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9. Symposium Health Technology Assessment

Deutsche Agentur für HTA des DIMDI – DAHTA@DIMDI

17. - 18.10.2008, Köln

Betreuung von MS-Patienten in Deutschland

Meeting Abstract

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  • Judith Haas - Abteilung für Neurologie, Jüdisches Krankenhaus Berlin, Klinik für Neurologie, Berlin

9. Symposium Health Technology Assessment. Köln, 17.-18.10.2008. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2008. Doc08hta21

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/hta2008/08hta21.shtml

Veröffentlicht: 14. Oktober 2008

© 2008 Haas.
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Gliederung

Abstract

Die Multiple Sklerose ist die häufigste entzündliche Erkrankung des Nervensystems in den westlichen Industrieländern. In Deutschland sind 120.000 Menschen betroffen. Die Erkrankung manifestiert sich bevorzugt in jungem Erwachsenenalter, zu einem Zeitpunkt wo die Lebensplanung im Hinblick auf Beruf, Familie und Altersvorsorge noch nicht abgeschlossen ist. Im Laufe des Lebens tritt aber bei 90 % der Betroffenen eine fortschreitende Behinderung ein mit erheblichen sozialmedizinische Konsequenzen durch vorzeitige Berentung und gegebenenfalls jahrzehntelange Pflegedürftigkeit .

Die Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung. 75 % der Erkrankten sind Frauen. Genetische Empfänglichkeit und der Kontakt mit einem infektiösen Agens in der frühen Kindheit sind nach den heutigen Erkenntnissen die Voraussetzung für die Entstehung der Autoimmunität, die sich im Laufe des Lebens durch unterschiedliche Triggermechanismen begünstigt manifestiert. Die Multiple Sklerose galt bei der Mehrzahl der Neurologen bis in die 90er Jahre als nicht behandelbar und nur 10 % der MS-Kranken erhielten eine immunologische Therapie. Dementsprechend lag der Schwerpunkt der Versorgung bei den Hausärzten. Funktionsbehindernde Schübe oder sekundäre Komplikationen wurden in den neurologischen Kliniken behandelt und darüber hinaus gab und gibt es sog. Spezialkliniken für MS die im wesentlichen hochspezialisierte Rehabilitationsbehandlungen anboten..

Die Einführung der modernen hochpreisigen Immuntherapien bedeutete eine neue Herausforderung der Neurologen im Hinblick auf die Betreuung der MS-Kranken. Die Verordnung der neuen Immuntherapien liegt nahezu ausschließlich in der Hand der Neurologen und muss den Kostenträgern als Praxisbesonderheit angezeigt werden, da sie in der Regel zu Budgetüberschreitungen führt. Es gründeten sich rasch bundesweit Qualitätszirkel für Multiple Sklerose insbesondere um die indikationsgerechte Verordnung zu gewährleisten. In den nächsten Jahren werden weitere hochpotente Immuntherapien den Markt ereichen, die eine besondere Sorgfalt in der Indikationsstellung und der Überwachung erfordern .

Die vor mehr als 50 Jahren gegründete Deutsche Multiple Sklerosegesellschaft (DMSG), eine der größten Selbsthilfeorganisationen, hat über Jahrzehnte ein beeindruckendes Netzwerk geschaffen, dass die MS-Betroffenen nicht nur in sozialen Belangen berät, sondern auch die Entscheidungsgremien des Gesundheitssystems mit den medizinischen und sozialen Ansprüchen der MS-Kranken konfrontiert. Nach Einführung der modernen Immuntherapien hat der wissenschaftliche Beirat der DMSG Leitlinien zur Immuntherapie publiziert. Das bundesweite MS-Register wurde eingerichtet um die Versorgungssituation der MS-Kranken zu erfassen. Inzwischen sind die Daten von mehr als 15.000 MS-Kranken erfasst.

Der wissenschaftliche Beirat der DMSG erhebt die Forderung, dass es spezialisierten Zentren vorbehalten sein soll, MS-Kranke zu betreuen und die Indikation zu Therapien zu stellen und sie auch im Verlauf zu überprüfen. Die DMSG verleiht solchen Zentren ein Zertifikat und überprüft an Hand der Dokumentation, ob diese Kliniken bzw. Schwerpunktpraxen diese Bedingungen erfüllen. Die MS-Betroffenen werden im Internet über die teilnehmenden Zentren informiert, die damit einen Wettbewerbsvorteil haben.

Aktuell liegt die Betreuung der MS-Kranken schwerpunktmäßig nach wie vor in der Obhut der niedergelassenen Neurologen .Die so genannte integrierte Versorgung wurde bisher nur in zwei Modellprojekten realisiert. Einem weitgespannten Projekt mit Hilfe des BND (Bund Deutscher Nervenärzte) und einem lokalen Projekt der Universität Gießen. Das Ziel die Versorgungsqualität der MS-Kranken zu bessern kann innerhalb solcher Projekte erreicht werden. .Die Rahmenbedingungen sind aber noch unter verschiedenen Aspekten problematisch, nicht nur was die zeitaufwändige Dokumentation angeht. Es kommt auch zu einer Wettbewerbsituation zwischen allen an der Versorgung beteiligten Gruppen.

Der § 116 b eröffnet den Kliniken die Möglichkeit sich an der ambulanten Versorgung der MS-Kranken zu beteiligen. Dies trifft in Ballungsregionen mit hoher Neurologendichte auf erhebliche Widerstände und in Flächenländern verhindert der auch in den Kliniken bestehende Mangel an Fachärzten diese Versorgungsstrukturen.

Der Wettbewerb um die Kostenträger und die Patienten wird den Arzt aber in eine Situation bringen, die hohe ethische Anforderungen erfordert. Der chronisch kranke MS-Patient wird als Kunde definiert, der zwar einen Arzt oder eine Klinik wählen kann. Über das Produkt Behandlung entscheidet dann aber der Arzt, der wiederum von wirtschaftlichen Aspekten in einem Budget gebundenen System beeinflusst wird. Hier einen Königsweg zu finden ist die Aufgabe der Zukunft.