gms | German Medical Science

50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds)
12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie (dae)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie
Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie

12. bis 15.09.2005, Freiburg im Breisgau

Stellenwert der Telemedizin in der Führung, Kontrolle und Schulung von Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz

Meeting Abstract

  • Harald Korb - Telemedizinisches Zentrum, Düsseldorf
  • Andreas Adrian - Telemedizinisches Zentrum, Düsseldorf
  • Dirk Baden - Telemedizinisches Zentrum, Düsseldorf
  • Markus Wähner - Telemedizinisches Zentrum, Düsseldorf
  • Carsten Schultz - Abt. Innovationsmanagement der Technischen Universität, Berlin
  • Christian Zugck - Abt. Kardiologie der Universität, Heidelberg

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. 50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. Freiburg im Breisgau, 12.-15.09.2005. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2005. Doc05gmds107

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2005/05gmds463.shtml

Veröffentlicht: 8. September 2005

© 2005 Korb et al.
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Gliederung

Text

Einleitung

Die chronische Herzinsuffizienz ist die einzige Herzerkrankung mit wachsender Inzidenz, allein in der Bundesrepublik ist jährlich mit ca. 200.000 Neuerkrankungen zu rechnen. Mangelndes Wissen des Patienten über die Erkrankung, fehlende Compliance und eine unzureichende medikamentöse Substitution im Kontext mit einer inadäquaten und lückenhaften Erfassung gesundheitsrelevanter physiologischer Messparameter führen zu einer überdurchschnittlich häufigen Rehospitalisierung dieser Patienten mit einer Verweildauer von im Mittel 18 Tagen bei jährlichen Klinikkosten von geschätzten 1.5 Milliarden Euro. Ziel der vorliegenden Studie war zu prüfen, ob diese Situation durch ein Managed-Care–Programm unter Einbeziehung von Klinik, niedergelassenem Facharzt und Hausarzt mit Telemedizin als zentralem Service- und Informationsinstrument verbessert werden kann.

Methodik

Die Grundlage der kontrollierten, prospektiven Studie bildete die Entwicklung eines kardiologischen Telemonitoring-Programms durch Personal HealthCare Telemedicine Services, das eine konsequente Überwachung des Patienten im Stadium II - IV nach NYHA garantiert und durch die engmaschige und lückenlose Erfassung gesundheitsrelevanter Daten eine optimierte Therapieführung und –steuerung ermöglicht. Per Telefon übermittelt der Patient vorgegebene Vitalparameter (z. B. Gewicht, Blutdruck, Sauerstoffsätttigung) automatisch an das Telemedizinische Zentrum. Werden dabei individuell festgelegte Grenzwerte unter- bzw. überschritten, wird sofort ein Alarm ausgelöst, sodass umgehend therapeutische Maßnahmen eingeleitet werden können. Unabhängig von Alarmreaktionen wird der Patient darüberhinaus im Stadium III - IV mindestens einmal pro Woche, im Stadium II zumindest zwei Mal monatlich proaktiv kontaktiert und in standardisierter Form befragt. Das Ziel ist dabei, die medikamentöse Compliance zu fördern und möglichst frühzeitig hinweisende Veränderungen im Gesundheitszustand des Patienten zu erkennen. Bei kardio-pulmonalen Symptomen und ernsthaften Beschwerden ist das Telemedizinische Zentrum ganzjährig rund um die Uhr für den Patienten erreichbar. Schulungsmaßnahmen zu Ernährung, Bewegung und Pharmakotherapie komplettieren das Programm und stärken den Patienten im selbstverantwortlichen Umgang mit sich und seiner Erkrankung.

Ergebnisse

Insgesamt wurden 478 Patienten nach festgelegten Kriterien in das Protokoll eingeschlossen, 270 davon wurden telemedizinisch betreut (Männer/Frauen: 85,5 vs 14,5%; mittl. Alter 62,5 + 10 Jahre; NYHA II, III, IV: 80 vs. 17 vs. 3%; Hauptdiagnosen: Koronare Herzkrankheit, art. Hypertonus und dilatative Kardiomyopathie) und im Vergleich zu einem gematchten Kontroll-Kollektiv analysiert. Berechnet für jeweils 100 Patienten über einen Beobachtungszeitraum von 3 Monaten konnte unter telemedizinischer Betreuung die Anzahl der Hospitalisierungen (NYHA II, III, IV: 5,2 vs. 2,4; 8,1 vs. 3,0 und 2,4 vs. 1,2), die Liegedauer (Tage) (NYHA II, III, IV: 50,7 vs. 21,9; 78,4 vs. 27,5 und 23,0 vs. 10,9) und die Anzahl der Arztkontakte im hausärztlichen (303,7 vs. 83,2) und fachärztlichen Bereich (105,3 vs. 30,4) signifikant reduziert werden. Im Mittel verringerte sich die Hospitalisierungsrate um etwa 55%, die Liegedauer um 60% und die Anzahl der Arztkontakte um etwa 70%. Die verbesserte Compliance über standardisierte Befragung und Anleitung der Patienten konnte durch eine im Vergleich zur Kontrollgruppe optimierte und mehr leitliniengerechte Adaptation der Medikation an das bestehende Krankheitsbild belegt werden. In insgesamt 150 Fällen in den NYHA-Stadien III und IV wurden im Telemedizinischen Zentrum Alarme durch Über- oder Unterschreiten der vorgegebenen individuellen Grenzen für Gewicht, Blutdruck und Sauerstoffsättigung ausgelöst, akuter ärztlicher Handlungsbedarf ergab sich dabei in nur 2 % der Situationen. Darüberhinaus wurde das Telemedizinische Zentrum von den Patienten insgesamt 93 mal notfallmäßig mit akuten kardio-pulmonalen Beschwerden proaktiv kontaktiert, in zwei Fällen war ein Notarzteinsatz erforderlich, insgesamt 18 mal wurde der Patient der Klinik oder seinem behandelnden Arzt zugewiesen.

Zusammenfassung

Durch den Einsatz der Telemedizin kann bei chronischer Herzinsuffizienz

  • die Zahl der Notarzteinsätze, Klinikeinweisungen und Arztbesuche hochsignifikant reduziert werden und ist aus gesundheitsökonomischer Sicht – trotz der zunächst zusätzlichen Therapiekosten – die eindeutig kosteneffektivere Behandlungsstrategie
  • Betreuungsprogramme mit Schulungsmaßnahmen führen über ein verbessertes Krankheitsverständnis zu einer signifikanten Zunahme der Compliance mit einer Stabilisierung in niedrigeren NYHA-Klassen
  • Die Lebensqualität der Patienten erhöht sich signifikant; nach Subpopulationsanalysen von Patienten in NYHA Stadien III und IV ist eine Steigerung der Leistungsfähigkeit bei gleichzeitig erhöhter individueller Sicherheit evident

Die Daten belegen die Effektivität eines telemedizinischen Systems in der Führung und Kontrolle herzinsuffizienter Patienten. Besonders geeignet scheinen derartige Systeme für Integrierte Versorgungsmodelle, wobei der Telemedizin eine entscheidende Funktion als zentrales Service- und Informationsinstrument zukommen wird, das den Informations- und Datenfluss zwischen Patient, Krankenhaus und niedergelassenem Arzt steuert und optimiert.