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GMS Mitteilungen aus der AWMF

Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF)

ISSN 1860-4269

Aufruf der AWMF: Aktionsbündnis zur Stärkung einer wissenschaftlich orientierten Medizin bilden

Mitteilung

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GMS Mitt AWMF 2009;6:Doc5

DOI: 10.3205/awmf000178, URN: urn:nbn:de:0183-awmf0001784

Published: February 19, 2009

© 2009 Müller.
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Zusammenfassung

Das Präsidium der AWMF hat alle Träger der medizinisch-biologischen Wissenschaften und der Forschungsförderungsorganisationen zur Bildung eines Aktionsbündnisses aufgerufen, das zur Stärkung einer wissenschaftlich orientierten Medizin in Forschung, Lehre und Berufsausübung in Deutschland führen soll.


Text

Die in der AWMF zusammengeschlossenen wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften wenden sich mit diesem Aufruf in Sorge um den Erhalt einer wissenschaftlichen Medizin und die Umsetzung klinischen Fortschritts in die Patientenversorgung an die interessierte Öffentlichkeit, an die verantwortliche Politik und nicht zuletzt auch an die Universitäten und Fakultäten.

Die Medizin ist in allen ihren Ausprägungen ein wissenschaftliches Fach. Daher verlangt die Tätigkeit als Arzt eine strikt wissenschaftlich orientierte Handlungsweise. Die enormen Fortschritte der Medizin in der Methodik der Gewinnung von Erkenntnissen und ihrer Anwendung erfordern es zwingend, dass die angehenden Ärzte während ihres Studiums mit der wissenschaftlichen Systematik ihrer Studienfächer vertraut gemacht werden, denn sie müssen während ihres gesamten Berufslebens neue wissenschaftliche Erkenntnisse richtig einschätzen und in ein fachspezifisches Konzept einordnen können. Mit der Vermittlung der Systematik der einzelnen Fächer wird den Studierenden auch die wissenschaftliche Kritikfähigkeit vermittelt, die später die Sicherheit der Patienten gewährleistet.

In allen Abschnitten des Studiums bedarf es der Vermittlung des Zusammenhangs von Grundlagenwissenschaften und klinischen Problemen. Ein Studium, das sich im Wesentlichen an einfachen sog. praktischen Ausbildungszielen orientiert, ist dazu ungeeignet. Die Unterrichtung am Krankenbett ist wichtig, lässt häufig aber nicht mehr ausreichenden Raum für ein systematisches, fächerspezifisches Lehrangebot, zumal wegen fehlender Vorkenntnisse der Studierenden der „Lehreffekt“ unzureichend ist. Diese fehlende Systematik bedroht nicht nur die sog. kleinen Fächer und kann auch durch Querschnittsveranstaltungen nicht ausgeglichen werden. Die derzeit gültige Approbationsordnung für Ärzte erwähnt zwar die wissenschaftlichen Grundlagen der Medizin und verlangt, die Ausbildung darauf basieren zu lassen, es ist aber sehr deutlich, dass die wissenschaftlichen Ausbildungsziele gegenüber den praktischen, die häufig ebenfalls nur unzureichend vermittelt werden, als nachrangig gesehen werden. Gerade in den klinischen Fächern trägt eine systematische Unterweisung der Studierenden wesentlich zum Verständnis der fächerspezifischen wissenschaftlichen Prinzipien bei und muss wieder verstärkt zu einem Bestandteil des Studiums werden. Im klinischen Teil des Studiums erkennen die Studierenden auch ihre Präferenzen für spätere Entwicklungsmöglichkeiten, sei es in den weitgehend forschungsorientierten Grundlagenfächern der Medizin oder in einem der klinischen Fächer mit oder ohne Integration klinischer Forschung.

Die zukünftigen Hochschullehrer in der Medizin müssen durch systematische Einweisung in die Prinzipien wissenschaftlichen Arbeitens auf ihre spätere Tätigkeit vorbereitet werden. Dementsprechend muss das Interesse an wissenschaftlichem Arbeiten bereits während des Studiums geweckt und durch Forschungstätigkeiten in den Grundlagenfächern der Medizin, wie z.B. Physiologie, Genetik, Immunologie, Pharmakologie, praktisch umgesetzt werden. Eine unzureichend wissenschaftlich fundierte Unterweisung wird das ohnehin jetzt schon geringe Interesse des medizinischen Nachwuchses an Forschung noch verstärken, so dass künftig kein hinreichend wissenschaftlich ausgebildeter medizinischer Nachwuchs für eine zukunftsorientierte Forschung in der Medizin zur Verfügung stehen wird. Dies hätte auch für die Gesellschaft gefährliche Konsequenzen.

Für eine qualifizierte Ausbildung des ärztlichen Nachwuchses in den Grundlagenfächern der Medizin ist es von großer Bedeutung, dass diese durch medizinisch ausgebildete Hochschullehrer erfolgt, da nur so das Verständnis für den Krankheitsbezug der Inhalte dieser Fächer vermittelt werden kann. Es erfordert aber auch, dass anders als in der jüngeren Vergangenheit wieder Ärzte den Weg in die Einrichtungen der medizinischen Grundlagenfächer finden, um den Studierenden fachkundig zu vermitteln, welch sinnvolle Funktion die medizinischen Grundlagenwissenschaften für ihre spätere berufliche Tätigkeit haben, zumal das klinische Medizinstudium wegen der derzeitigen primären Ausrichtung auf die spätere Berufstätigkeit die Methodik wissenschaftlicher Arbeit nicht im erforderlichen Ausmaß vermittelt.

Hinzu kommt, dass das mangelnde Interesse junger Ärzte an den Grundlagenfächern nicht zuletzt darin begründet ist, dass die materiellen Anreize dort derzeit völlig unzureichend sind und dringend einer Anpassung an die Einkommensmöglichkeiten der klinisch tätigen Ärzte bedürfen.

Aus all diesen gravierenden Defiziten und Fehlentwicklungen ergeben sich für die AWMF folgende Konsequenzen bzw. Forderungen:

1.
Die ärztliche Berufsausübung erfordert eine Ausbildung der Studierenden, die sicherstellt, dass das gesamte Potential der medizinischen Wissenschaft den Patienten auch in Zukunft zur Verfügung steht.
2.
Die Ausbildung in den klinischen Fächern bedarf grundsätzlich einer Systematik, die durch Unterricht am Krankenbett ergänzt, aber nicht ersetzt werden kann.
3.
Wissenschaftliche Forschung in allen medizinischen Fächern erfordert eine hohe Kompetenz für deren Prinzipien. Diese werden in den Grundlagenfächern der Medizin vermittelt, um sie mit Erfolg auf klinische Forschung übertragen zu können
4.
Die Unterweisung der Studierenden in den Grundlagenfächern der Medizin muss durch Lehrkräfte erfolgen, die über eine medizinische Expertise verfügen und befähigt sind, die für die ärztliche Tätigkeit relevanten Beziehungen herzustellen. Die materiellen Voraussetzungen, qualifizierte medizinisch ausgebildete Wissenschaftler für diese Forschungs- und Lehrtätigkeit zu gewinnen, sind derzeit auf allen Ebenen unzureichend und bedürfen dringend der Korrektur

Die AWMF lädt dazu ein, sich an diesem Aktionsbündnis zu beteiligen und an der Umsetzung der geschilderten Erfordernisse mitzuwirken.