gms | German Medical Science

50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds)
12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie (dae)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie
Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie

12. bis 15.09.2005, Freiburg im Breisgau

eHealth verändert das Gesundheitswesen – neue Aufgaben für die GMDS

Meeting Abstract

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  • Peter Haas - Fachhochschule Dormtund, Dortmund

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. 50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. Freiburg im Breisgau, 12.-15.09.2005. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2005. Doc05gmds651

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2005/05gmds480.shtml

Veröffentlicht: 8. September 2005

© 2005 Haas.
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Gliederung

Text

Einleitung und Fragestellung

Die Informatisierung des Gesundheitswesens hat nun jenen Grad erreicht, an dem die gesamtheitliche Vernetzung der einzelnen Institutionen untereinander in den Fokus der Politik geraten ist. Während sich jedoch die Medizinische Informatik seit über 20 Jahren mit den vielfältigen Aspekten der Vernetzung von Informationssystemen im Gesundheitswesen beschäftigt und sich der Komplexität auf technischer, semantischer, organisatorischer, sozialer und ethischer Ebene bewusst ist, konnte in den vergangenen Jahren eine Trivialisierung dieser mit der Implementierung einer nationalen Gesundheitstelematik verbunden Komplexitäten durch den politischen Initiator BMGS des nationalen Projektes bit4health [1] sowie durch die Selbstverwaltung beobachtet werden. Ausdruck fand und findet dies in unrealistischen Zeitplänen und Kostenschätzungen sowie der Nichtberücksichtigung wesentlicher organisatorischer und soziotechnischer Aspekte. Ignorierte Hinweise der Fachgesellschaft GMDS [2] – zum Teil auch in Verbindung mit anderen Verbänden [3] – haben sich Projektverlauf bestätigt, das nationale Projekt ist inzwischen ins Stocken geraten. Umfragen bei der Ärzteschaft [4], [5] zeigen, dass es bisher auch nicht gelungen ist, eine für ein erfolgreiches Gelingen notwendige Akzeptanz zu schaffen, für die Bürger ist Ähnliches zu erwarten. Damit ist eine Situation entstanden, in der Nutzenpotenziale nicht ausgeschöpft werden und die Gefahr besteht, dass nicht nur die Entwicklung selbst sondern auch das Fach „Medizinische Informatik“ erheblich beschädigt wird. Es stellt sich daher die Frage, welchen Beitrag eine wissenschaftliche Fachgesellschaft zur weiteren Entwicklung von eHealth leisten kann.

eHealth – Begriffsbildung und Definitionen

In den zurückliegenden Jahren hat es einen Begriffswandel ausgehend vom Term „Telemedizin“ über den der „Gesundheitstelematik“ hin zu „eHealth“ gegeben. Während zu Beginn der breiteren Diskussion des Themas in Deutschland unter dem Begriff „Telemedizin“ [6], [7] alle einrichtungsübergreifenden IT-Anwendungen verstanden wurde, werden heute hierunter nur noch eng medizinisch orientierte Zweitmeinungs- und Konsultations-Anwendungen wie Telepathologie, Teleradiologie, Telechirurgie etc. verstanden [8]. Heute haben sich die synonymen Begriffe eHealth, Health Telematics bzw. Gesundheitstelematik durchgesetzt. Auch die WHO hat im Laufe der Zeit die Namensänderung von „Telemedicine“ zu „eHealth“ vollzogen [9]. In der allgemeinen Literatur, Projektpapieren und staatlichen Internetangeboten finden sich jedoch weiterhin vielfältige Begrifflichkeiten und Definitionen. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass unter „eHealth“ heute alle einrichtungsübergreifenden und ortsunabhängigen Anwendungen der Informations- und Kommunikationstechnologie im Gesundheitswesen zur Überbrückung von Raum und Zeit subsummiert werden – es handelt sich dabei prinzipiell um ein Teilgebiet der Medizinischen Informatik.

Ziele von eHealth

Bei Betrachtung der Ziele kann man sich am generellen Wesen von Telematikanwendungen [10] und den möglichen Unterstützungsdimensionen von IT-Systemen [11] orientieren: Es geht um die einrichtungsübergreifende Unterstützung der Verarbeitung und Dokumentation von Daten, der Kommunikation, der Organisation und der Entscheidungsfindung. Überbetriebliche Geschäftsprozesse sollen so effektiver abgewickelt und/oder ganz oder teilweise automatisiert und deren Wertschöpfung erhöht werden. Telematik ermöglicht aber auch die Schaffung neuer Prozesse und damit neuer Wertschöpfungen und Wertschöpfungsketten (Beispiel Teleüberwachung, Telekonsile). Die strategischen Ziele aus Sicht der Politik bzw. der Solidargemeinschaft der Versicherten sind

  • Effektivierung der Versorgung, Erreichung von Kosteneinsparungen
  • Qualitätssteigerung der Versorgung
  • Vollständige Transparenz des Behandlungs- und Leistungsgeschehens
  • Zeitnahe Steuerungsmöglichkeiten
  • Erschließung neuer Märkte und damit Stärkung der Gesundheitswirtschaft

Auf der operativen Ebene aus Sicht der einzelnen Akteure im Gesundheitswesen und der Patienten stehen zusätzlich im Vordergrund:

  • die Vereinfachung von Abrechnungs- und Verwaltungsabläufen
  • eine einrichtungsübergreifende Informationstransparenz zum individuellen Behandlungsprozess für behandelnden Arzt und Patient,
  • eine einrichtungsübergreifende prospektive Behandlungskoordination zur Realisierung eines umfassenden patientenbezogenen Disease- oder Casemanagements,
  • ein besserer Zugang und die zeitnahe Nutzung aktuellen Wissens – auch während der konkreten Behandlung.

Vor allem die strategischen Ziele müssen nicht immer im Einklang mit jenen der Patienten stehen, da diese als direkte Betroffene und konkrete Leistungsinanspruchnehmer nicht nur von einer koordinierteren und besseren Versorgung profitieren, sondern durch die hohe Transparenz und die neuen Steuerungsmöglichkeiten in vielerlei Hinsicht Einschränkungen erfahren können.

Veränderungen im Gesundheitswesen durch eHealth

Unzweifelhaft kommt es durch die Einführung technischer Artefakte in allen Bereichen des Gesundheitswesens zu positiven Veränderungen, einen umfassenden Ausblick anhand von 30 Thesen hierzu wagt Haux [12]. Dabei sind Auswirkungen auf bestehende Geschäftsprozesse und -beziehungen von jenen abzugrenzen, die durch neue Geschäftsprozesse und Wertschöpfungen schaffen und Primäreffekte gegen Sekundäreffekte abzugrenzen. Wesentliche kritische Aspekte eines telematisierten Gesundheitswesens, die besonderer Aufmerksamkeit bedürfen sind:

  • die Technikzentriertheit der aktuellen nationalen Entwicklung,
  • die Aufgabenangemessenheit der Lösungen für Ärzte und Patienten,
  • die Wahrung der Vertraulichkeit persönlicher medizinischer Informationen,
  • die Wahrung der informationellen Selbstbestimmung des Patienten,
  • die Verschiebung von informationellen Machtverhältnissen hin zu Staat und Krankenkassen,
  • die zeitnahe Überwachung und Steuerung ärztlichen Verordnungs- und Behandlungsverhaltens,
  • die zeitnahe ökonomisch orientierte Steuerung der individuellen Versorgung durch die Krankenkassen bzw. eine rein ökonomisch orientierte Ressourcen-Allokation,
  • die informationelle Teilung der Gesellschaft und
  • die Gefahr, dass sich alte Kranke im Technikdschungel verloren und alleingelassen fühlen.

Drei Sachverhalte erscheinen hier als besonders problematisch:

  • Die Balancierung von informationeller Selbstbestimmung des Patienten und Funktionalität verlässlicher und praktikabler Lösungen für die Ärzteschaft, da beide oftmals antagonistische Wirkung haben.
  • Die unter dem gegebenen oder vorgegebenen ökonomischen Zwang zunehmende Versuchung, vor dem Hintergrund der notwendigen Transparenz und Steuerungsnotwendigkeiten im Gesundheitswesen die ärztliche Schweigepflicht quasi per Gesetz und mithilfe der Telematik auszuhöhlen.
  • Der über zeitnahe Steuerungsmöglichkeiten zeitnahe Einfluss der Krankenkassen auf die Versorgung.

Prinzipiell gilt es für jede telematische Lösung – ob lokal oder national – die in Abbildung 1 [Abb. 1] dargestellten Aspekte in ein sinnvolles Gleichgewicht zu bringen.

Aufgaben für die wissenschaftliche Fachgesellschaft

Für die einschlägige wissenschaftliche Fachgesellschaft ergeben sich vor diesem Hintergrund zwei wesentliche Aufgabenkomplexe: Einerseits muss darauf hingewirkt werden, dass Projekte und Lösungen nach dem neuesten Stand der Technik und Erkenntnissen der Medizinischen Informatik und in Einklang mit den internationalen Standards durchgeführt werden, andererseits müssen die gesellschaftlichen Auswirkungen aufgezeigt, Chancen und Gefahren in das Bewusstsein der Handelnden gerückt werden und die Fachgesellschaft als Anwalt der Endbenutzer solcher telematischen Anwendungen –Ärzte, Pflegekräfte und andere Health Professionals – sowie der Patienten eintreten. Im Einzelnen bedeutet dies erhöhtes Engagement und intensivierte Anstrengungen in den Bereichen:

  • Dissemination von einschlägigen Standards,
  • Wissenstransfer in Politik, Selbstverwaltung und Industrie,
  • Öffentlichkeitsarbeit zu Chancen, Potenzialen und Gefahren von eHealth,
  • Lobbyismus zur Berücksichtigung des „State of the Art der Med. Informatik,
  • Publikation konsentierter fachlicher und strategische Positionspapiere,
  • Verfassung breit konsertierter ethischer Leitlinien zu eHealth-Anwendungen,
  • Herausgabe eines Kriterienkataloges für Projekte („Good eHealth-Practice“),
  • Verstärkte Technologiefolgen-Forschung,
  • Förderung des qualifizierten Nachwuchses, zertifizierte Fortbildungen zum Thema.

Dies kann erreicht werden durch einen abgestimmten Aktionsplan und dem Einsatz von Aktionselementen wie z.B. der Durchführung populärwissenschaftlicher Veranstaltungen, kontinuierliche Pressearbeit, Inauftraggabe von Gutachten und Studien, Auslobung von speziellen Preisen, Herausgabe spezieller Broschüren, Aufbau einer themenbezogenen Internet-Site, Aufbau einer eLearning-basierten eHealth Academy. Eine intensive gesellschaftspoltitische Einmischung der Fachgesellschaft ist Gebot der Stunde, um eHealth nicht als Kernenergie-ähnlichem Koloß in den Köpfen der Menschen zu verankern, sondern als nutzbringendes dienendes Instrument [13] der Informatik für ein besseres Gesundheitswesen. Ethische Reflexionen sollten beim Umgang mit diesem Thema „so verinnerlicht werden, dass sie eine Art zweite Haut werden.“ [14]


Literatur

1.
Bit4health-Better Information Technology For Health Projektgruppe: Erarbeitung einer Strategie zur Einführung der Gesundheitskarte: Telematikrahmenarchitektur für das Gesundheitswesen - Ein Überblick. Bonn: Eigenverlag 2004
2.
Prokosch H.-J. et. al.: GMDS-Thesenpapier zur telematischen Vernetzung von Versorgungseinrichtungen im deutschen Gesundheitswesen. Informatik, Biometrie und Epidemiologie in Medizin und Biologie 31/4/ (2001), S. 385 - 394
3.
Gemeinsames Schreiben der Verbände GMDS, BVMI, KH-IT und AL-KRZ am 22.04.2004 an die Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt
4.
Wache Chr.: Die Gesundheitskarte - Studie zu Erwartungen und Akzeptanz niedergelassener Ärzte. Master-Thesis an der Fachhochschule Dortmund 2005
5.
Pfaff H., Ernstmann N. (Hrsg): Akzeptanz-Untersuchung zur Gesundheitskarten-Einführung (AUGE). Köln: ZVFK Zentrum für Versorgungsforschung 2005
6.
Schulenburg Graf v. d. J. M. et.al.: Ökonomische Evaluation telemedizinscher Projekte und Anwendungen. Baden-Baden: NOMOS Verlagsgesellschaft, 1995
7.
Roland Berger und Partner: Telematik im Gesundheitswesen - Perspektiven für die Telemdizin in Deutschland. München: Eigenverlag 1998
8.
DIMDI: http://www.dimdi.de, letzter Zugriff: 05.07.2005
9.
WHO: http://www.euro.who.int/telemed, letzter Zugriff: 05.07.2005
10.
Müller G. et. al..: Telematik- und Kommunikationssysteme in der vernetzten Wirtschaft. München Wien: Oldenbourg 2003
11.
Haas P.: Medizinische Informationssysteme und Elektronische Krankenakten. Berlin Heidelberg: Springer 2005
12.
Haux R. et. al.: Gesundheitsversrogung in der Informationsgesellschaft _ eine Prognose für das Jahr 2013. Informatik, Biometrie und Epidemiologie in Medizin und Biologie 35/3 (2004), S. 138-163
13.
Bauer A.W.: Anmerkungen aus Sicht eines Medizinischen Ethikers zu [12]. Informatik, Biometrie und Epidemiologie in Medizin und Biologie 35/3 (2004), S. 164-171
14.
Bondolfi A. Diskussionsbeitrage. In: Niederlag W. et. al.: Ethik und Informationstechnik am Beispiel Telemedizin. Dresden Friedrichsstadt: Allgemeines krankenhaus Eigenverlag 2003. S. 178