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Kongress Medizin und Gesellschaft 2007

17. bis 21.09.2007, Augsburg

Seuchenprophylaxe im Nationalsozialismus – Die Einführung der aktiven Schutzimpfung gegen Diphtherie im Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Expertise, rassenhygienischem Paradigma und Kriegsgeschehen

Meeting Abstract

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  • Annette Hinz-Wessels - Institut für Geschichte der Medizin, Berlin

Kongress Medizin und Gesellschaft 2007. Augsburg, 17.-21.09.2007. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2007. Doc07gmds832

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2007/07gmds832.shtml

Veröffentlicht: 6. September 2007

© 2007 Hinz-Wessels.
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Gliederung

Text

Der Beitrag befasst sich mit der Reaktion deutscher Gesundheitsbehörden und Wissenschaftler auf die seit Ende der 1920er Jahre bedrohlich ansteigenden Diphtherieerkrankungen und nimmt hierbei besonders die Rolle des Robert Koch-Instituts (RKI) als Teil der staatlichen Gesundheitsverwaltung in den Blick. Seit seiner Gründung 1891 bestand die Hauptaufgabe des RKI in der wissenschaftlichen Erforschung der Infektionskrankheiten sowie der Beratung von Regierungsstellen in Fragen der Seuchenprävention und -bekämpfung.

Der Beitrag nähert sich dem Thema in wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive und untersucht, welche unterschiedlichen Präventionskonzepte bzw. welches Professionsverständnis den wissenschaftlichen Diskurs über die Bekämpfung der Diphtherie in Deutschland bestimmte. Zur Auswertung wurden vorrangig einschlägige Aktenüberlieferungen im Bundesarchiv sowie die zeitgenössische Forschungsliteratur herangezogen.

Während andere Länder bereits seit Anfang der 1930er Jahre eine effektive Impfprophylaxe mit modernen Präzipitatstoffen betrieben, sah sich das Reichsinnenministerium erst 1934 – nach Versagen aller anderen Bekämpfungsmaßnahmen – veranlasst, in einigen besonders gefährdeten Gebieten eine aktive Diphtherieschutzimpfung zuzulassen. Mit der Organisation der Impfaktionen wurde das RKI beauftragt, das ab 1934 Diphtherie-Massenimpfungen an rund 500.000 Kindern vornahm. Dabei mussten erhebliche Widerstände nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch in der Wissenschaft überwunden werden. Neben grundsätzlichen Vorbehalten wegen der begrenzten Wirksamkeit der Schutzimpfung spielten die Tradition der Behringschen Serumtherapie, die Nachwirkungen der Lübecker Impfkatastrophe 1930, aber auch rassenhygienische Motive eine Rolle. Einflussreiche Wissenschaftler forderten, man solle beim Kampf gegen Zivilisationsseuchen nicht der Natur bei ihrer Auslesearbeit in die Arme fallen.

Die epidemiologischen und statistischen Auswertungen der Massenimpfungen durch das RKI trugen wesentlich zu einer veränderten medizinisch-wissenschaftlichen Bewertung und damit zur Akzeptanz der aktiven Schutzimpfung bei. Trotz Ausweitung der ministeriellen Impfempfehlungen fehlten für eine flächendeckende Diphtherieprophylaxe während des Krieges allerdings die Voraussetzungen.

Die im internationalen Vergleich späte Einführung der Diphtherieschutzimpfung in Deutschland ist eine Folge des langwierigen wissenschaftlichen Diskurses über die angemessene Reaktion auf die Seuchenwelle, der auch die Haltung der Gesundheitsbehörden bestimmte.


Literatur

1.
Gundel M. Die aktive Schutzimpfung gegen Diphterie und die Ergebnisse der in den Jahren 1934 und 1935 in Deutschland durchgeführten Diphtherieschutzimpfungen. Veröffentlichungen aus dem Gebiete des Volksgesundheitsdienstes 47, Heft 5. 1936.
2.
Wohlfeil T. Die Diphtherieseuchenwelle in Deutschland und ihre Bekämpfung mittels der aktiven Schutzimpfung. Veröffentlichungen aus dem Gebiete des Volksgesundheitsdienstes 52, Heft 7. 1939.
3.
Süß W. Der "Volkskörper" im Krieg. Gesundheitspolitik, Gesundheitsverhältnisse und Krankenmord im nationalsozialistischen Deutschland 1939-1945. München; 2003.