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53. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e. V. (GMDS)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie

15. bis 18.09.2008, Stuttgart

Prognostische Faktoren für einen Behandlungserfolg bei kindlicher Adipositas

Meeting Abstract

  • Andrea Ernert - Charite-Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Deutschland
  • Almut Dannemann - Charite-Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Deutschland
  • Ann-Madleine Bau - Charite-Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Deutschland
  • Tobias Drossel - Charite-Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Deutschland
  • Peter Martus - Charite-Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Deutschland
  • Susanna Wiegand - Charite-Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. 53. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds). Stuttgart, 15.-19.09.2008. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2008. DocEPI5-3

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2008/08gmds023.shtml

Veröffentlicht: 10. September 2008

© 2008 Ernert et al.
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Gliederung

Text

Einleitung und Fragestellung

Daten über den Behandlungserfolg bei der Teilnahme an strukturierten Adipositas-Therapieprogrammen liegen vor, ein wichtiges Einschlusskriterium ist dabei die Motivationslage. Am Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) der Charité Berlin hingegen werden adipöse Kinder und Jugendliche mit psychosozialer Problematik und hohem Migrantenanteil im ambulanten Setting multimodal im Sinne eines Versorgungsauftrags betreut (ohne vorhergehende Motivationsprüfung). In diesem Rahmen wurden seit 1996 kontinuierlich prospektive Daten erhoben. Ziel der Analyse dieser Daten ist die Beschreibung longitudinaler Therapieverläufe. In diesem Zusammenhang stellt sich unter anderem die Frage, welche Faktoren prognostisch für einen Behandlungserfolg bezüglich der Reduzierung des BMI-SDS [1] bei kindlicher Adipositas sind.

Material und Methoden

In die Analyse gingen Daten von 964 adipösen Kindern und Jugendlichen zwischen 2 und 18 Jahren (517 Mädchen und 447 Jungen) aus dem ersten Jahr ihrer Behandlung ein.

Primäres Zielkriterium war die Absenkung des BMI-SDS mindestens 0,2 Punkte innerhalb eines Jahres als erfolgreich angesehen. Bei Untersuchungsterminen vor Ende des ersten Jahres wurde der Quotient: Änderung des BMI-SDS/ Zeit zur Bewertung des Behandlungserfolges (dychotomisiert) herangezogen.

Zunächst erfolgte ein Vergleich von Patienten, die am letzten Termin innerhalb des ersten Jahres in der Behandlung erfolgreich waren mit nicht erfolgreichen Patienten hinsichtlich Alter, Geschlecht, Pubertätsstatus, BMI-SDS und dem Auftreten von Komorbiditäten im Sinne eines Metabolischen Syndroms, wie z.B. Insulinresistenz (s. [2]; >95. Perzentile), Hyperlipidämie oder Bluthochdruck (2nd Task Force) am Anfang der Behandlung. Für diesen Vergleich wurden Chi-Quadrat- und t-Test, sowie für multivariate Analysen lineare Regressionsmodelle verwendet. Anschließend wurde mit Hilfe von Verallgemeinerten linearen Modellen (GEE) Einflussgrößen für den Behandlungserfolg bei den einzelnen Untersuchungsterminen analysiert. Als unabhängige Variable wurden hier neben Alter, Geschlecht, Pubertätsstatus, BMI-SDS und Komorbiditäten am Anfang der Behandlung auch jahreszeitliche Einflüsse mit berücksichtigt.

Ergebnisse

Insgesamt kann bei 37% der behandelten adipösen Kinder und Jugendlichen bei ihrem letzten Termin innerhalb des ersten Jahres (im Mittel ca. 8 Monate nach Erstuntersuchung) ein Behandlungserfolg verzeichnet werden.

Dabei sind Jungen mit 41% häufiger erfolgreich als Mädchen mit 33% (p=0,015). Die Gruppe der Erfolgreichen ist im Mittel 1,5 Jahre jünger als die Nichterfolgreichen (p<0,001). Jugendliche in der Pubertät sind seltener erfolgreich, als Jugendliche, die die Pubertät entweder noch nicht erreicht oder schon beendet haben (29% vs. 40%, p=0,006). Außerdem zeigt sich, dass Patienten mit erhöhten Triglyceridwerten seltener erfolgreich sind (p=0,012).

In multivariaten Analysen erweisen sich Alter, Pubertät und Insulinresistenz als signifikante Einflussgrößen. Ältere Patienten (OR:0,89 /95%KI 0,83 -0,95) und Patienten in der Pubertät (OR: 0,59 /95%-KI: 0,35 -0,99) haben geringere Erfolgschancen, während Patienten mit einer Insulinresistenz (OR: 1,73 /95%-KI: 1,10 -2,75) höhere Erfolgschancen haben.

Bei der Analyse der Erfolgswahrscheinlichkeiten an den einzelnen Untersuchungsterminen getrennt für Mädchen und Jungen wird in beiden Gruppen der Einfluss des Alters bestätigt. Der Einfluss der Pubertät ist nur bei den Jungen signifikant.

Diskussion

Mehr als ein Drittel der adipösen Kinder dieser unselektierten Risikoklientels (keine Motivationsprüfung, negative Therapieerfahrungen, hoher Migrantenanteil) schafft im ersten Jahr der Behandlung eine signifikante Gewichtsabnahme nach den Kriterien der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindesalter (AGA). Hierbei zeigen jüngere Kinder bessere Behandlungserfolge, Jugendliche während der Pubertät sind schwieriger in ihrer Gewichtentwicklung zu beeinflussen. Jungen profitieren von dem multimodalen Adipositasprogramm stärker als Mädchen. Adipositaspräventionsprogramme, z.B. KOPS (Kiel Obesity Prevention Study) erreichen im Gegensatz dazu überwiegend übergewichtige Mädchen schlanker Mütter. Die Insulinresistenz scheint als relevanter Risikofaktor für die Entwicklung eines Typ 2 Diabetes wahrgenommen zu werden und wirkt deshalb möglicherweise motivationsfördernd.

Schlussfolgerung

Ein Therapieerfolg bei kindlicher Adipositas wird wahrscheinlicher je früher die Therapie einsetzt. Die Diagnostik von Risikofaktoren (z.B. Insulinresistenz) ist sinnvoll, einerseits zur Bestimmung des individuellen Risikoprofils, andererseits aber auch als Motivationshilfe, bei angemessener Aufklärung der Patienten und ihrer Eltern.


Literatur

1.
Kromeyer-Hausschild K, Wabitsch M, et al. Perzentile für den Body-Mass-Index für das Kindes- und Jugendalter unter Heranziehung verschiedener deutscher Stichproben. Monatsschrift Kinderheilkunde 2001; 149: 807–18.
2.
Reinehr T, de Sousa G, Andler W. Longitudinal analyses between overweight, insulin resistance, and cardiovascular risk factors in children. Obesity Research 2005;13:1824-33.
3.
Allard P, Delvin EE, Paradis G, Hanley JA, O'Loughlin J, Lavallee C, Levy E, Lambert M. Distribution of fasting plasma insulin, free fatty acids, and glucose concentrations and of homeostasis model assessment of insulin resistance in a representative sample of Quebec children and adolescents. Clin Chem. 2003;49(4):644-9.
4.
Garrett MF, Nan ML, James HW. Applied longitudinal Analysis. John Wiley & Sons, New Jersey 2004.