gms | German Medical Science

50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds)
12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie (dae)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie
Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie

12. bis 15.09.2005, Freiburg im Breisgau

iTeacher – Einsatz und Evaluation eines interaktiven Kurssystems in der Präsenzlehre

Meeting Abstract

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  • Karin Schmidt - Institut für Medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie (IBE), München
  • Frank Christ - Klinik für Anaesthesiologie, Universität München, München

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. 50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. Freiburg im Breisgau, 12.-15.09.2005. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2005. Doc05gmds297

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2005/05gmds411.shtml

Veröffentlicht: 8. September 2005

© 2005 Schmidt et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielf&aauml;ltigt, verbreitet und &oauml;ffentlich zug&aauml;nglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Gliederung

Text

Einleitung und Fragestellung

Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass die heutige Studentengeneration weitgehend an den Umgang mit Computern gewöhnt ist [1] und die Bearbeitung von virtuellen Patientengeschichten hat das Potenzial, die Lücke zwischen theoretischem Unterricht und der praktischen Ausbildung am Krankenbett zu schließen [2], [3].

Mit der Einführung des reformierten Medizinischen Curriculums an der Universität München (MeCuM) hat der Unterricht in Kleingruppen stark an Bedeutung gewonnen und erfordert innovative Konzepte [4]. Unser Ziel war es, mit der Integration eines interaktiven computergestützten Kurssystems in die universitäre Präsenzlehre die Vorzüge traditioneller Lehrveranstaltungen mit E-Learning zu verknüpfen und jedem Studenten die Möglichkeit zu geben, sich aktiv am Unterricht zu beteiligen.

Der vorliegende Evaluationsbericht soll über den Einsatz des interaktiven Kurssystems sowie das Feedback von Studierenden wie auch von den Dozenten Auskunft geben.

Material und Methoden

Es wurden bisher insgesamt 8 Kursstunden zu Themengebieten aus der Notfallmedizin und der Anästhesie umgesetzt: Die medizinischen Informationen werden anhand von authentischen Patientenkasuistiken präsentiert und durch Videos sowie klinisch relevantem Bildmaterial vom Dozentenrechner über einen Beamer projiziert. Sobald der Unterrichtende die Frage startet, beginnt die Uhr zu laufen, was den in der Realität bestehenden Zeitdruck simuliert, und auf dem Bildschirm der Studenten erscheint ein Antwortformular, indem Multiple-Choice- oder Freitextfragen zu beantworten sind. Wenn der Dozent die Bearbeitungszeit beendet, wird eine Zusammenfassung aller Eingaben für alle Studenten sichtbar über den Beamer gezeigt. Diese werden durch das CBT-System anonymisiert ausgegeben und sind nicht einzelnen Kursteilnehmern zuzuordnen. Zusammen mit der Gruppe werden die Antworten besprochen und korrigiert. Am Ende jeder Kursstunde können die Studenten ihre Meinung mit Hilfe eines elektronischen Fragebogens äußern. Der elektronische Fragebogen umfasst 8 kategoriesierte Items und 2 Freitextfelder, dabei reichte die Bewertungsskala der Items von 1 („trifft nicht zu“) bis 6 („trifft zu“).

Die technische Basis des Kurssystems besteht aus einem Unix-Server mit einem Apache-Webserver und als Programmiersprache wurde PERL gewählt.

Ergebnisse

Das interaktive Kursssystem wurde erstmals im Sommersemester 2004 in den Präsenzunterricht der Fachgebiete Notfallmedizin und Anästhesie für Studierende im 1. und 2. klinischen Semester integriert.

Eine Befragung der Dozenten ergab, dass sie einerseits die Erstellung der Vorlesungsunterlagen als zeitintensiver empfunden hatten und für das Abhalten einer interaktiven Kursstunde mehr Vorbereitungszeit zu investieren war als für eine traditionelle Lehrveranstaltung. Im Gegensatz dazu waren die Unterrichtenden beeindruckt von der regen Beteiligung an dieser Unterrichtsform und vom „kumulativen Wissen“ ihrer Studenten, d.h. der Qualität der zusammengefassten Antworten der Gruppe.

Im Laufe eines Studienjahres nahmen 260 Studenten in Gruppen zu je 10-14 Studenten an dem interaktiven Unterricht teil, wobei jeder Student pro Semseter 4 interaktive Kursstunden besuchte. Insgesamt konnten 624 elektronische Fragebögen ausgewertet werden. Nach Datenanalyse schätzte der Großteil aller Teilnehmer die Nutzung des interaktiven Kurssystems sehr positiv ein. “Das Seminar hat mir gefallen” erhielt eine durchschnittliche Bewertung von 5,3. Das Lernen mit dem interaktiven Kurssystem wird im Hinblick auf den Erweb medizinischer Kompetenz allgemein als effektiv empfunden und im Mittel wurde das Item “In dem Seminar habe ich mein medizinisches Fachwissen erweitert” mit 5 beantwortet. Dagegen erhielt die Aussage „Was ich in diesem Seminar lerne, wird mir für die Arbeit als Arzt/Ärztin wenig nützen“ eine mittlere Bewertung von 2,2. „Das Arbeitsklima in der Seminargruppe war angenehm“ erhielt nahezu die volle Punktzahl. Auch schien der interaktive Kurs dem einzelnen Studenten genügend Freiraum zu bieten, eigene Fragestellungen oder Ideen einzubringen, und die Seminarform hat die Studenten zur aktiven Mitarbeit motiviert. Schwierigkeiten mit dem Computer werden generell verneint (durchschnittliche Bewertung 1,6). Lediglich eine Minderheit aller Studenten fühlte sich unterfordert. „Ich wünschte mir kompliziertere Fragen zur Bearbeitung“ wurde durchschnittlich mit 1,9 beurteilt. Das Feedback der Freitextfragen war ebenfalls sehr positiv (z.B. “sehr interessantes Konzept“, „praxisnah“, „moderne Vorlesungsform, bei der man aus der Passivität gerissen wird.“). Einige Studenten bemängelten allerdings, dass das Tempo der Unterrichtsstunde „etwas zu flott“ war.

Diskussion

Unsere Auswertung zeigt ein hohes Maß an Akzeptanz bei den Studenten sowie eine hohe Bewertung des subjektiven Lernerfolges; auch die Rückmeldungen von Seiten der Lehrenden waren durchaus positiv. Die Studie macht auch deutlich, wie wichtig den Studierenden das Feedback des Dozenten in Form von individueller Bewertung ihrer Antworten ist [5].

Mit unserem internetbasierten Kurs kann der Dozent seine Kommentare und die Arbeitsgeschwindigkeit individuell an die jeweilige Gruppe anpassen: Er sieht während der Beantwortungsphase, wieviele Studenten die Frage schon bearbeitet haben und kann sich durch die Zusammenfassung der Antworten einen Überblick über den konkreten Wissensstand der aktuellen Gruppe verschaffen, ohne einzelne Studenten zu exponieren. Ein wichtiger Gesichtspunkt unseres Ansatzes besteht darin, dass der Dozent weiterhin die zentrale Rolle beim Unterricht spielt. Der Computer wird eingesetzt, um zum einen den Kursinhalt visuell erfahrbarer zu machen und andererseits jedem Studenten die Möglichkeit zu geben, sich aktiv zu beteiligen, um somit den Präsenzunterricht effizienter zu machen.

Der Aufwand, um interaktive Multimediakurse zu erstellen, ist allerdings immer noch relativ hoch [6], obwohl die Inhalte bereits definiert waren. Aus technischer Sicht ist v.a. der Einsatz hochwertiger digitaler Videos eine anspruchsvolle Aufgabe. Jede Kursstunde enthält ca. 20 Minuten Videomaterial aus realen Notfalleinsätzen oder Aufnahmen aus dem OP, deren Verwendung in einer rein virtuellen Lernumgebung aufgrund der hohen Datenrate und der limitierten Datenübertragung sowie Performance vieler Computer nicht möglich wären.

Die Evaluationen haben gezeigt, dass der gezielte Multimediaeinsatz und die aktive Mitarbeit am Unterricht von den Studierenden als motivierend und konstruktiv für das Lernen eingeschätzt werden. Durch reformierte Studiengänge ist zu erwarten, dass multimediale, computergestützte Implementierungskonzepte im Medizinstudium weitere Verbreitung finden, zumal die neue Approbationsordnung für Ärzte (ÄAppO 2002) [7] vorsieht, problemorientiertes Lernen verstärkt in die Curricula für die medizinische Ausbildung einzubinden.


Literatur

1.
Jones R, Higgs R, de Angelis C, Prideaux D. Changing face of medical curricula. Lancet 2001; 357: 699-703.
2.
Maleck M, Fischer MR. Do computers teach better? A media comparison study for case-based teaching in radiology. Radiographics 2001; 21(4): 1025-1032.
3.
Mehrabi A, Gluckstein C, Benner A, Hashemi B, Herfarth C, Kallinowski F. A new way for surgical education-development and evaluation of a computer-based training module. Comput Biol Med. 2000; 30(2):97-109.
4.
Floto C, Huk T. Neue Medien in der Medizin - Stellenwert, Chancen, Grenzen. Deutsches Ärzteblatt 2002; 99(27): 1582-1585.
5.
Fieschi M, Soula G, Giorgi R, Gouvernet J, Fieschi D, Botti G, Volot F, Berland Y. Experimenting with new paradigms for medical education and the emergence of a distance learning degree using the internet: teaching evidence-based medicine. Med Inform Internet Med. 2002, 27(1):1-11.
6.
Gorman PJ, Meier AH, Rawn C, Krummel TM. The future of medical education is no longer blood and guts, it is bits and bytes. Am Journal of Surgery 2000, 180:353-356.
7.
Approbationsordnung für Ärzte (ÄAppO) vom 27.06.2002. Bundesgesetzblatt Jahrgang 2002. Teil 1, Nr. 44.