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MAINZ//2011: 56. GMDS-Jahrestagung und 6. DGEpi-Jahrestagung

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e. V.
Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie e. V.

26. - 29.09.2011 in Mainz

Prädiktoren des Burnout-Risikos bei Lehrkräften – ein Gendervergleich

Meeting Abstract

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  • Reingard Seibt - Technische Universität Dresden, Dresden
  • Katrin Neustadt - Technische Universität Dresden, Institut und Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin, Dresden
  • Diana Druschke - Technische Universität Dresden, Institut und Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin, Dresden
  • Silvia Spitzer - Technische Universität Dresden, Institut und Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin, Dresden

Mainz//2011. 56. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 6. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi). Mainz, 26.-29.09.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11gmds250

DOI: 10.3205/11gmds250, URN: urn:nbn:de:0183-11gmds2502

Veröffentlicht: 20. September 2011

© 2011 Seibt et al.
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Gliederung

Text

Einleitung: Lehrkräfte weisen ein hohes Risiko für psychische Erkrankungen und Burnout auf. Bisherige Untersuchungen zu Burnout bei Lehrkräften führten zu uneinheitlichen Ergebnissen. Obwohl Burnout ein multidimensional beeinflusstes Konstrukt ist, werden in den meisten bisherigen Studien nur einzelne Variablenbereiche (z.B. nur Arbeitsmerkmale) im Zusammenhang mit dem Burnout-Risiko betrachtet. Daher wurde in dieser Querschnittstudie das Burnout-Risiko geschlechtsabhängig untersucht, und es wurden neben arbeitsbezogenen weitere gesundheits- und personenbezogene Faktoren zur Identifizierung der „Burnout-Prädiktoren“ bei Lehrkräften einbezogen.

Methodik: Bei 713 Lehrkräften (83 Lehrer, 630 Lehrerinnen: Durchschnittsalter: 47±6 vs. 46±7 Jahre) aus Grund-, Mittelschulen und Gymnasien wurde das Burnout-Risiko mittels MBI-D (emotionale Erschöpfung, Depersonalisation, reduzierte Leistungsfähigkeit) untersucht. Die Erhebung der Arbeitsbedingungen und -anforderungen erfolgte mittels lehrerspezifischer Berufsanamnese, Work Ability Index (WAI) und Effort-Reward-Imbalance Questionnaire (ERI). Als Komponenten der Gesundheit wurden physische und psychische Beschwerden sowie kardiovaskuläre Risikofaktoren, als Personenvariable Erholungsunfähigkeit (FABA) und Kohärenzerleben (SOC-L9) berücksichtigt.

Ergebnisse: Lehrer und Lehrerinnen berichten in allen drei Burnout-Dimensionen durchschnittlich moderate Ausprägungen. Für emotionale Erschöpfung und reduzierte Leistungsfähigkeit sind keine Geschlechtseffekte festzustellen; Depersonalisation ist bei Lehrern stärker ausgeprägt. Lehrer unterrichten mehr Stunden und mehr Klassen. Die Arbeitsfähigkeit unterscheidet sich zwischen beiden Geschlechtergruppen nicht bedeutsam (Lehrer: 39±5; Lehrerinnen: 38±6; d=.16) und ist als „gut“ zu klassifizieren. Ebenfalls kein Geschlechtseffekt liegt für das ERI-Ratio (Lehrer: 0,7±0,3; Lehrerinnen: 0,6±0,2; d=.25) vor. In den gesundheitsbezogenen Variablen geben Lehrer weniger physische und psychische Beschwerden an, weisen aber ungünstigere Blutdruck- und Body-Mass-Index-Werte (Lehrer: 27±3; Lehrerinnen: 25±4; p=.001; d= .39) auf. Erholungsunfähigkeit ist bei Lehrern geringer ausgeprägt, während im Kohärenzerleben keine Geschlechtsunterschiede bestehen. In den geschlechtsabhängigen Regressionsanalysen erweisen sich die Variablen aus dem personenbezogenen Bereich als stärkste Prädiktoren (SOC, Erholungsunfähigkeit). Bei beiden Lehrergruppen scheinen zudem Arbeitsfähigkeit und ERI-Ratio mit der Kerndimension emotionale Erschöpfung assoziiert zu sein. Depersonalisation wird geschlechtsunabhängig durch das Kohärenzerleben und ERI-Ratio vorhergesagt; bei Lehrern zudem durch Beschäftigungsumfang, bei Lehrerinnen durch physische Beschwerden. Stärkste Prädiktoren für Leistungsfähigkeit sind bei Lehrern Kohärenzerleben, systolischer Blutdruck und Anzahl unterrichteter Klassen, bei Lehrerinnen ebenfalls Kohärenzerleben, aber Arbeitsfähigkeit. Insgesamt unterscheiden sich die Prädiktoren des Burnout-Risikos nur gering zwischen den Geschlechtern.

Schlussfolgerung: Prädiktoren des Burnout-Risikos stehen weniger mit der Arbeitssituation als vielmehr mit personenbezogenen Variablen im Zusammenhang. Demnach stellen personeninterne Merkmale einen wichtigen Ansatzpunkt für Präventions- und Interventionsmaßnahmen dar, die bisher zugunsten arbeitsplatzbezogener Merkmale oft vernachlässigt wurden. Lehrer unterscheiden sich von Lehrerinnen in Gesundheitsparametern, wobei sich Kohärenzerleben für Depersonalisation und reduzierte Leistungsfähigkeit als geschlechtsübergreifende Ressource darstellt. Aufgrund der Bedeutung personenbezogener Merkmale sollten Betrachtungen zu Burnout-Korrelaten und Burnout-Ursachen stärker transaktionistisch ausgerichtet erfolgen.