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53. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e. V. (GMDS)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie

15. bis 18.09.2008, Stuttgart

Zugang zu neuen Kommunikationsformen: Analyse medizinischer Internettagebücher

Meeting Abstract

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  • Kerstin Denecke - Universität Hannover, Hannover, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. 53. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds). Stuttgart, 15.-19.09.2008. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2008. DocMI11-5

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2008/08gmds160.shtml

Veröffentlicht: 10. September 2008

© 2008 Denecke.
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Gliederung

Text

Einleitung und Fragestellung

In den letzten Jahren ist das Internet durch eine neue Form der Kommunikation, dem Blogging, bereichert worden. Ein Weblog ist ein auf einer Webseite geführtes und damit öffentlich einsehbares Tagebuch oder Journal. Der Herausgeber eines Weblogs („Blogger“) berichtet über Aspekte seines Alltags, über Erfahrungen und teilt seine Meinung zu verschiedenen Themen mit. Weiter vertieft kann es sowohl dem Austausch von Informationen, Gedanken und Erfahrungen als auch der Kommunikation dienen.

Da sich zunehmend auch Patienten und Ärzte dieses Mediums bedienen, ist es wichtig, sich mit medizinischen Weblogs auseinanderzusetzen, Möglichkeiten zur Verwendung von Daten aus Weblogs zu identifizieren und deren Nutzung zu ermöglichen.

Schwerpunkt dieses Beitrages ist daher eine Zusammenstellung von Anwendungen von Daten, die über medizinische Blogs bereitgestellt werden. Ein Blog wird als „medizinisch“ betrachtet, wenn seine Beiträge über Krankheiten, Behandlungen oder Medikationen berichten und sie von Patienten oder im Gesundheitswesen tätigen Personen verfasst wurden. Des Weiteren werden bestehende Blogs inhaltlich und sprachlich analysiert. Darauf aufbauend sollen notwendige Methoden, Techniken bzw. Technologien identifiziert werden, die es ermöglichen, Daten aus medizinischen Weblogs zu erschließen.

Anwendungen von Weblog-Daten

Weblogs mit medizinischem Inhalt können Patienten und Ärzte auf verschiedene Weise unterstützen. Weiterhin haben Ärzte und Patienten unterschiedliche Informationsbedürfnisse. Die folgenden Szenarien zeigen dies.

1.
Nachdem bei einer Patientin Brustkrebs diagnostiziert wurde, werden ihr eine Reihe von Behandlungsmöglichkeiten vorgeschlagen. Sie möchte nun, bevor sie eine Entscheidung trifft, Erfahrungen anderer Patientinnen mit den verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten kennen lernen. Eine Weblog-Suchmaschine liefert ihr Einträge zu Erfahrungen mit den verschiedenen Behandlungsmethoden. Diese werden ihr nach positiven und negativen Erfahrungen sortiert präsentiert.
2.
Ein Arzt wird mit einer ungewöhnlichen Ausprägung einer Krankheit konfrontiert. Er sucht Informationen von anderen Ärzten, die über eben dieses Erscheinungsbild berichten. Eine Weblog-Suchmaschine liefert ihm Einträge von Ärzten zu der gesuchten Krankheit mit ebendiesem Erscheinungsbild.

Aus Szenarien wie den vorgestellten lassen sich verschiedene Vorteile ableiten, die ein Zugriff auf Daten in Weblogs ermöglichen würde. Patienten können sich dadurch weniger allein mit ihrer Krankheit oder den Erfahrungen mit einer Krankheit (psychologischer Effekt) fühlen. Sie erhalten Information über Krankheiten und deren Behandlungen und werden damit bei einer Entscheidung, z.B. bei der Behandlungswahl unterstützt („Patient Empowerment“). Auch Ärzte können Erfahrungen ihrer Kollegen erhalten und ihr Wissen z.B. in Hinblick auf alternative Behandlungsmöglichkeiten erweitern. Weiterhin können Weblogs auch zum gegenseitigen Verständnis beitragen: Ein Arzt kann mehr über das Krankheitserleben von Patienten erfahren (vor allem bei chronischen Erkrankungen), während Patienten auch einmal die stressigen Seiten des Arztberufes kennen lernen.

Verarbeitung von Weblog-Daten

Um die genannten Anwendungen und somit einen Zugang zu Weblog-Daten zu ermöglichen, ist eine Metaplattform für (speziell) medizinische Weblogs nötig. Sie sollte neben klassischen Funktionen von Suchmaschinen wie einer Stichwortsuche über folgende Funktionalitäten verfügen:

  • Auswahl von Weblogs nach einer bestimmten Autorenklasse (Patient oder Arzt / Spezialist),
  • Auswahl von Beiträgen nach der Art der präsentierten Informationen (Fakten vs. Erfahrungen und Meinungen),
  • Sortierung der Suchergebnisse nach der Polarität (positive Meinung vs. negative Meinung) sowie
  • eine Suche nach Beiträgen zu komplexeren Zusammenhängen (z.B. nach einer Krankheit mit bestimmtem Erscheinungsbild).

Im weiteren Verlauf werden existierende Weblogs hinsichtlich ihres Inhaltes und der verwendeten Sprache untersucht. Dazu wird u.a. die in [1] zusammengestellte Liste von deutschsprachigen Arztblogs verwendet. Einige der Arztblogs sind speziell an Patienten gerichtet und berichten sachlich über medizinische Themen (z.B. über Krankheiten, Behandlungen, Forschungsergebnisse, Gesundheitspolitik). Hier wird eine allgemeinverständliche Sprache gewählt, auf (lateinische / griechische) medizinische Fachbegriffe („Arztdeutsch“) wird verzichtet, die Präsentation erfolgt in vollständigen, grammatikalisch korrekten Sätze. Einige Ärzte berichten von ihrem Alltag in der Klinik oder in der eigenen Praxis. In diesen Blogs wird häufiger Alltagssprache verwendet; (Tages-)Abläufe werden anschaulich dargestellt.

Patienten schreiben meist über eine bestimmte Krankheit (die, von der sie betroffen sind). Sie berichten über den Alltag mit ihrer Krankheit (Wie beeinflusst die Krankheit mein Leben? Wie gehe ich damit um?), über Erfahrungen mit bestimmten Behandlungen oder Medizinprodukten (z.B. verschiedene Insulinpumpen) oder über soziale Erfahrungen (z.B. Reaktionen von Angehörigen und Freunden). Einige Patientenblogs stellen auch fachliche Informationen über Krankheiten zur Verfügung, z.B. aktuelle Forschungsergebnisse zu einer Krankheit. Sprachlich ähneln sie den Arztblogs, wobei persönliche Aspekte (und damit einhergehend Alltagssprache) in der Regel mehr Raum einnehmen.

Um die zuvor benannten Funktionalitäten unter Berücksichtigung der ermittelten sprachlichen und inhaltlichen Besonderheiten medizinischer Weblogs zu ermöglichen, müssen Methoden zur Klassifizierung von Weblogs nach ihrem Autor und zur Klassifizierung von Beiträgen nach Art der Information und ihrer Polarität entwickelt werden. Suchtechnologien für Experten und Laien wie sie von der Firma Averbis bereitgestellt werden (http://www.averbis.de, [2]) können für die Suche nach Beiträgen zu bestimmten Themen genutzt werden. Um Abfragen komplexerer Sachverhalte und Beziehungen zu ermöglichen, müssen Methoden zur Informationsextraktion bzw. Wissensrepräsentation eingesetzt werden. Bestehende Methoden sind speziell auf die Besonderheiten medizinischer Fachsprache zugeschnitten (kurze Sätze, verblose Satzfragmente), wie z.B. die Systeme MedLEE oder SeReMeD [3]). Es ist zu prüfen, ob Weblogs, in denen komplexe Sachverhalte zum Teil anschaulich (durch komplexe, lange Sätze) beschrieben werden, mit diesen Methoden korrekt verarbeitet werden können. Gegebenenfalls müssen sie erweitert oder neue Methoden entwickelt werden.

Es gibt bereits einige Verfahren zur Klassifikation von Blogs ohne thematischen Schwerpunkt nach deren Polarität (positiv, negativ) [4]. Hier muss allerdings geprüft werden, inwieweit diese übertragbar sind auf die Domäne Medizin..

Diskussion

Die Verarbeitung bzw. der Zugriff auf Daten aus medizinischen Weblogs erlaubt eine Vielzahl von Anwendungen. Einige davon wurden in diesem Beitrag vorgestellt. Um Zugang zu diesen Daten zu ermöglichen fehlen jedoch noch entsprechende Methoden. Die hier vorgestellten Analysen bilden den Einstiegspunkt für die weitere Entwicklung.

Im englischsprachigen Bereich sind Arztblogs bereits weiter verbreitet. Eine solche Entwicklung fand im deutschsprachigen Bereich noch nicht statt. Mögliche Gründe werden in [1] benannt. Dennoch nimmt die Zahl „bloggender“ Ärzte zu: Viele der hier analysierten Weblogs wurden erst Ende 2007 begonnen.

Bei all den positiven Aspekten, die eine Nutzung oder ein Zugriff auf Daten medizinischer Weblogs mit sich bringt, sollte jedoch nicht vergessen werden, dass in diesen Blogs persönliche Meinungen dargestellt werden. Sicherlich liefern vor allem die Arztblogs auch sachliche Informationen. Trotzdem sollte die Zuverlässigkeit einer Quelle, in dem Falle des Bloggers, geprüft werden und ggf. die Informationen nur als Anregung betrachtet werden.


Literatur

1.
Scheloske M. Hippokrates 2.0. Die Szene der Medizin- und Arztblogs. http://www.wissenswerkstatt.net/2008/02/05. Letzter Zugriff: 18.02.2008 Externer Link
2.
Markó K, Schulz S, Hahn U. MorphoSaurus: Design and Evaluation of an Interlingua-based, Cross-language Document Retrieval Engine for the Medical Domain. Methods Inf Med 4/2005
3.
Denecke K. Semantic Structuring of and Information Extraction from Medical Documents using the UMLS. Erscheint in: Methods Inf Med
4.
Yang K, Yu N, Valerio A, Zhang H and Ke W. Fusion Approach to Finding opinions in Blogosphere. Proc Intern Conf on Weblogs and Social Media, Boulder, Colorado, 2007
5.
Friedman, C. A broad-coverage natural language processing system. Proc AMIA Symp 2000; 270-274