat „Following the paths of library users in redesigning library spaces“ zum Thema Strategie den schon vor 4 Jahren bewährten Mix aus Impulsreferaten, offenen Diskussionen und Gruppenarbeit. Es folgten heiße Diskussionen über die neuen Anforderungen an Medizinbibliotheken. Als wesentliche Aufgaben sahen die Teilnehmer die Definition von Zielgruppen, unterstützt durch eventuelle Umfragen und die klare Positionierung, um sich Verbündete innerhalb des Fakultäts-, Klinik- und Pflegepersonals zu suchen. Es ist ein klarer Trend zu erkennen, dass Bibliothekare bereit sind zu diesem Zweck die Bibliothek zu verlassen und ihre Kunden im Rahmen von Roadshows und Hausbesuchen aufzusuchen. Die lebhafte Diskussion über die Sinnhaftigkeit, die Ressourcen der Bibliothek über ein einziges Portal zur Verfügung zu stellen, endete in der Erkenntnis mehrere Wege zum Bibliotheksbenutzer zu suchen und somit Werkzeuge des Web 2.0 zu nutzen und anzubieten. Oliver Obst gab einen kurzen Überblick über seine Erfahrung mit Webblogs, RSS-Feeds, Facebook und als neueste Entwicklung Twitter als Kommunikationskanal für die Bibliothek. Weiters wurde angeregt das teilweise mangelnde Wissen über Marketinginstrumente im Rahmen eines Workshops bei einer AGMB-Tagung zu erweitern. Als sehr wichtig wurde der Aspekt erachtet, den Mitarbeitern die Möglichkeit zu bieten, innerhalb ihrer Arbeitszeit Innovationen zu entdecken und auszuprobieren und somit neugierig zu bleiben, auch auf die Gefahr hin, dass sich nicht jede Neuerung für die Anwendung im Bibliotheksalltag als sinnvoll erweist. Die Teilnehmer kamen darin überein, dass es im Routinegeschäft schwer durchführbar ist, diese Neugierde zu leben. Der Einwurf von Guus van der Brekel, Informationsspezialist der Medizinbibliothek der Universität von Groningen, dass für sein „Experimentieren“ 20 Prozent seiner Arbeitszeit vorgesehen sind, rief bei den Teilnehmern großes Erstaunen hervor. Das wiederum regte die Diskussion darüber an, was von der Routinearbeit weggelassen werden kann, um Platz für neue Aufgaben zu schaffen.

Das zweite große Thema dieses Workshops „Studierende“ wurde von Anna Schlosser, der Leiterin der Medizinbibliothek Careum in Zürich und Vorstandsmitglied der AGMB moderiert.

Zur Einführung zeigte Anna Schlosser mit einem Video von der Yonsei Samsung Library in Südkorea und Bildern des Rolex Learning Centers in Lausanne zur Realität gewordene Visionen moderner Bibliotheken.

Die Bibliothek der Zukunft wird immer mehr „Meeting Place“ für Studierende, d.h. dass sich die Bibliothek verstärkt auf die Bedürfnisse dieser Benutzergruppe einstellen muss. Studentische Forderungen wie Öffnungszeiten rund um die Uhr, Ruheräume in Form von Lounges, eine umfassende Lehrbuchsammlung und ein zusätzliches, großes E-Book-Angebot, Skillslabs, ein großzügiges PC-Angebot mit Helpdesk, selbst gestaltbare Räume und eine möglichst zentrale Lage am Campus stellen die Bibliotheken vor große Herausforderungen. Der damit verbundene Umbau bestehender Bibliotheken muss, wie die Teilnehmer in einer anschließenden Führung durch die Räumlichkeiten der Münsteraner Medizinbibliothek sehen konnten, nicht immer sehr kostspielig sein, auch ein Umbau in kleinen Schritten führt zur Anpassung der Räumlichkeiten an die studentischen Bedürfnisse. So entstanden in ehemaligen Zeitschriften-Magazinen neue Arbeitsplätze, erweiterter Platz für die Lehrbuchsammlung und sogar eine Ruhezone, die sich, wie sich die Besucher selbst überzeugen konnten, großer Beliebtheit bei den Studierenden erfreut. Bei der anschließenden Diskussion über das E-Book-Angebot der Bibliotheken schieden sich die Geister zwischen jenen Bibliotheken, die über die nötigen Mittel verfügen, ihren Studierenden die Verlagspakete anbieten zu können, und jenen, die noch immer darauf warten, dass die Verlage vernünftige, d.h. nicht unrealistisch überteuerte Einzeltitellizenzen anbieten. Hier wurde eine Zusammenarbeit mehrerer Bibliotheken zur Erstellung einer gemeinsamen Strategie angedacht.

Am Abend wurden die Teilnehmer im Haus und Garten des Gastgebers und seiner Frau kulinarisch und musikalisch verwöhnt – ein großes Dankeschön an Oliver Obst.

Am zweiten Tag des Workshops wurde in Gruppenarbeit die Planung einer Medizinbibliothek durchgedacht. Die erste Gruppe plante aus der Sicht der Studierenden mit 20 Mio. Euro für den Bibliotheksbau und 2 Mio. Euro für den Sachbedarf, wobei 10% für Personalkosten umgewidmet werden durfte. Auffällig war, wie sich die Gruppenmitglieder mit großer Freude mit den Studierenden identifizierten und versuchten die Devise „alles, sofort und für alle“ umzusetzen. Die zweite Gruppe, die die Wissenschaftler vertrat, verfügte über einen Personaletat von 2 Mio. Euro, von dem 10% für Sachmittel umgewidmet werden durfte. Baumittel gab es keine. Genauso gegensätzlich wie die Vorgaben waren dann auch die Lösungen, wobei auffiel, dass die Gruppen entweder das Festhalten an herkömmlichen bibliothekarischen Aufgaben von Literaturbeschaffung und Informationsvermittlung bevorzugten oder auf bibliothekarische Dienstleistungen völlig verzichteten, indem fast sämtliche Vorgänge automatisiert oder outgesourct wurden.

Mit Spannung wurde von allen Teilnehmern der Vortrag von Guus van der Brekel mit dem Titel „Web 2.0 – Emerging Technologies“ erwartet. Nach der Devise gestern noch gebloggt, heute schon getwittert, wurde den Teilnehmern in eindrucksvoller Weise vermittelt wie schnelllebig die zahlreichen Anwendungen im World Wide Web sind. Kann es sich eine Bibliothek noch leisten nicht in Facebook vertreten zu sein? Ist Twittern als zusätzliches Kommunikationsangebot für die Bibliothekskunden unerlässlich? Wie werden sich die Angebote der Bibliothek durch Emerging Technologies und Digital Divide verändern? Wird der Benutzer mit der Hilfe von Augmented Reality alle wichtigen Informationen zur Bibliothek über sein Handy angezeigt bekommen, ohne die Homepage der Bibliothek aufzurufen, geschweige denn die Bibliothek zu betreten? Wer ist der digitale Experte der Zukunft und sind die, die nicht auf den Web 2.0-Zug aufspringen die digitalen Dummies der Zukunft?

Ist von den neuen Technologien die Rede, spürt man eine deutliche Verunsicherung der Bibliothekare. Das Bewusstsein ist aber vorhanden, dass man sich dem Web 2.0 nicht verschließen darf, wenn man in Zukunft für die Benutzer präsent sein möchte. Dazu wird es unerlässlich sein darüber nachzudenken, welche der traditionellen Aufgaben einer Bibliothek weggelassen werden können, um sich vermehrt den neuen Technologien zu widmen. Werden Web 2.0-Defizite erkannt, sollte das in Weiterbildungsmöglichkeiten des Personals münden.

Aufbruchsstimmung und Verharren im Bewährten spiegeln die Ambivalenz im Bibliotheksbereich wider – das 2. Münsteraner Zukunftskolloquium hat Mut gemacht, sich mit Innovationen auseinanderzusetzen, sie auszuprobieren und bei der Bewährung im Bibliotheksalltag in der Zukunft anzuwenden.

Das Kolloquium klang mit einer Führung des Hausherrn durch die Räumlichkeiten der Bibliothek aus. Die Teilnehmer konnten sich von einer von den Studierenden rege genutzten Fachbibliothek überzeugen, in der Kommunikation und Innovation gelebt wird.