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51. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e. V. (gmds)

10. - 14.09.2006, Leipzig

Seroprävalenz von Hepatitis B und C, Lues und HIV-Infektionen in einer Risikogruppe

Meeting Abstract

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  • Johanna Körber - Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg, RP Stuttgart, Stuttgart
  • Christiane Wagner-Wiening - Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg, Stuttgart
  • Iris Zöllner - Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg, Stuttgart

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e.V. (gmds). 51. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. Leipzig, 10.-14.09.2006. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2006. Doc06gmds043

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2006/06gmds025.shtml

Veröffentlicht: 1. September 2006

© 2006 Körber et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielf&aauml;ltigt, verbreitet und &oauml;ffentlich zug&aauml;nglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Gliederung

Text

Einleitung und Fragestellung

Ziel der Studie war, das Gefährdungspotential von Männern mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten, die die AIDS-Beratungsstellen der Gesundheitsämter in Baden-Württemberg aufsuchen, zu ermitteln. Darüber hinaus werden anhand der Untersuchungsergebnisse präventive Maßnahmen für diese spezielle Zielgruppe entwickelt. Männer mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten haben in den letzten 20 Jahren ihr Sexualverhalten ausgeprägter als andere Gruppen im Sinne eines verstärkten Praktizierens von Safer Sex und der Verwendung von Kondomen verändert (Robert-Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin, 2002, 48, 401 – 404). In der letzten Zeit mehren sich jedoch Hinweise, dass „es zunehmend mehr Individuen, unabhängig davon, ob sie HIV-infiziert sind oder nicht, schwer fällt, ihr sexuelles Handeln weiterhin an dem von ihnen erwarteten Prinzip der Vermeidung einer HIV-Infektion auszurichten“ (Dannecker M., Z. Sexualforsch. 2002, 15: 58-64). Dadurch ist mit einem Anstieg von Lues, Hepatitis B und Hepatitis C bei Männern mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten zu rechnen.

Material und Methoden

Das Untersuchungskollektiv umfasste Männer mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten, die die anonyme AIDS-Beratung eines baden-württembergischen Gesundheitsamtes aufsuchten und im Beratungsgespräch angaben, dass sie Sex mit Männern haben. Die Teilnahme an der Studie war freiwillig. Die Anonymität der Beratung wurde durch die Teilnahme an der Studie nicht tangiert. Ausschlusskriterium war Minderjährigkeit.

In die multizentrische Studie wurden die AIDS-Beratungsstellen aller Gesundheitsämter in Baden-Württemberg einbezogen. Die AIDS-Berater und AIDS-Beraterinnen boten Männern, die Sex mit Männern haben, neben dem HIV-Test kostenlos eine Testung auf Hepatitis B, Hepatitis C und Lues an.

Für die Untersuchungsteilnehmer, die ihr Einverständnis gegeben hatten, wurde die für den HIV-Test ohnehin notwendige Blutprobe zusätzlich auf Hepatitis B und Hepatitis C sowie Lues untersucht. Der Untersuchungsteilnehmer erhielt einen zweiseitigen Fragebogen und einen Briefumschlag, der an das Landesgesundheitsamt adressiert war. Das Ausfüllen des Fragebogens erfolgte freiwillig. Der Fragebogen wurde vom Teilnehmer im verschlossenen Umschlag entweder in eine Urne im Gesundheitsamt geworfen oder von ihm per Post an das Landesgesundheitsamt geschickt. Die im zuständigen Gesundheitsamt abgegebenen Umschläge wurden ungeöffnet an das Landesgesundheitsamt weitergeleitet und dort anonymisiert ausgewertet

Ergebnisse

Die Untersuchung begann im Juni 2003 und endete im Dezember 2004. Insgesamt wurden 1538 Blutproben von den AIDS-Beratungsstellen der Gesundheitsämter in Baden-Württemberg eingeschickt. Bei 1462 Blutproben lag ein vom Studienteilnehmer selbst ausgefüllter Fragebogen vor. Damit haben 95 % der Männer, für die eine serologische Untersuchung durchgeführt wurde, an der Befragung zu möglichen Risikofaktoren teilgenommen. In die Auswertung einbezogen wurden alle Studienteilnehmer, für die Untersuchungsergebnisse des Labors und Fragebogenangaben vorlagen.

Bei 38 Studienteilnehmern konnte eine HIV-Diagnose gestellt werden. Dies entsprach einer HIV-Prävalenz von 2,6 %. Nach Angaben der AIDS-Berater handelte es sich dabei in 23 Fällen um HIV-Erstdiagnosen. In zwölf Fällen lagen Wiederholungsdiagnosen vor, in drei Fällen fehlten Angaben hierzu.

In 80 Fällen konnte eine Lues-Infektion serologisch bestätigt werden. Dabei lag bei 56 % der Fälle (45 Probanden) der Verdacht auf eine aktive Lues-Infektion (VDRL positiv) vor. Damit lag die Prävalenz für serologisch bestätigte Lues-Infektionen bei 5,5 %. Bei 15 Männern lag ein unspezifischer Befund (TPPA positiv, VDRL negativ IgG und IgM jeweils grenzwertig oder negativ). Dabei könnte es sich beginnende Serokonversionen oder um Kreuzreaktionen handeln. Wiederholt wurde von den AIDS-Beratungsstellen berichtet, dass Studienteilnehmer mit unspezifischem Befund sich vor kurzem einer Antibiotikumtherapie zur Behandlung anderer Infektionen unterzogen hatten. Bei der Untersuchung der Probanden auf Hepatitis-B Antikörper (Anti-c) konnte eine HBV-Prävalenz von 13 % (184 Fälle) ermittelt werden. Eine chronische HBV-Infektion wurde in zehn Fällen nachgewiesen. In einem Fall lag Verdacht auf eine akute HBV-Infekton vor. Eine Hepatitis C-Infektion konnte in lediglich 5 Fällen diagnostiziert werden. Die HCVPrävalenz lag damit bei 0,3 %. Bei 25 Studienteilnehmern wurde sowohl eine serologisch bestätigte Lues-Infektion als auch der Marker für eine durchgemachte HBV-Infektion festgestellt. Sechzehn Männer wiesen neben einer HIV-Infektion auch Antikörper gegen HBc auf.

Männer, die nie bis gelegentlich Kondome benutzten, waren statistisch häufiger HIV-positiv als Männer, die angaben immer Kondome anzuwenden.

Statistisch signifikant häufigere serologisch bestätigte Lues-Infektionen korrelierten mit folgenden Angaben:

  • kein Aufenthalt in Hochrisikogebieten
  • sexuelle Kontakte zu Gelegenheitspartnern, drogeninjizierenden Partnern, Stricher, oder/und Freier
  • sexuelle Kontakte zu mehr als einem Partner in den letzten 6 Monaten

Hepatitis B Antikörper wurden statistisch häufiger festgestellt bei folgenden Angaben:

  • nicht-deutsche Staatsangehörigkeit
  • sexuelle Kontakte zu Gelegenheitspartnern, drogeninjizierenden Partnern, Stricher, oder/und Freier
  • sexuelle Kontakte zu mehr als einem Partner in den letzten 6 Monaten
  • sexuelle Kontakte zu HIV-positiven Partnern

Der Abstract kann auf Deutsch oder auf Englisch eingereicht werden. Er darf einen Umfang von einer DIN-A4-Seite auf keinen Fall überschreiten.

Diskussion

Vor Beginn der Studie hat der überwiegende Teil der Gesundheitsämter innerhalb der AIDS-Beratung lediglich HIV-Antikörper-Tests angeboten. Nur einzelne Gesundheitsämter haben insbesondere Männer mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten auch auf andere sexuell übertragbare Krankheiten untersucht. Dabei zeichnete sich bereits eine unerwartet hohe Rate an positiven Luesdiagnosen ab. Die vorliegende Studie wurde konzipiert, um ein Bild von der Prävalenz bei Lues, Hepatitis B und Hepatitis C sowie HIV bei Männern mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten (MSM),die die AIDS-Beratung der Gesundheitsämter in Baden-Württemberg aufsuchen, zu erhalten. Dabei war nicht klar, wie groß die Gruppe der MSM ist, die die AIDS-Beratung aufsucht. Darüber hinaus gab es auch keinerlei Anhalt, ob und wenn ja, zu welchem Prozentsatz diese Männer bereit sein würden, an der Studie teilzunehmen und die angebotenen Tests zu machen sowie den Fragebogen ausgefüllt abzugeben. Insgesamt haben in 19 Monaten 1538 Männer an der Studie teilgenommen, von denen 1462 einen ausgefüllten Fragebogen abgegeben haben. Die Responserate war mit 95 % erstaunlich hoch. Es war auch nicht abschätzbar, wie viele Männer ausländischer Staatsangehörigkeit mit dem Angebot erreichbar sein würden. Mit einem Prozentsatz von 9,6 % ist dies sehr gut gelungen, insbesondere wenn man bedenkt, wie tabuisiert das Thema gleichgeschlechtlicher Sexualkontakte bei vielen Nationalitäten ist. (Der Ausländeranteil an der Bevölkerung in Baden-Württemberg lag laut Statistischem Landesamt Baden-Württemberg im Jahr 2004 bei 12 %,).

Bei den Fragen zum Sexualverhalten wurde der interessierende Zeitraum auf die letzten 6 Monate eingeschränkt, um ein Bild vom aktuellen Verhalten des Mannes zu bekommen. Die überwiegende Mehrzahl der Männer (85 %) gab an, ausschließlich sexuelle Kontakte zu Männern zu haben, 11 % gab sexuelle Beziehungen zu beiden Geschlechtern an. Unter präventiven Gesichtspunkten ist die Frage nach der Verwendung von Kondomen von großer Bedeutung. Bei der Frage bezüglich fester Partnerschaften hat 31 % der Studienteilnehmer gar keine Angaben zur Kondombenutzung gemacht, 24 % der Männer gab an, immer, 22 % oft bis gelegentlich und 24 % nie Kondome zu benutzen. Bezüglich von Gelegenheitspartnerschaften reagierte ca. ein Viertel auf diese Frage nicht. Immerhin gaben 38 % an, bei Gelegenheitspartnern immer, 30 % oft bis gelegentlich und lediglich 8 % nie Kondome zu verwenden. Nur 2 % Studienteilnehmer gaben an, jemals Drogen injiziert zu haben, extrem wenige jemals Nadeln getauscht zu haben. Auch unter dem Gesichtspunkt, dass es sich hier um illegales Verhalten handelt, das nicht ohne weiteres zugegeben wird, ist davon auszugehen, dass tatsächlich sehr wenig drogeninjizierende Klienten an der Studie teilgenommen haben. Langjährige Erfahrungen zeigen, dass die Gesundheitsämter in Baden-Württemberg Drogenabhängige nahezu nicht erreichen, da diese Behörden meiden und daher nur über aufsuchende Arbeit erreicht werden könnten.

Bei Männern, die sexuelle Kontakte zu „nicht-festen“ Partnern hatten als auch bei Männern, die angaben, in den letzten 6 Monaten zu mehr als einer Person sexuelle Kontakte gehabt zu haben, wurden statistisch häufiger serologisch bestätigte Lues-Infektionen bzw. Hepatitis B Antikörper festgestellt. Darüber hinaus waren Männer, die nie bis gelegentlich Kondome benutzten, statistisch häufiger HIV-positiv als Männer, die angaben, immer Kondome anzuwenden. Außerdem wurden bei Männern mit sexuellen Kontakten zu HIV-positiven Personen häufiger Hepatitis B Antikörper nachgewiesen. Die Studie hat gezeigt, dass die Prävalenzen für HIV, Lues und HBV bei Männern mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten, die die Gesundheitsämter in Baden-Württemberg aufsuchen, im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung erheblich höher sind. Dies zeigt, dass die klassische AIDS-Beratung, die lediglich den HIV-Test anbietet, überholt ist. Es ist dringend geboten, den Klienten, je nach Risikosituation auch weitere Tests anzubieten. Erfreulich ist, dass viele Gesundheitsämter in Baden-Württemberg heute Lues-Tests sowie Tests auf Hepatitiden gegen Kostenersatz zusätzlich zum kostenlosen HIV-Test anbieten. Es mehrt sich auch die Zahl der Männer mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten, die in einem für sie geeigneten Turnus prophylaktische Lues-Test gegen Kostenersatz in Anspruch nimmt. Die Studie hat darüber hinaus dazu beigetragen, dass bei Präventionsveranstaltungen in Schulen und anderen Jugendeinrichtungen nicht nur HIV/AIDS, sondern alle wichtigen sexuell übertragbaren Krankheiten berücksichtigt werden und damit eine Sensibilisierung auf diesem Gebiet erreicht werden kann.