gms | German Medical Science

50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds)
12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie (dae)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie
Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie

12. bis 15.09.2005, Freiburg im Breisgau

Hitze und Mortalität 2003 im Kreis Siegen-Wittgenstein

Meeting Abstract

  • Jürgen Stausberg - Universitätsklinikum Essen, Essen
  • Dorothea Weiland - Universitätsklinikum Essen, Essen
  • Christian Lösch - Universitätsklinikum Essen, Essen
  • Wolfgang Hellmeier - Landesinstitut für den Öffentlichen Gesundheitsdienst NRW, Bielefeld

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. 50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. Freiburg im Breisgau, 12.-15.09.2005. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2005. Doc05gmds035

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2005/05gmds234.shtml

Veröffentlicht: 8. September 2005

© 2005 Stausberg et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielf&aauml;ltigt, verbreitet und &oauml;ffentlich zug&aauml;nglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Gliederung

Text

Einleitung und Fragestellung

Im August 2003 war Europa von einer Hitzewelle betroffen, in deren Folge insbesondere in Frankreich über eine hohe Anzahl von Todesfällen berichtet wurde. Auch für Nordrhein-Westfalen zeigte sich im Vergleich zu den Vorjahren im August ein deutlicher Anstieg der Todesfälle von knapp über 80 (2001 und 2002) auf fast 95 pro 100000 Einwohner [1]. Das Gesundheitsamt für den Kreis Siegen-Wittgenstein erfasst seit Ende 2001 die Angaben des Totenscheins der dort verstorbenen Personen im Programm PET (Programm zur Erfassung von Totenscheinen). Bestandteil ist eine Kodierung aller auf dem Totenschein angegebenen Todesursachen und Krankheiten mit der ICD-10 und eine Festlegung der unikausalen Todesursache. An Hand dieses Datenbestandes wurde geprüft, ob sich Hinweise auf einen hitzebedingten Anstieg der Mortalität im Kreis Siegen-Wittgenstein im Jahr 2003 finden.

Material und Methoden

PET wurde mit Microsoft Access® 97 entwickelt. Aus Siegen-Wittgenstein stand die Datenbank mit den kompletten Totenscheinen aus 2002 und 2003 zur Verfügung. Der Rohdatenbestand wurde um Datensätze mit schwerwiegenden Implausibilitäten (z. B. Fehlen der unikausalen Todesursache) bereinigt. Zur weiteren Analyse verblieben 2739 Sterbefälle in 2002 und 2872 in 2003. Wetterdaten der Stationen Siegen und Bad Marienberg wurden vom Deutschen Wetterdienst für beide Jahre bezogen. Neben den dort aufgeführten Parametern wurde zur Berücksichtigung der gefühlten Temperatur der Hitzeindex nach [2] gebildet.

Die Prüfung der Daten auf Vollständigkeit, Plausibilität und formale Richtigkeit erfolgte in SAS®, Version 8.2. Vor Durchführung der Plausibilitätsprüfungen wurden die Daten nach SAS® importiert und dort aufbereitet. Statistische Analysen wurden mit SPSS® für Windows, Release 12.0.1, sowie mit R, Version 2.0.1, durchgeführt. Mit der linearen Regression und der Poisson-Regression wurde der Einfluss von Hitze auf die Mortalität des jeweiligen Tages und auf die Mortalität an den Folgetagen untersucht. Ein genereller Zusammenhang zwischen mittlerer Temperatur und Mortalität wurde nach dem Verfahren von Keatinge et al. über die mittlere Anzahl von Sterbefällen pro Tag über Temperaturbänder von 3 °C geprüft [3]. Zur Berechnung der Poisson-Regression wurde die Funktion "glm" des Basispakets von R mit dem Parameter family = poisson(link = log) auf die Daten angewendet. Für die Analyse nominaler Daten wurde der Chi-Quadrat-Test verwendet, für die Analyse stetiger Daten der t-Test für unverbundene Stichproben bzw. die einfaktorielle Varianzanalyse mit Adjustierung nach Bonferroni. Signifikanz wird angenommen bei einem p < 0,05. Mittelwerte wurden immer als arithmetischer Mittelwert gebildet.

Ergebnisse

Eine Hitzewelle, definiert durch mehr als 3 aufeinander folgende Tage mit einer maximalen Temperatur ab 32 °C [4], findet sich nur von Sonntag, dem 3. August 2003, bis einschließlich Dienstag, dem 12. August 2003. Auffällig ist im Vergleich zu 2002 eine weiterhin deutliche nächtliche Abkühlung, auch in diesen Tagen.

Während die Anzahl Sterbefälle in 2003 um rund 5 % höher liegt als in 2002, sind es im Vergleich der Kalendermonate für den August nur 2 %. Die Sterbezahlen in den von der Hitzewelle betroffenen Kalenderwochen und Tagen liegen in der Regel oberhalb des Medians der Anzahl Sterbefälle, ohne allerdings die Höchstzahlen zu erreichen.

Der generelle Effekt der Temperatur lässt sich nach dem Ansatz von Keatinge et al. [3] auch in Siegen-Wittgenstein nachweisen. Im Vergleich zum Bereich der mittleren Temperatur von 10,6 °C bis unter 13,6 °C steigt die Anzahl Sterbefälle pro Tag sowohl bei niedrigeren (p=0,013) als auch bei höheren Temperaturen (p=0,042). Bei Auftragen von 3 °C-Bändern der mittleren Temperatur zeigt sich der von Keatinge et al. beschriebene U-förmige Verlauf (s. Abbildung 1 [Abb. 1]).

Die lineare Regression und die Poisson-Regression zeigen einen gleichgerichteten Einfluss des Wetters auf die Sterblichkeit. Ein Ausschnitt der Ergebnisse ist in Tabelle 1 [Tab. 1] dargestellt. Ein Einfluss der Temperatur auf die Sterblichkeit an den Folgetagen findet sich nicht.

Diskussion

Obwohl auch Siegen-Wittgenstein von einer Hitzewelle betroffen war, findet sich dort nicht die für NRW dargestellte Häufung von Todesfällen im August 2003. Allgemein kann in Übereinstimmung mit der Literatur eine statistisch signifikant höhere Mortalität bei Temperaturen festgestellt werden, die höher oder niedriger liegen als das Temperaturband von 10,6 °C bis unter 13,6 °C mit geringer Mortalität.

In der Regression lässt sich für Sommer und Herbst ein Anstieg in Abhängigkeit von der Temperatur nachweisen, ohne dass dies die Unterschiede der Sterblichkeit pro Tag nennenswert erklären könnte, wie das niedrige R-Quadrat belegt. Der nachgewiesene Effekt tritt am selben Tag auf; der Einfluss auf die Folgetage verringert sich deutlich. Es ist zu vermuten, dass Siegen auf Grund seiner geographischen Lage in der Region Siegerland-Wittgenstein am Rande des Rothaargebirges nicht repräsentativ ist für die Bundesrepublik Deutschland.

Sinnvoll sind weiterführende Untersuchungen mit einer breiteren Datenbasis. Hierzu könnte eine tagesgenaue Nacherfassung von Totenscheinen ausgewählter Regionen in Nordrhein-Westfalen erfolgen. Neben dem Einfluss von Hitze sollte dann auch der Effekt besonders niedrigerer Temperatur geprüft werden, für den sich in den Daten des Kreises Siegen-Wittgenstein ebenfalls Hinweise finden.

Danksagung

Das Projekt wurde vom Landesinstitut für den Öffentlichen Gesundheitsdienst NRW, Bielefeld, finanziert. Wir danken dem Gesundheitsamt Siegen für die Überlassung der Daten sowie Herrn Priv.-Doz. Dr. Markus Neuhäuser und Herrn cand. med. Thomas Kamphausen aus dem IMIBE für ihre Unterstützung.


Literatur

1.
Landesinstitut für den Öffentlichen Gesundheitsdienst NRW. Hitzetote in Nordrhein-Westfalen im Sommer 2003? http://www.loegd.nrw.de/1pdf_dokumente/2_gesundheitspolitik_gesundheitsmanagement/nrw-kurz-knapp/hitzetote.pdf [Zugriff am 9.12.2004].
2.
Smoyer KE. A comparative analysis of heat waves and associated mortality in St. Louis, Missouri - 1980 and 1995. International Journal of Biometeorology 1998; 42: 44-50
3.
Keatinge WR, Donaldson GC, Cordioli E, Martinelli M, Kunst AE, Mackenbach JP, Nayha S, Vuori I. Heat related mortality in warm and cold regions of Europe: observational study. British Medical Journal 2000; 321: 670-3
4.
Smoyer KE, Rainham D, Hewko JN. Heat-stress-related mortality in five cities in Southern Ontario: 1980-1996. International Journal of Biometeorology 2000; 44: 190-7