gms | German Medical Science

50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds)
12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie (dae)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie
Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie

12. bis 15.09.2005, Freiburg im Breisgau

Kausalität und Komplexität bei Mehrfachdiagnosen und ihre Auswirkung auf die ICD-10-Kodierung am Beispiel der Hypertonie und ihren Folgekrankheiten

Meeting Abstract

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  • Hans Rudolf Straub - Semfinder AG, Kreuzlingen
  • Csaba Perger - Semfinder AG, Kreuzlingen

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. 50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. Freiburg im Breisgau, 12.-15.09.2005. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2005. Doc05gmds522

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2005/05gmds429.shtml

Veröffentlicht: 8. September 2005

© 2005 Straub et al.
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Gliederung

Text

Kombinationen von Diagnosen

Ein medizinischer Fall hat meist nicht eine, sondern mehrere Diagnosen. Oft besteht zwischen einzelnen Diagnosen ein kausaler Zusammenhang, gelegentlich finden sich längere Kausalketten von 3 und mehr Diagnosen.

Die Darstellung solcher Cluster ist bei der Kodierung oft ein Knackpunkt. In der ICD-10 wird der Kausalzusammenhang ganz unterschiedlich behandelt. Klassisch ist die Kreuz/Stern-Kodierung, bei der der Kreuzkode die Ursache (z.B. einen Erreger), der Sternkode eine Manifestation (z.B. eine Meningitis) spezifiziert. Allerdings kann es auch vorkommen, dass eine solche Kausalkombination nur mit einem einzigen Schlüssel oder mit zwei Primärschlüsseln ohne Kreuz-Stern-Bezug kodiert wird. Eine Aufzählung von mehreren Diagnosen auf der gleichen Kausalitätsebene kann ebenfalls entweder durch einen Kombinationskode oder durch eine Aufzählung von mehreren Primärkodes verschlüsselt werden.

Beispiel Hypertonie mit Organkomplikationen

Die arterielle Hypertonie kennt ursächliche Risikofaktoren wie z.B. die Adipositas und führt zu Folgeproblemen, von denen in Abb. 1 [Abb. 1] die hypertensive Kardiopathie und die hypertensive Nephropathie aufgeführt sind. Sowohl Kardiopathie wie Nephropathie können auch andere Ursachen haben (z.B. Diabetes) und ihrerseits zu Folgeproblemen führen, insbesondere zu Herz- und zu Niereninsuffizienz. Alle hier genannten medizinischen Ausdrücke (von Adipositas bis Niereninsuffizienz) können – falls einzeln genannt – mit einem je eigenen Kode der ICD-10 verschlüsselt werden. Wie werden nun Kombinationen dieser Krankheiten kodiert?

In Abb. 1 [Abb. 1] ist die Information hypertensive Kardiopathie ohne Herzinsuffizienz und ohne Nephropathie (durch die Graufärbung der beiden betroffenen Konzepte) dargestellt. Ein solcher Fall wird durch einen Schlüssel, nämlich I11.90, kodiert, die Kodes für die beiden isolierten Konzepte entfallen. Wenn eine Herzinsuffizienz dazukommt, ändert der Schlüssel von I11.90 zu I11.00, der Kode für Herzinsuffizienz entfällt aber nicht, sondern wird zusätzlich gegeben. Die Situation kann weiter kompliziert werden, wenn zusätzliche Diagnosen oder Manifestationen dazukommen. So ändert eine hypertensive Krise (in Abb. 1 [Abb. 1] nicht dargestellt) den Kode von I11.90 zu I11.91, bzw. von I11.00 zu I11.01.

Eine hypertensive Nephropathie befindet sich kausal gesehen auf der gleichen Ebene wie eine Kardiopathie und kann mit einer solchen vergesellschaftet sein. Bei der Kodierung einer Kombination von Herz- und Nierenkomplikation gelten spezielle Regeln. Die Nephropathie selber kann wie die Kardiopathie mit oder ohne Organinsuffizienz (Niereninsuffizienz) vorliegen, was die Zahl der möglichen Kombinationen multipliziert. Bei jeder Kombination stellt sich prinzipiell die Frage, ob das zusätzliche Konzept

  • ohne Folgen in der Kombination ignoriert (gestrichen) wird,
  • gestrichen wird, aber die bestehende Kodierung modifiziert,
  • wie bisher kodiert und zur unveränderten, bestehenden Kodierung addiert wird,
  • wie bisher kodiert, zur bestehenden Kodierung addiert wird und diese verändert.

Aus dem Bisherigen wird klar, dass potentiell sehr viele Möglichkeiten bestehen, kombinierte Diagnosen zu kodieren. Wie kann hier Eindeutigkeit erreicht werden? Die Kodierrichtlinien der ICD-10-Systematik (insbesondere deren Inklusiva und Exklusiva) und die Deutschen Kodierrichtlinien regeln die wichtigsten Kombinationen. Ein Kodierer muss viele komplexe Regeln beachten; ein Kodierprogramm muss in der Lage sein, die Regeln in seinen Algorithmen abzubilden.

Folgerungen

Kombinationen von Diagnosen mit komplexen Auswirkungen auf die Kodierung sind sehr häufig. Bei der Erstellung eines automatisierten Kodierprogramms ist die Behandlung dieser Diagnosekombinationen die wohl schwierigste Herausforderung. Insbesondere ist klar, dass sich zwischen Diagnosen und Kodes keine sichere 1:1 oder 1:N Abbildung herstellen lässt. Ein weiteres Problem ist von prinzipieller Natur: Für die dargestellten Verhältnissen mit ihren vielfältigen Kombinationsmöglicheiten kann keine zwingende hierarchische Struktur gefunden werden. Trotzdem wünschen wir uns aus guten Gründen eine einfache Systematik. Die dialektische Spannung, die hier zwischen Wunsch und Möglichkeit liegt, darf nicht ignoriert werden. Ein blosser Reduktionismus auf die atomaren Konzepte geht am Problem vorbei. Bei der Diskussion von Klassifikationssystemen sollte deshalb der Aspekt der Kombination von Diagnosen mitberücksichtigt werden.