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MAINZ//2011: 56. GMDS-Jahrestagung und 6. DGEpi-Jahrestagung

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e. V.
Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie e. V.

26. - 29.09.2011 in Mainz

Ein Ansatz für Prospektives Health Technology Assessment (ProHTA)

Meeting Abstract

  • Martin Sedlmayr - Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen
  • Marion Gantner-Bär - Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen
  • Peter Kolominsky-Rabas - Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen
  • Hans-Ulrich Prokosch - Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen

Mainz//2011. 56. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 6. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi). Mainz, 26.-29.09.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11gmds522

DOI: 10.3205/11gmds522, URN: urn:nbn:de:0183-11gmds5227

Veröffentlicht: 20. September 2011

© 2011 Sedlmayr et al.
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Gliederung

Text

Health Technology Assessment bezeichnet ein Vorgehen zur systematischen Bewertung neuer Technologien, Verfahren und Methoden im Gesundheitswesen. Da das Verfahren auf den Ergebnissen evidenzbasierten Studien basiert, kann es im Allgemeinen erst nach der Entwicklung bzw. Einführung einer neuen Technologie retrospektiv angewendet werden [1].

Das Projekt „Prospective Health Technology Assessment“ (ProHTA) zielt auf die Einrichtung einer wissenschaftlichen Dienstleistungsplattform zur Bewertung innovativer Gesundheitstechnologien bereits im Vorfeld ihrer Entwicklung bzw. Markteinführung. Bereits in der Frühphase des Innovationsprozesses sollen die potenziellen Auswirkungen auf die medizinischen und organisatorischen Prozesse simuliert werden.

Dabei werden zwei Typen von Fragestellungen unterschieden. Zum einen lassen sich die Auswirkungen durch die Veränderung heutiger Abläufe – beispielsweise durch die Einführung einer neuen Technologie – simulieren und bewerten („Was verändert sich durch die Einführung von...?“). Zum anderen können bei Vorgabe einer gewünschten Veränderung im Outcome Rückschlüsse auf die dazu notwendigen Prozessveränderungen treffen lassen (Hypothesenbildung, „Wie müsste eine Technologie aussehen, dass...?“).

Dazu erarbeitet ProHTA das für das prospektive Assessment notwendige Wissen über Akteure, Prozesse, Effekte und Kosten. Zunächst wird unter Nutzung semantischer Technologien eine umfangreiche Datenbasis z.B. aus Dokumenten der medizinischen Versorgungsforschung, Leitlinien, Erfahrungsberichten aufgebaut.

Auf Basis dieses Datenmaterials werden konzeptionelle Modelle mit Hilfe der Unified Modelling Language (UML) erstellt. Beispielsweise werden Leitlinien formalisiert, klinische Daten über Process Mining erschlossen und typische Pfade mit Klinikern spezifiziert. Die Einzelmodelle werden in einem iterativen Verfahren zu generalisierten Pfaden zusammengefasst.

Daraus wird ein hybrides Simulationsmodell abgeleitet [2]. System Dynamics Modelle dienen der Makrosimulation der Einflussfaktoren auf einzelne Prozesse (z.B. Vergütungsstrukturen, Altersverteilung). Agentenbasierte Simulationen dienen der Ermittlung der Kennzahlen aus Sicht des Patientenkollektivs (z.B. Behandlungskosten).

Die Validierung der Modelle erfolgt zunächst auf Basis einer vergangenen Innovation deren Auswirkungen bereits bekannt sind (hier: Thrombolyse bei Schlaganfall). Anschließend werden zukünftige Innovation im Bereich der Schlaganfalltherapie und der personalisierten Therapie in der Onkologie (Brust, Prostata, Darm) modelliert. So kann beispielsweise die Auswirkung (Kosten, Überlebenswahrscheinlichkeit) bei der flächendeckenden Einführung von Computertomographen in Rettungswägen abgeschätzt werden.

In einer bereits 2002 durchgeführten Studie aus den USA wurde gezeigt, dass innerhalb eines Projekts zur Einführung einer wirtschaftlichen Diabetes-2-Behandlung „Schlussfolgerungen aus den Simulationsverfahren gezogen wurden, welche auf anderem Wege wahrscheinlich nicht bekannt gewesen wären“ [3].

ProHTA kann eine Unterstützung beim Technologiescreening und der Bewertung des potenziellen Impacts einer Innovation sein. Zugleich hilft der Weg dorthin, die Komplexität der Wirkzusammenhänge zwischen Technologieeinsatz, individueller Patientensicht, Zielen der Institution sowie des Gesundheitswesens allgemein zu verstehen.

Danksagung: Das Projekt ProHTA wird im Rahmen des Spitzencluster „Exzellenzzentrum für Medizintechnik“ vom BMBF gefördert.


Literatur

1.
Perleth M, Busse R, Gerhardus A, et al. Health Technology Assessment. Konzepte, Methoden, Praxis für Wissenschaft und Entscheidungsfindung. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft; 2008.
2.
Scholl HJ. Agent-based and system dynamics modeling: a call for cross study and joint research. Proceedings of the 34th Annual Hawaii International Conference on System Sciences, pp. 8, 3-6 Jan. 2001
3.
Homer J, et al. Cost-effective Care for Chronic Illness. System Dynamics Review. 2004;20(3):199-–222. John Wiley & Sons, Ltd.