gms | German Medical Science

2. Kooperationsforum Intelligente Objekte und Mobile Informationssysteme im Gesundheitswesen

Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS

03.05. - 04.05.2011, Erlangen

Mobile Vernetzung von Angehörigen pflegedürftiger Personen und ambulanten Pflegediensten

Meeting Contribution

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  • corresponding author Simone Binner - Wirtschaftsinformatik II, Universität Erlangen-Nürnberg, Nürnberg

2. Kooperationsforum Intelligente Objekte und Mobile Informationssysteme im Gesundheitswesen. Erlangen, 03.-04.05.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2012. Doc11iis06

DOI: 10.3205/11iis06, URN: urn:nbn:de:0183-11iis060

Veröffentlicht: 3. Mai 2012

© 2012 Binner.
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Gliederung

Text

Das deutsche Pflegewesen steht, bedingt durch den demografischen Wandel, zunehmend unter Druck. Prognosen des Statistischen Bundesamtes zufolge wird die Anzahl an Pflegebedürftigen von nun 2,25 Millionen auf bis zu 3,4 Millionen in 2030 wachsen [1]. Da gleichzeitig die Anzahl an jüngeren Menschen zurückgeht, steigt der Anteil der Pflegebedürftigen an der Gesamtbevölkerung [1]. Die Anzahl qualifizierter Mitarbeiter und räumlicher Einrichtungen entwickelt sich nur moderat [2], weshalb das Pflegewesen vor der Herausforderung steht, mehr Patienten pro Mitarbeiter betreuen zu müssen. Der strukturelle Wandel der Familien, insbesondere die steigende Berufstätigkeit von Frauen, verstärkt den Druck auf die Pflegedienste noch weiter [3]. Zudem führen rückläufige Geburtenzahlen dazu, dass sich die Pflege der Eltern und Großeltern auf weniger Kinder verlagert [4]. Um trotz dieser Herausforderungen eine hohe Qualität der Pflege zu garantieren, sind Effizienzsteigerungen unabdingbar. Diese können durch den Einsatz von IT, der eine zielgerichtete Übertragung und Bereitstellung von Informationen ermöglicht, erzielt werden. Für die ambulante Pflege sind insbesondere mobile IT Lösungen interessant, da sowohl die Eingabe als auch der Empfang der Daten unabhängig von Ort und Zeit erfolgt.

Forschungsprojekte in der Vergangenheit haben sich auf die Entwicklung mobiler Lösungen für Pflegedienste der Vernetzung der einzelnen Akteure konzentriert. Im Rahmen des Forschungsgebietes Ambient Assisted Living werden zudem mobile Assistenzsysteme für Pflegebedürftige entwickelt. Dieser Beitrag fokussiert sich auf die Vernetzung von Pflegediensten und Angehörigen über mobile Services. In der ambulanten Pflege übernehmen Angehörige oft einen großen Teil der Pflege und werden dadurch zu Experten für die Betreuung. Sie gewinnen Informationen, die für den gesamten Pflege- und Behandlungsprozess von hoher Bedeutung sind. Somit ist eine optimale Versorgung der Angehörigen mit Hilfestellungen auf der einen und die Nutzung deren Expertenwissen auf der anderen Seite die Grundlage für eine Qualitätssteigerung in der Pflege. Aus diesem Grund werden, basierend auf bestehenden mobilen IT-Lösungen für das Pflegewesen, zwei mobile Applikationen für Angehörige und Pflegedienste entwickelt.

Zur Bestimmung der Anforderungen von Pflegediensten und Angehörigen wurden insgesamt 18 Experteninterviews geführt. Aus diesen sowie einer Literaturrecherche erfolgt die Ableitung von sieben funktionalen Anforderungen von Pflegediensten (Einsparung von Zeit- und Kosten, Unterstützung einer fehlerfreien Dokumentation, Strukturierung und Priorisierung von Informationen, Zugang zu (medizinischem) Wissen, Erleichterung der Kommunikation, Unterstützung der Koordination, Verbesserung der Flexibilität) und vier Anforderungen von Angehörigen (Erleichterung der Kommunikation, Bereitstellung von Informationen, Unterstützung der Koordination, Zugang zu (medizinischem) Wissen).

Anschließend werden Prozesse im Pflegewesen, die Potenzial für eine Unterstützung durch EDV aufweisen, nach den Aufgabenbereichen Administration und Dokumentation, Planung und Steuerung, Durchführung der Pflege, Medikamenten- und Hilfsmittelmanagement sowie Notfallmanagement gegliedert und mithilfe des Standards Business Process Modeling Notation (BPMN) modelliert. Der Schwerpunkt der Modellierung liegt auf der Darstellung und Analyse von Informationsflüssen zwischen unterschiedlichen Akteuren im Pflegewesen. Der Modellierung folgt eine Analyse der Prozesse, um aus den vorher abgeleiteten Anforderungen Potenziale für mobile Services abzuleiten. Aus den modellierten Ist-Prozessen und den identifizierten Potenzialen erfolgt die Entwicklung eines Portfolios für mobile IT Services. Dieses umfasst 21 mobile Services, die von Erinnerungsfunktionen, über eine Kommunikationsunterstützung bis hin zu mobile Learning reichen.

Die einzelnen Services werden in einem nächsten Schritt konzeptionell zu jeweils einer Applikation für Angehörige und einer Applikation für Pflegedienste gebündelt. Die mobile Applikation für Angehörige adressiert aktiv pflegende Personen, Angehörige, die koordinierend an der Pflege beteiligt sind sowie Angehörige, denen es nicht möglich ist, sich an der Pflege bzw. deren Koordination zu beteiligen. Dementsprechend ist die Applikation in drei Bereiche untergliedert, die den Anwendern, je nachdem welche Rolle sie in der Pflege wahrnehmen, Informationen in unterschiedlichen Detailierungsgraden bereitstellen. Zudem unterstützen Services die Angehörigen bei Koordinationsaufgaben und der aktiven Pflege. Durch das Bereitstellen von Informationen über getätigte Pflegemaßnahmen, den Gesundheitszustand des Pflegebedürftigen und zu erledigende Aufgaben, wie das Vereinbaren von Arztterminen, stärkt die Anwendung das Sicherheitsgefühl der Angehörigen. Das Konzept für die Anwendung für Pflegedienste umfasst neben den gängigen Leistungserfassungs- und Dokumentationsfunktionen, Services, die das Medikamenten- und Hilfsmittelmanagement unterstützen sowie wissensbasierte Funktionen, wie ein eingebundenes Pflegewiki und eine Informationsplattform für Pflegehilfsmittel. (Abbildung 1 [Abb. 1], Abbildung 2 [Abb. 2])

Um das System plattformunabhängig zu gestalten und einer Vielzahl von Nutzern eine synchrone Datenbasis zur Verfügung zu stellen, wird das System als Client-Server-Architektur realisiert. Eine Client-Applikation für Angehörige wird für Android-Smartphones und eine Client-Applikation für Pflegedienste für Android-Tablets prototypisch umgesetzt. Die Anwender in dieser Branche sind in der Regel wenig IT-affin und haben daher eine tendenziell kritische Einstellung gegenüber mobilen Informationstechnologien. Die integrierten mobilen Lösungen orientieren sich an den analysierten Prozessen und unterstützen den Nutzer durch flexible Kombinationen einzelner Services in seinen Aufgaben. Durch die intuitive Oberfläche und Menüführung, wird die Komplexität des Systems verborgen. Ziel der Anwendung ist, dass der Nutzer diese als ganzheitliche Lösung wahrnimmt.

Die Server-Applikation, über welche die Clients Patientendaten abrufen und untereinander austauschen, wird unabhängig von diesen auf einem Server oder in der Cloud gehostet. Sie stellt damit die Schnittstelle zwischen Datenbasis und Clients dar und kann von zentralen Anbietern bereitgestellt werden. Dadurch entfällt die Notwendigkeit für Pflegedienste sich leistungsstarke Hardware anzuschaffen. Zudem ist es mithilfe einer Administrationsoberfläche möglich, je nach Wunsch des Patienten und abhängig von den Informationsbedürfnissen des Angehörigen, individuell angepasste Informationen freizugeben.


Literatur

1.
Statistisches Bundesamt. Demografischer Wandel in Deutschland. 2010.
2.
Statistisches Bundesamt. Entwicklung der Anzahl von Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten seit 1999. 2008.
3.
Cornelißen W, ed. Gender-Datenreport – 1. Datenreport zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der Bundesrepublik Deutschland. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; 2005.
4.
Hasseler M, Meyer M. Ambulante Pflege: Neue Wege und Konzepte für die Zukunft. Professionalität erhöhen – Wettbewerbsvorteile sichern. Hannover: Schlütersche; 2004.