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9. Symposium Health Technology Assessment

Deutsche Agentur für HTA des DIMDI – DAHTA@DIMDI

17. - 18.10.2008, Köln

HTA-Bericht: Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit von verhaltensbezogenen Maßnahmen zur Prävention des Zigarettenrauchens

Meeting Abstract

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  • Andrej Rasch - Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften AG 5, Gesundheitsökonomie und Gesundheitsmanagement, Bielefeld

9. Symposium Health Technology Assessment. Köln, 17.-18.10.2008. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2008. Doc08hta11

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/hta2008/08hta11.shtml

Veröffentlicht: 14. Oktober 2008

© 2008 Rasch.
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Gliederung

Abstract

Hintergrund

Die negativen gesundheitlichen Auswirkungen des Zigarettenrauchens sind unzweifelhaft nachgewiesen. Allein in Deutschland wird die Zahl der durch Zigarettenkonsum jährlich verursachten Todesfälle auf 110.000 bis 140.000 und die jährlichen Kosten auf 17 bis 21 Mrd. Euro geschätzt. Die Mehrheit der Raucher nimmt diese Gewohnheit bereits im Jugendalter auf. Dieser Aufnahme wird versucht unter anderem mit verhaltensbezogenen Interventionen früh entgegenzuwirken.

Zielsetzung

Ziel dieses HTA-Berichts ist die Erstellung einer umfassenden Literaturübersicht zu verhaltensbezogenen Maßnahmen in der Primärprävention des Zigarettenrauchens hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit.

Methodik

Relevante Publikationen wurden über eine strukturierte Datenbankrecherche sowie mittels Handrecherche identifiziert. Die Literaturrecherche erstreckte sich von August 2001 bis August 2006. Die Zielpopulation waren Kinder und Jugendliche bis zum vollendeten 18. Lebensjahr.

Ergebnisse

Von insgesamt 3580 Treffern erfüllen 37 medizinische Studien mit einem Nachbeobachtungszeitraum zwischen zwölf und 120 Monaten die Einschlusskriterien. Die Studienqualität ist zufrieden stellend, allerdings berichtet nur die Hälfte der Studien differenziert über die Neuraucherquote, während die übrigen Studien andere Outcomes verwenden. Die Wirksamkeit einzelner Präventionsprogramme stellt sich als sehr heterogen dar. Insgesamt kann langfristig eine moderate Reduktion der Neuraucherquote beobachtet werden, die sich für „Community“- und sektorübergreifende Interventionen deutlicher und langfristiger darstellt als für reine Schulinterventionen. Die Datenlage zu einzelnen Interventionskomponenten ist jedoch sehr eingeschränkt. Nur drei ökonomische Modellierungsstudien zur Untersuchung von Wirtschaftlichkeit bei schulbasierten verhaltensbezogenen Maßnahmen können berücksichtigt werden. Die Ergebnisse dieser Studien lassen nur tendenziell auf eine positive Kosteneffektivität von schulbasierten Interventionen schließen.

Diskussion und Schlussfolgerung

Insgesamt lässt sich festhalten, dass verhaltensbezogene Präventionsprogramme grundsätzlich in der Lage sind die Aufnahme des Rauchens zu verhindern bzw. zu verzögern, auch wenn die Reduktion der Neuraucherquote lediglich moderat ist. Eine Ergänzung bestehender Schulpräventionsprogramme durch geeignete „Community“-Interventionen erscheint notwendig, um die Wirksamkeit verhaltensbezogener Strategien zu steigern. Da keine der methodisch verlässlichen Studien Teilnehmer bis in das Erwachsenenalter nachverfolgt, müssen Aussagen über die Nachhaltigkeit als eingeschränkt angesehen werden. Die Übertragbarkeit internationaler Ergebnisse auf deutsche Verhältnisse ist limitiert, da lediglich eine Studie aus Deutschland eingeschlossen werden konnte. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass international entwickelte Programme auch in Deutschland anwendbar sind, sofern sie entsprechend an die regionalen Bedürfnisse angepasst werden. Die verfügbare Evidenz ist nicht ausreichend, um verlässliche Aussagen über die Wirtschaftlichkeit zu treffen.

HTA-Addendum „Föderale Strukturen und damit verbundene verhaltensbezogene Maßnahmen zur Prävention des Zigarettenrauchens“

Resultierend aus dem Mangel an qualitativ hochwertigen Publikationen im deutschen Kontext besteht die Zielsetzung dieses Addendums darin, einen Überblick über das föderale Präventionssystem in Deutschland und die damit verbundenen Maßnahmen zur verhaltensbezogenen Raucherprävention zu geben. Zusätzlich zur Erfassung wesentlicher Präventionsstrukturen wird eine Analyse der im Dezember 2007 im PrevNet-Netzwerk und auf den Internetseiten anderer relevanter Landeseinrichtungen verfügbaren Projektinformationen durchgeführt. Eine schriftliche Befragung der Knotenpunkte, weiterer Ländereinrichtungen und einer Auswahl gesetzlicher Krankenkassen ergänzt die Untersuchung.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass die Maßnahmenpalette im Bereich der Primärprävention des Rauchens zahlreiche Aktivitäten und Kampagnen der Bundesregierung, verschiedener nationaler Organisationen, Koordinierungs- und Fachstellen auf Landes- und Kommunalebene sowie gesetzlicher Krankenversicherungen umfasst. Auf der länderübergreifenden Ebene existieren mehrere Institutionen und Einrichtungen (wie z.B. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ)), die einen Beitrag zur Verhinderung des Raucheinstiegs leisten. Auf der Landesebene gibt es fachliche Zusammenschlüsse in Form von Arbeitsgemeinschaften oder Ausschüssen, die den organisatorischen Rahmen für Planungen und Koordination im Rahmen der Tabakprävention bilden. Auch auf kommunaler Ebene existieren institutionalisierte Strukturen in Form von Fachstellen oder Ausschüssen. Die gesetzlichen Krankenkassen und ihre Verbände tragen im Rahmen des § 20 SGB V ebenfalls zur Unterstützung der Präventionsaktivitäten bei. Zu den bekanntesten bundesweiten Kampagnen oder Maßnahmen zählen: „Rauchfrei“, „Be Smart – Don't Start“, „Klasse 2000“, „ALF“, „Just be smokefree“. Diese universellen Konzepte werden zum Teil auch auf der Landes- und Kommunalebene aufgegriffen. Zusätzlich zu übergreifenden Ansätzen werden länderspezifische Maßnahmen und Dachkampagnen entwickelt und durchgeführt. Auch in den Kommunen gibt es zahlreiche Aktivitäten im Bezug auf Tabakprävention. Das am häufigsten gewählte Setting auf allen föderalen Ebenen und in der GKV ist die Schule. Die Ergebnisse zeigen eine bundesweit besonders starke Verbreitung des schulischen Wettbewerbs „Be smart – Don’t Start“ sowie die damit verbundene Unterstützung und Koordination durch Landeseinrichtungen und Krankenkassen. In vielen Fällen ist die Rauchprävention ein Teil von umfassenden, substanzübergreifenden Kampagnen, die neben verhaltensbezogenen auch verhältnisbezogene (rauchfreie Einrichtungen) oder sekundärpräventive (Tabakentwöhnung) Elemente enthalten. Der deutliche Mangel an hochqualitativen und langfristigen Ergebnisevaluation wird bestätigt. Es können keine zusätzlichen Studien für die Bewertung der verhaltensbezogenen Interventionen der Tabakprävention in Deutschland identifiziert werden. Es besteht somit ein großer Forschungsbedarf bezüglich der langfristigen Wirksamkeit und Kosteneffektivität von bereits durchgeführten und geplanten Maßnahmen.