gms | German Medical Science

2. Kooperationsforum Intelligente Objekte und Mobile Informationssysteme im Gesundheitswesen

Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS

03.05. - 04.05.2011, Erlangen

Mensch-Maschine-Schnittstellen – Ethische und Soziale Implikationen

Meeting Contribution

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  • corresponding author Peter Pharow - Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT, Ilmenau, Deutschland
  • author Martina Lucht - Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT, Ilmenau, Deutschland

2. Kooperationsforum Intelligente Objekte und Mobile Informationssysteme im Gesundheitswesen. Erlangen, 03.-04.05.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2012. Doc11iis08

DOI: 10.3205/11iis08, URN: urn:nbn:de:0183-11iis088

Veröffentlicht: 3. Mai 2012

© 2012 Pharow et al.
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Gliederung

Text

Eine besonders wichtige Dimension im Kontext des vermehrten Einsatzes von Technologien in der Gesundheitsversorgung ist das Verhältnis von Technologien, Recht, Ethik und sozialen Aspekten in einer sich wandelnden Gesellschaft. Dabei müssen ausgehend von den verschiedenen möglichen Szenarien und Situationen (AAL, Krankenhaus, ambulante Pflege) insbesondere die Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine betrachtet werden, Dies setzt eine Analyse der Situation der Betroffenen sowie der eingesetzten Technik voraus, die ihrerseits wiederum die Konsequenzen für den Einsatz der Technologien (Maschinen und Geräte der Makro-, aber auch der Mikroelektronik) in diesem Umfeld betrachtet. Der Begriff der Schnittstelle ist daher sowohl technisch als auch nicht-technisch zu verstehen. Der Beitrag schließt mit einem Ausblick auf dafür erforderliche und teils auch zu erwartende Entwicklungen.

Einführung und Problemdefinition

Der Bereich der Logistik befasst sich lt. eigener Definition mit der Organisation, der Steuerung, der Bereitstellung und der Optimierung von Prozessen der Güter-, Informations-, Energie-, Geld- und Personenströme entlang von Wertschöpfungs- und Lieferketten. Wenn hingegen von Logistik im Zusammenhang mit Personen – gleich in welcher Rolle – die Rede ist, darf aber ein besonders wichtiger Fakt nicht vergessen werden – eine betroffene Person ist kein simples, passives Objekt, dessen Bewegung entlang einer solchen Kette betrachtet wird. Vielmehr ist diese Person stets der aktive Teil, ist die treibende Kraft – die Prozesse müssen daher die handelnde Person immer im Mittelpunkt sehen und strikt auf sie ausgerichtet sein. Schließlich spricht die Gesellschaft heute bereits über personalisierte Gesundheitsdienste (Stichwort pHealth), über adaptive und adaptierbare Systeme und über einen Paradigmenwechsel hin zu einer wachsenden Personen- bzw. Patientenzentrierung (Shared Care). Dabei spielen nicht-technische Aspekte wie der organisatorische Datenschutz, die Wahrung der Privatsphäre, die Ethik, die gesellschaftliche und persönliche Moral sowie die soziale Einbindung und die Akzeptanz der notwendigen logistischen Prozesse durch den Betroffenen hierbei die wesentliche Rolle. Schließlich und endlich sollten die Schnittstellen zwischen dem Betroffenen und den ihn umgebenden Maschinen so gestaltet werden, dass sich die Maschine, das Gerät an ihn und nicht er an sie anpasst. Letzteres ist in vielen Anwendungs- und Aufgabenfeldern heute leider bei weitem noch nicht der Fall.

Wer sind die „Menschen“ im Bereich der Patientenlogistik? Es wird dabei stets von den „Betroffenen“ gesprochen. Dazu zählen bei der Betrachtung von aus dem Einsatz moderner Technologien und Schnittstellen resultierenden Implikationen alle Beteiligten am Prozess: die Patienten und ihre Angehörigen, das gesamte medizinische Personal, aber zunehmend auch technisches und administratives Personal im Gesundheits- und Sozialwesen. Der Kreis der Betroffenen wird im Sinne der modernen Telematik, der Telemedizin und der ambienten Intelligenz (Stichwort ubiquitäre Gesundheitsdienste) eher größer. Daher ist es aus der Sicht der Autoren nicht sinnvoll, sich bei der Betrachtung der komplexen Problembetrachtung auf einzelne Szenarien zu fokussieren. Vielmehr lassen sich an vielen Stellen Beispiele aus verschiedenen Situationen (Routinebetrieb, Notfall; Krankenhaus, Hausarzt; Rehabilitation, stationäre und ambulante Pflege; AAL usw.) ansprechen und analysieren. Dabei macht eine ständig steigende Erwartungshaltung des Patienten an die Versorgung den Sachverhalt nicht eben einfacher – man denke hier an verschiedene frühere und heutige TV-Serien, an deren immer freundliches Personal, welches trotz eigener teils echter, teils handgemachter Restriktionen immer Zeit hat und stets eine Lösung für alle Probleme hat, aber auch an eine steigende Erwartungshaltung des medizinischen Personals an sich selbst (Stichwort „Dr. House“).

Die aus diesen Fakten resultierende Betrachtung des Problems geht daher eher der Frage nach, was beachtet werden sollte bzw. muss, damit modernste Technik im Gesundheits- und Sozialwesen den betroffenen Menschen wirklich einbezieht und ihn quasi „mitnimmt“. Wie viel Technik darf bzw. muss dabei sein? Wann fühlt sich der Betroffene der Technik ausgeliefert, wann empfindet er sie als sinnvoll? Dabei spielt es für die Beantwortung der Fragen ungeachtet verschiedener Positionen im Prozess der Versorgung keine wesentliche Rolle, ob man eher den Patienten oder eher das medizinische Personal im Fokus der Aufmerksamkeit sieht – die Probleme existieren objektiv.

Stand der Dinge

Eine vom Fraunhofer IIS (SCS) durchgeführte Innovationsstudie zur Patientenlogistik beschäftigte sich hauptsächlich mit der Fragestellung, wie eine serviceorientierte und wirtschaftliche Patientenlogistik im Krankenhaus ausgestaltet sein muss. Zu den wesentlichen Zielausrichtungen der derzeitigen Situation bzw. Ausrichtung in der Patientenlogistik gehört danach die Wirtschaftlichkeit (90%) und die Patientenorientierung (88%). Aktuelle Handlungsoptionen (Potenzial für Verbesserungen) wurden eher in den Bereichen Terminierung (77%) und Verantwortungsübergang (59%) gesehen. Diese Ergebnisse unterstreichen eindeutig die Notwendigkeit, bei jeder technischen Entwicklung auf die Akzeptanz der Betroffenen zu achten (Patientenorientierung, Verantwortungsübertragung).

Blickt man auf die Entwicklungsperspektiven der nächsten Jahre, dann liegen die Herausforderungen im Gesundheits- und Sozialwesen in den eher „weichen“ Dimensionen wie Prozess-, Qualitäts-, Service-, Mitarbeiter- und Patientenorientierung. Es wird also noch stärker als in der Vergangenheit auf die systematische Verbesserung der medizinischen Kernprozesse und Kernkompetenzen ankommen. Diese sind naturgemäß sehr stark mit den Betroffenen verbunden. Spielen die Akzeptanz, das Vertrauen, die Zufriedenheit der Betroffenen daher nicht mindestens eine ebenso große und bedeutende Rolle? Was fördert bzw. ver- oder zumindest behindert denn die Akzeptanz neuer Technologien in der Gesellschaft im allgemeinen und im Bereich des Gesundheits- und Sozialwesens im besonderen?

Da findet sich zum einen die sehr reale Gefahr des Datenmissbrauchs. Verschiedene Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit (Stichwort Arbeitnehmerdatenschutz bei Discountern, Facebook, StudiVZ, SchülerVZ, SONY usw.) lassen die Betroffenen an der Sicherheit und der Rechtmäßigkeit von Datenerhebungen und deren Sicherung / Sicherheit zweifeln. Neben der strikten Zweckbindung muss stets ein Mehrwert für die Betroffenen existieren, dieser kann materiell oder immateriell sein – er muss aber beidseitig wirken (Win-Win-Situation).

Genau bei dieser dynamischen, komplexen Mischung von technischen, logistischen, ethischen, sozialen und gesellschaftlichen Aspekten setzt die Aufgabe an, sich der Fragestellung des Verhältnisses von logistischen Prozessen auf der einen Seite und der aktiven Einbeziehung der Betroffenen auf der anderen Seite zu widmen. Mangelndes Technikverständnis der Betroffenen und daraus resultierendes Fehlen eines realistischen Technikvertrauens bewirken oft eine mangelnde Technikakzeptanz. Dies widerspricht aber den Zielen des Einsatzes der modernen medizinischen Gerätetechnologie, die sowohl den Patienten als auch den Mitarbeitern die direkte (Diagnose, Therapie, Pflege) wie auch die indirekte Arbeit (Administration) erleichtern und diese sicherer, schneller und effizienter machen helfen sollen.

Nach der Betrachtung der aktuellen Situation und der Anforderungen auch aus Sicht von sich änderndem Datenschutzrecht auf EU-Ebene (eine Verordnung statt eines Gesetzes und damit weitaus weniger Handlungsspielraum für die Mitgliedsstaaten) könnte aus Sicht der Autoren ein Zwischenfazit wie folgt formuliert werden: Die Entwicklung und der sichere Einsatz der Maschinen, Geräte, Technologien, Schnittstellen usw. (u.a. auf Basis von Standards wie ISO 80001) erfolgt noch immer nach inhaltlich determinierten Prämissen (Ziel ist es z.B., Geld zu sparen, das technisch Machbare umzusetzen, oder das wissenschaftlich Herausfordernde anzugehen). Doch wo bleibt da der betroffene Mensch? Ist das wissenschaftlich und technisch Machbare immer auch das gesellschaftlich und politisch Akzeptierte? Stehen Ethik und Moral auf der einen Seite und die Technik auf einer anderen? Schließen sie sich aus oder sind sie, vernünftig eingesetzt, nur zwei Seiten einer Medaille namens „Patientenzufriedenheit“?

Quo vadis?

Die Funktionalität von Medizintechnik und logistischer Prozessketten) ist zweifellos wichtig. Ergänzt durch die Adaptivität, die Adaptierbarkeit, die Personalisierung (Profil) sowie die Nachvollziehbarkeit der technischen Vorgänge ist zusätzlich die Akzeptanz bei Personal, Patient, Angehörigen und weiteren Betroffenen leichter möglich. Dazu kommen Nützlichkeit und Nutzerfreundlichkeit. Zusätzlich kann die Akzeptanz der Betroffenen durch Maßnahmen wie ihr rechtzeitiges Einbeziehen, die Pseudonymisierung bzw. sogar Anonymisierung der erhobenen Daten (wo immer dies möglich ist), die Nutzung gesetzlicher Vorgaben und Möglichkeiten statt der Einwilligung, die Analyse und die valide Interpretation der Daten oder die Erhebung kleiner Mengen von Daten (Datensparsamkeit, Datenvermeidung) gefördert werden.

Durch diese Art der die Akzeptanz fördernden Einschränkungen bei der Datenerhebung „fehlen“ eventuell einige wenige Daten, auf welche die bisher genutzten Informationssysteme Zugriff hatten und die für eine Auswertung sowohl im Sinne des Individuums (Personal Health) als auch hinsichtlich von Aspekten im Bereich von Public Health relevant sind. Diese Daten können oftmals aber anderweitig generiert oder durch neue Informationsbereiche kompensiert werden. Da wäre einmal die Nutzung der klassischen Statistiken wie Registerinformationen im Hinblick auf neue interdisziplinäre Forschungsfragen. Ein zweiter Aspekt ergibt sich aus der Einbeziehung von – aus Sicht des Gesundheits- und Sozialwesens – neuen Quellen von Informationen, wie z.B. Wetterdaten, Eventinformationen, Wohnumfeld, Verkehrsmittel.

Typischer Weise sind Wetterdaten und damit der Einfluss des Wetters auf das Wohlbefinden relevant für Allergiker und werden in diesem Sinne auch bereits seit Langem genutzt. Das Wetter beeinflusst aber nicht nur Risikogruppen, sondern alle Personen, wenn auch auf differenzierte Weise (bei Luftdruckschwankungen, bei extremer Hitze oder Kälte, beim Wechsel der Jahreszeiten und den damit verbundenen, unterschiedlich langen Phasen von Licht und Dunkelheit, oder bei der jährlich stattfindenden Umstellung auf Sommer- bzw. Winterzeit). Daraus resultierend kann die Kenntnis von Risikowetterlagen und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft die Planung von Notfall- und Bereitschaftsdiensten erleichtern helfen. Hierbei ergänzen sich sinnvoll Technik, Informationstechnologie, statistische Auswertungen, Informationen aus verschiedenen Quellen und die Interpretation durch den Menschen.

Fazit

Mensch und Maschine (Gerät, Technologie) sind über verschiedenste technische und nicht-technische Schnittstellen miteinander verbunden. Der Mehrwert dieser Verbindung muss für alle Beteiligten (Betroffenen) auf den ersten Blick verständlich und leicht nachvollziehbar sein.

Zur effizienten Kombination dieser technischen und nichttechnischen Schnittstellen wird die Erstellung eines entsprechenden Kriterienkatalogs als Ergebnis einer interdisziplinären Forschung (Arbeitsgruppe) als erforderlich angesehen.

Dieser Katalog kann und soll zur Einbeziehung bekannter und vorhandener, aber in diesem Zusammenhang völlig neu interpretierbarer Arten von Daten führen (z.B. Wetter nicht nur bei Allergien; Zahl von Notfällen und Neuerkrankungen im Pflege- und Heimbereich nach Besuchs- und Feiertagen; Einfluss von länger bzw. kürzer werdenden Tagen auf die Stimmung und damit auf die Gesundheit; Kinder sind keine kleinen Erwachsenen und benötigen daher eine differenzierte Behandlung und Betreuung).

Neben der wissenschaftlichen und technischen Machbarkeit, ist auch die Akzeptanz der Betroffenen ein wesentlicher Faktor für technische Innovationen im Gesundheitsbereich. Für die Akzeptanz sollten die komplexen Alltagssituationen der Betroffenen berücksichtigt und angemessen abgebildet sein. Dieser Aufwand beinhaltet die Chance, neue, innovative Konzepte und Datenquellen zu nutzen, die nicht dem Datenschutz und den damit verbundenen Datenschutzregularien unterliegen (z.B. Wetterdaten, Großveranstaltungen, Nutzung von Verkehrsmitteln usw.). Was benötigt wird, sind die Akzeptanz fördernde und die Betroffenen einbeziehende „Schnittstellen“, wo immer Menschen und Maschinen interagieren.